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Eifel-Rekruten brechen selten ihren Dienst ab

Gerolstein/Daun. In der Gerolsteiner Eifelkaserne und der Dauner Heinrich-Hertz-Kaserne scheint es den freiwilligen Wehrdienstleistenden gut zu gefallen. Denn während im Rest der Republik fast jeder Dritte den Dienst vorzeitig abbricht, bleiben die Rekruten in der Vulkaneifel der Bundeswehr treu. Tobias Senzig

Gerolstein/Daun. Regentropfen klatschen auf die Wiesen des Übungsplatzes. Die Windige Höhe in Gerolstein, auf der die Eifelkaserne steht, macht ihrem Namen wieder alle Ehre.
27 junge Rekruten sind bei dem Sauwetter auf dem Gras neben den Radarschüsseln, Garagen und Lagerhallen der Kaserne angetreten. Sie sind freiwillige Wehrdienstleistende der Bundeswehr und absolvieren beim Führungsunterstützungsbataillon 281 in Gerolstein ihre Grundausbildung. Heute auf dem Programm: "Orts- und Häuserkampf". Immer wieder müssen die Rekruten dabei ihre Waffe, das Sturmgewehr G 36, in Anschlag bringen, entsichern, zielen. "Geschossen wird heute aber noch nicht", erklärt Leutnant Hans-Peter Wiederkehr, der die Übung vom Rand des Platzes aus beobachtet.
Feldjäger bleiben in der Kaserne


Die Soldaten sind erst seit Jahresbeginn beim Bund. Und dennoch: Vier aus ihrer Gruppe haben bereits in der ersten Woche ihren Einsatz fürs Vaterland abgebrochen. Die Zahl der Freiwilligen, die ihren Wehrdienst vorzeitig beenden, ist groß: Bundesweit bricht jeder Dritte den Dienst an der Waffe ab, die meisten noch in der Grundausbildung.
Ralph Kolkmann, stellvertretender Kommandeur in der Eifelkaserne, hat dafür Verständnis: "Einige junge Menschen wollen die Wartezeit auf Ausbildung oder Studium nutzen und melden sich zum freiwilligen Wehrdienst. Dann erhalten sie kurzfristig doch ein Ausbildungsangebot und verkürzen deshalb ihr Engagement - das ist nur verständlich", erklärt der Oberstleutnant.
Aber unter den Nachwuchskriegern gibt es auch einige, die offenbar eine falsche Vorstellung von ihrem neuen Job haben: "Es gab einen Freiwilligen, der sich nach fünf Tagen Grundausbildung krankschreiben lassen wollte. Er sagte, sein Körper fühle sich seltsam an. Es stellte sich heraus, dass er Muskelkater hatte", erinnert sich Kolkmann lachend. Fälle wie dieser seien zwar nicht an der Tagesordnung, so der Offizier, trotzdem seien immer weniger junge Menschen es gewohnt, körperlich zu arbeiten - oder einfach an der frischen Luft zu sein.
Der Bundeswehr stehen nach Abschaffung der Wehrpflicht im Juni 2011 keine Instrumente mehr zur Verfügung, um Wehrdienst-Abbrecher zurückzuholen. Bis vor wenigen Jahren wurden noch die Feldjäger ausgesandt, um Totalverweigerer, Fahnenflüchtige und unerlaubt von der Truppe abwesende Soldaten aufzuspüren. "Heute wird einfach nur der Arbeitsvertrag beendet", sagt eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums auf TV-Anfrage. Die hohe Abbrecherquote nimmt die Bundeswehr dabei in Kauf: "Die jungen Leute sollen erst einmal reinschnuppern können. Während der Freiwilligenphase können sie jederzeit kündigen." Es sei besser, dass die Unmotivierten die Möglichkeit hätten, zu gehen. So würden sie nicht auch noch den Rest der Truppe demotivieren, so die Sprecherin.
Keine Abbrecher in Daun


In der Dauner Heinrich-Hertz-Kaserne, wo der Fernmeldebereich 93 und die Fernmeldeaufklärungseinheit 931 stationiert sind, gibt es keine Grundausbildung. 39 Soldaten, darunter drei Frauen, verrichten hier ihren Freiwilligendienst. "Sie werden im Stabsdienst, als Kraftfahrer und als Ordonnanzen eingesetzt", berichtet Hauptmann Mario Schneider.
Durchschnittlich 21 Monate verbringen die jungen Männer und Frauen in Daun. Den Dienst abgebrochen hat noch niemand von ihnen, betont Schneider. "Wir hegen und pflegen die jungen Leute hier", sagt er scherzhaft. Der Hauptmann ist stolz darauf, dass seine Truppe dem bundesweiten Trend entgegensteht - eine Erklärung dafür kann er aber nicht liefern. "Wir wissen nicht konkret, warum sie hier so zufrieden sind", sagt er. Auch in Gerolstein ist die Abbrecherquote unter dem Bundesschnitt. Nur zehn Prozent der neuen Soldaten verlassen während der Grundausbildung die Eifelkaserne. Auch der Großteil der 47 anderen Freiwilligen, die seit ihrer Grundausbildung als Kommunikationstechniker in Gerolstein eingesetzt sind, hielten dem Bataillon in der Eifel bis jetzt die Treue.
Am Wetter kann das nicht liegen. Der Regen hat den Rasen auf dem Übungsplatz der Eifelkaserne inzwischen in eine Matsch-wiese verwandelt. Auch kleine Eisbällchen fallen jetzt vom Himmel. "Das ist doch noch gar nichts", ruft Leutnant Wiederkehr lachend in den Wind. Auch den neuen Freiwilligen scheint die Witterung nicht viel auszumachen. Sie halten entschlossen ihre Waffe fest. Anlegen, entsichern, zielen. Schießen kommt später.