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Eifeler schraubt und lebt für den Prinz und Co.

FOTO: (e_daun )
Bleckhausen. Werkstatt oder Museum? Verwinkelter Hobbyraum oder Innovationen-Schmiede eines Marken-Besessenen? So ganz weiß man nicht, welches Attribut man diesem äußerlich so unscheinbaren Gebäude in der Gemeinde Bleckhausen verleihen soll. Fest steht nur: Hier ist jemand mit großem Können und einem ebenso großen Herz für das, was er tut, am Werk. Jürgen C. Braun

Bleckhausen. NSU: Drei Buchstaben, die für mehr als ein Jahrhundert deutscher Mobilitätsgeschichte auf zwei und vier Rädern stehen. NSU: linguistischer Hinweis auf den frühen Standort des Unternehmens in der schwäbischen Kleinstadt Neckarsulm. Und heute (leider) auch ein Synonym, das für eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte steht. Drei Buchstaben aber auch, die Wolfgang Schneider, einen Menschen mit "Benzin im Blut", seit frühester Jugend begleitet haben. Drei Buchstaben, die ihn zu einem praktischen und theoretischen Alleskönner und Alleswisser rund um Motorräder und Automobile der deutschen Kult-Marke gemacht haben.
Einer, dessen Arbeiten und Fachwissen aus der tiefsten Historien-Kiste des Hauses überall gefragt sind. Bei Kunden aus der ganzen Welt, an Schulen als Lehrer, am Audi-Museum (Marken-Nachfolger des Hauses NSU) in Neckarsulm und wohl auch letztendlich bei ihm selbst. Schneider weiß um seine exponierte Stellung in dieser automobilen Nische, die er besetzt wie kein Zweiter. Aber er macht kein Aufhebens darum. Weder von seinem Können, seinem Wissen, noch von seiner Person. Weil es ja eigentlich schon seit Jahrzehnten so ist und damit auch nichts Besonderes - für ihn. Für andere schon.
Aufgewachsen in der Nähe von Kelberg, schnupperte er die Luft des nahen Nürburgrings schon zeitgleich mit dem Duft von Mutters selbst gebackenen Weihnachtsplätzchen aus frühen Kindertagen. 1976 beim legendären Elefantentreffen war der junge Wolfgang - im Alter von gerade mal 13 Lenzen - zum ersten Mal auf dem "Ring". "Mit einer 98er NSU. Im Schnee auf der Betonpiste. ,Ein unvergessliches Erlebnis. So was prägt ein Leben lang", erzählt er uns inmitten von fertigen, halb fertigen, skelettierten und liebevoll wieder restaurierten Motorrädern. Ein paar Quadratmeter, auf drei Etagen voll bepackt mit Werkzeugen, Teilen, Asservaten, Regalen. Mit unglaublich seltenen Erinnerungsstücken an den Wänden, die ihresgleichen suchen. "Das war mal früher ein Ochsenstall, den haben wir umgebaut", erzählt Schneider. Mit "wir" meint er wohl in erster Linie "ich." Ein Mann mit Händen, die zupacken können, die Maschinen auf dem Nürburgring oder bei der Tourist Trophy auf der Isle of Man im Renntrimm bewegt haben. Mit Händen aber auch, die ein Buch über die Rennsport-Geschichte des Hauses NSU geschrieben haben. Erschienen im Heel Verlag 2001, heute noch aufgelegt.
Schneider, Kfz-Meister, Lehrer unter anderem an der Ausbildungs-Werkstatt im Neckarsulmer Audi-Werk, ist ein Tausendsassa. Mit Kopf, Hand, Hirn und Herz. Einer, der die Leidenschaft am Verbrennungsmotor vom Vater geerbt hat. "Der Vater fuhr als einer der Ersten in Deutschland bereits 1961 Kartrennen", erzählt er. Mit dem "alten Teil" seines "alten Herrn" habe er dann als Heranwachsender "zu Hause die Feldwege unsicher gemacht."
Schon mit 15 Jahren hatte er eine ganze Sammlung von Mopeds und Motorrädern. NSU alle selbstverständlich. In den 1990er Jahren stellte er seine Exponate regelmäßig bei der Technoclassica in Essen aus (siehe dazu Extra). Dort sprachen ihn die Audi-Leute an, so entstand eine jahrelange Geschäftsbeziehung. Schneiders Gruppe 2 NSU TTS, mit dem er jahrelang selbst Rennen fuhr, stand im Audi-Museum in Neckarsulm. Bis ihn die Ingolstädter vor einem Jahr mit nach Tokio nahmen, als dort der neue Audi TTS weltweit präsentiert wurde. Als ein Stück Firmen- und Zeitgeschichte.
Und als ein Gruß aus der Vulkaneifel hinüber in die Millionenmetropole eines Volkes von Automobilisten. Über Jahrzehnte und Tausende Kilometer hinweg. Und als Gruß einer Idee, die Völker miteinander verbindet. Auch das kann die Botschaft der drei Buchstaben NSU sein.
Extra

Die Technoclassica ist die weltweit größte Fachmesse für Oldtimer, Classic- und so genannte Prestige-Automobile. Vor allem im Bereich Motorräder, Ersatzteile und Restaurierung ist die Messe führend. Sie findet in jedem Jahr im April auf dem Ausstellungsgelände der Essen Messe GmbH statt. In diesem Jahr kamen an vier Tagen 190 000 Besucher, 1250 Aussteller aus mehr als 40 Nationen waren vor Ort. jüb

Mit diesem NSU-Fahrzeug war Wolfgang Schneider auf der Rundstrecke und am Berg als Motorsportler unterwegs.
Mit diesem NSU-Fahrzeug war Wolfgang Schneider auf der Rundstrecke und am Berg als Motorsportler unterwegs. FOTO: (e_daun )