| 20:33 Uhr

Ruhestandspfarrer deckt Geschichte der beiden Gräber vor der Erlöserkirche auf

 Die Gedenkstätte für die Diakonisse Edmeé und eine Pfarrersfrau soll im Rahmen der 100-Jahr-Feier der Erlöserkirche restauriert werden. Foto: Hans-Martin Stüber
Die Gedenkstätte für die Diakonisse Edmeé und eine Pfarrersfrau soll im Rahmen der 100-Jahr-Feier der Erlöserkirche restauriert werden. Foto: Hans-Martin Stüber
Gerolstein. Edmeé-Athenáis Adriányi ist 1945 bei einem Bombenangriff auf Gerolstein in der Nähe der Erlöserkirche getötet und vor dem Pfarrhaus beerdigt worden. Was über das Leben der Diakonisse bekannt ist und was es mit der Gedenk-Stele auf sich hat, erzählt Pfarrer Hans-Martin Stüber.

Gerolstein. Von Zeitzeugen weiß Hans-Martin Stüber, evangelischer Pfarrer im Ruhestand, dass die aus Ungarn stammende und in Kaiserswerth bei Düsseldorf tätige Edmeé-Athenáis Adriányi zu Beginn des Zweiten Weltkriegs Urlaub im Diakonissen-Erholungsheim in Gerolstein machte. Doch statt wie ursprünglich geplant ihren Dienst in Jerusalem wiederaufzunehmen, blieb sie in der Eifelstadt und unterstützte die beiden hier stationierten Schwestern.
Was er darüber hinaus in Erfahrung gebracht habe, sei für ihn das Bemerkenswerte an Schwester Edmeé, erklärt Stüber. Nicht nur, dass sie den Küsterdienst in der Erlöserkirche übernommen und mehrsprachige Führungen durch die Kirche und das Museum Villa Sarabodis gehalten habe. "Sie kümmerte sich um deutsche Soldaten und Männer des Reichsarbeitsdienstes, um französische Fremdarbeiterinnen und russische Kriegsgefangene", berichtet der Pfarrer. Und bis zu deren Deportation 1942 habe ihre Sorge der neben der Kirche wohnenden jüdischen Familie Levy-Mansbach gegolten. Sie gab ihnen ihre Lebensmittelkarten und ließ den vom Schulbesuch ausgeschlossenen Sohn auf dem Kirchplatz spielen und beim Küsterdienst helfen. Gegenüber den NS-Parteibonzen habe sie "ganz im Sinne des Evangeliums" kein Blatt vor den Mund genommen.
Als beim Fliegerangriff auf Gerolstein am 2. Januar 1945 Bomben auf das Gelände der Erlöserkirche fielen, kam die Schwester im Alter von 50 Jahren ums Leben; sie wurde noch am gleichen Tag vor dem Pfarrhaus beerdigt. Seit dem Karfreitag 1951 ist ihre Grabstelle Teil der Kriegsgedenkstätte der Evangelischen Kirchengemeinde Gerolstein. Eine zweite Sandsteinplatte erinnert an Martha Wiebel, Ehefrau des damaligen Pfarrers Bernhard Wiebel. Sie war 37-jährig am 31. August 1945 an offener TBC gestorben und an der Seite von Schwester Edmeé beigesetzt worden. Auch von Wiebel ist uneigennütziges Verhalten überliefert: Trotz ihrer Erkrankung habe sie ihre Sonderzuteilungen Milch an bedürftige Kinder weitergegeben.
Ergänzt werden die Grabplatten der Frauen von einer schlichten Stele mit einem Kreuz auf einer Weltkugel und der Inschrift: "1935 - 1945. Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind (Psalm 32,1)". Am Einweihungstag der Gedenkstätte, jenem Karfreitag 1951, an dem auch Pfarrer Wiebel verabschiedet wurde, sicherte das Presbyterium ihm die dauernde Pflege der Anlage zu. "Und das freut mich besonders", sagt Hans-Martin Stüber im Gespräch mit dem TV, "dass im Rahmen der 100-Jahr-Feier der Erlöserkirche die Grabplatten und die Stele restauriert werden." bb
Extra

Hans-Martin Stüber ist 79 Jahre alt und stammt aus Koblenz. Bevor er 1980 die Pfarrstelle Gerolstein-Jünkerath übernahm, war er Dorfpfarrer in Schauern-Kempfeld (Hunsrück), Standortpfarrer in Büchel (Kreis Cochem-Zell) und Pfarrer bei den Marinefliegern in Nordholz (bei Cuxhaven). Seit 1995 ist Stüber im Ruhestand, den er mit seiner Frau in Gerolstein verbringt. Den TV-Lesern ist er als Autor der Rubrik "Glaube im Alltag" bekannt. bb