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Geschichten rund ums Klösterchen

Das Hauptgebäude links wurde 1944 in einem Luftangriff nahezu zerstört, 15 Menschen starben. Foto: Archiv Michael Meyer
Das Hauptgebäude links wurde 1944 in einem Luftangriff nahezu zerstört, 15 Menschen starben. Foto: Archiv Michael Meyer FOTO: (e_pruem )
Stadtkyll. Michael Meyer hat ein Buch über das Kloster der Franziskanerinnen in Stadtkyll geschrieben. Seine Mutter hat dort als Hausmädchen gearbeitet. Ein besonders wichtiges Kapitel aber hat weniger mit den Schwestern zu tun. Fritz-Peter Linden

Stadtkyll Nichts erinnert noch ans frühere "Klösterchen", wie es die Stadtkyller bis heute liebevoll nennen. Das Gelände ist längst in Privatbesitz, das Gebäude in der Dorfmitte seit 2003 abgerissen. Aber fast 90 Jahre lang gehörten die Waldbreitbacher Franziskanerinnen zum Gemeindeleben.
In ihrer Obhut wurden arme und kranke Menschen gepflegt, Mütter erholend betreut, kamen bis 1961 nahezu alle Stadtkyller Kinder zur Welt und wurden bald darauf auch im hauseigenen Kindergarten betreut - in einem kleinen Nebengebäude in der Wirftstraße.
Michael Meyer hat jetzt ein Buch über die Geschichte des Klosters herausgebracht. Nicht zuletzt wegen einer persönlichen Verbindung: Denn in den 1930er Jahren war seine Mutter Katharina Brand dort als Hausmädchen tätig. Meyer und seine Familie stammen aus Kronenburg, auf nordrhein-westfälischer Seite des Oberen Kylltals, heute lebt er in Dierdorf im Westerwald.
Grundlage des Buchs ist die Chronik der 1884 gegründeten Niederlassung. Die Oberinnen schrieben Jahr um Jahr die Ereignisse im Kloster auf, Meyer hat die Notate transkribiert. Sie geben Einblick ins Leben der insgesamt 165 Schwestern, die bis zur Schließung des Klosters 1972 in Stadtkyll gelebt und gearbeitet haben.
Allerdings zeigen die Aufzeichnungen auch: Die Schwestern lebten zwar im Dorf, arbeiteten mit den Bürgern und für die Menschen in Stadtkyll und Umgebung. Aber Ereignisse von jenseits der Klostermauern finden selten nähere Ewähnung - auch nicht die politischen in der Zeit, als das Land unter die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten geriet.
Mit einer dann allerdings sehr traurigen Ausnahme: als an Silvester 1944, fast genau 60 Jahre nach der Gründung, Bomben auf das Dorf und das Haus fallen und die Mauern niederreißen: "So war die Lage im Grenzgebiet Prüm-Losheimergraben", schreibt Schwester Philippine: "Maschinengewehre knatterten, die Straßen wurden von Tieffliegern bombardiert und beschossen, der Himmel verfärbte sich in der Nacht blutrot …"
Das Kloster wurde schwer getroffen. 15 Menschen starben: sieben Schwestern, der Hausgeistliche, fünf Angestellte und zwei Patientinnen.
An einer weiteren Stelle in den Aufzeichnungen wird deutlich, dass die Schwestern offenbar nicht alles aus dem Leben in der Gemeinde mitbekamen: Als es 1968 um den runden Geburtstag des Dechanten Adam Neuneyer geht. "Im März des Jahres vollendete unser Herr Dechant Neuneyer sein 70. Lebensjahr … Die Pfarrgemeinde kann sich glücklich schätzen, einen solch bescheidenen, frommen Priester als Seelsorger zu haben." Die gesamte Gemeinde habe dem Pfarrer "eine schöne Feierstunde im Vereinshaus" bereitet. "Auch die Kleinen unseres Kindergartens wirkten mit und ernteten den meisten Beifall. Unser Herr Dechant ist nämlich ein besonderer Freund der Kinder."
Nun ja. Wer heute einige der damaligen Kinder nach Neuneyer befragt, der erfährt: Die Zuneigung des Herrn Dechanten ging nicht selten so weit, dass sie schmerzende Schwielen in ihren Gesichtern zurückließ.
Die Gewalttätgkeit des Pastors aber ist nicht den Schwestern vorzuwerfen. Sie taten viel und lauter Gutes, wie auch aus dem Buch hervorgeht.
Ergänzt wird die Chronik des Klösterchens durch eine Darstellung seiner Geschichte, die Namen aller Ordensfrauen und Porträts der Menschen, die damals in Verbindung zu ihnen standen sowie umfangreiches Quellenmaterial und viele historische Fotos.
Ein Verdienst inmitten all der Fleißarbeit, die sich Meyer für das Buch angetan hat, ist das Sonderkapitel über den Stadtkyller Pfarrer Josef Knichel.
Denn der war von deutlich anderem Kaliber als sein Nachfolger Neuneyer. Knichel legte sich in den 1930er Jahren furchtlos mit den Nazionalsozialisten an und geriet in Lebensgefahr. Das Bistum zog ihn per "Urlaub" aus der Schusslinie, er floh nach St. Vith, erhielt eine Pfarrei in den Ardennen, musste nach dem Einmarsch der Deutschen erneut fliehen, wurde in Frankreich gefangen genommen, übel misshandelt und ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Knichel überlebte das Grauen und die Haft im "Priesterblock" und erhielt vom Bistum - nach langem Hin und Her - eine kleine Pfarrstelle bei Wittlich. Er starb, als schwer kranker Mann, 1955. "Das lag mir am Herzen, dass das noch mal berichtet wird", sagt Michael Meyer. Gut so.
Michael
Meyer:
Die Geschichte des Klosters Stadtkyll.
430 Seiten, 28,99 Euro. ISBN
978-3-7448-8694-9

Das Klösterchen kurz vor dem Abriss 2003. TV-Foto: Archiv/Fritz-Peter Linden
Das Klösterchen kurz vor dem Abriss 2003. TV-Foto: Archiv/Fritz-Peter Linden
FOTO: (e_pruem )