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Von krummen Rücken und kaltem Muckefuck

Wie sich die Getreideernte vor vielen Jahren gestaltete, zeigt diese Aufnahme aus Salmrohr. Foto: privat
Wie sich die Getreideernte vor vielen Jahren gestaltete, zeigt diese Aufnahme aus Salmrohr. Foto: privat
Daun/Prüm/Bitburg/Wittlich. Mehr als die Hälfte der Gesamtfläche des Eifelkreises wird landwirtschaftlich genutzt; im Kreis Vulkaneifel sind es rund 42 Prozent, im Kreis Bernkastel-Wittlich sind es rund 37 Prozent. Trotz des Strukturwandels in der Landwirtschaft spielt die Getreidewirtschaft dort auch heute noch eine große Rolle. Die Arbeit in Hof, im Stall und im Ackerbau war früher eine schwere Handarbeit, besonders während der Ernte.

Daun/Prüm/Bitburg/Wittlich. Für die Fläche, die heute ein Landwirt in einer Stunde mit seinen Maschinen an Getreide mäht, drischt und in die Scheune bringt, hätte er früher 150 Mägde und Knechte benötigt. Noch vor rund 70 Jahren bestand die sehr anstrengende Getreideernte aus vielen Einzelschritten.
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War das Getreide reif, ging es mit möglichst vielen Helfern auf die Ährenfelder. Und das waren meistens Frauen, Kinder und Jugendliche. Die kräftigsten Männer griffen nach der Korbsense (Reff) und begannen mit dem Mähen der Halme. Onkel Nikla weiß es besser: "Gras mäht man, aber Getreide wurde mit der Sense geschlagen oder geschnitten."
Am Hosengürtel der Schnitter hing das Schlotterfass, meistens ein hohles Kuhhorn, in dem sich Essigwasser und der Wetzstein befanden.
Kaum lagen die ersten Halme in Schwaden geschnitten danieder, folgten Frauen oder die älteren Mädchen, rafften mit einer Sichel schnell einen Arm voll Getreide. Dieses Bündel banden sie dann mit Jutestricken oder Hanfschnüren, meist aber mit kunstvoll gewundenen Garbenbändern (Strohbändeln) aus Roggenstroh zu einer Garbe zusammen.
Es war dann die Aufgabe der jüngeren Mädchen oder Jungen, diese Garben aufzuheben und mehrere von ihnen anschließend zum Trocknen aneinandergelehnt aufzustellen. Eine Garbe wurde senkrecht in die Mitte gestellt, und an diese dann je nachdem fünf bis acht bis 15 Garben im Kreis daran angelehnt. Die Spitze wurde mit einem Seil aus Stroh oder sogar Weideruten fest zusammengebunden. Hocke, Puppe oder Stiege wurden solche Gebilde genannt, im Eifeler Sprachraum meist Kornkasten.
Als Schutz gegen Regen diente dann eine besonders dicke Garbe, die dann mit den Ähren nach unten wie ein Hut auf den Kasten gesetzt wurde. "Wenn du das stundenlang in schwüler Hitze und mit krummem Rücken getan hast, weiß du bald nicht mehr, ob du Männchen oder Weibchen bist", schmunzelt Onkel Nikla und erzählt weiter.
Auch über die Mittagspause weiß er zu berichten (siehe Extra). Schlimm war, wenn es in die Ernte oder in die aufgestellten Garben regnete. "Das war unsere Sorge", erinnert sich Onkel Nikla, "denn wenn die Ähren nicht abtrockneten, wuchsen sie aus, sie keimten. Dann war es vorbei mit feinem Mehl oder dem Gewinn beim Verkaufen. Schien dann die Sonne, hielt es uns nicht im Haus. Nichts wie ab ins Feld und umsetzen, hieß es dann. Und dann wurden all die Hunderte von Garben auseinandergenommen, gelüftet und wieder neu aufgestellt."
Eine Aufgabe für Kinder


Nach etlichen Tagen Trocknens kam dann der mit Pferden oder mit Kühen bespannte Leiterwagen aufs Feld gefahren.
Die Männer reichten die Garben mit der Mistgabel hinauf. Im Wagen wurden diese dann sach- und fachgerecht gestapelt. Eine Aufgabe für Kinder, aber für geschickte. Denn das Stapeln war schon eine Kunst. Anderenfalls hätte der Erntewagen leicht eine Schieflage bekommen oder die gesamte Getreidefuhre wäre bei dem schlechten und holprigen Zustand der Feldwege leicht umgekippt. Eine doppelte Arbeit und eine Schande für den Bauern, über dessen Missgeschick man noch nach Wochen am Wirtshaustisch gespöttelt hätte.
Auf älteren Fotos sieht man noch solche in Reih und Glied aufgestellte Garben - der Stolz eines jeden Bauern, der Lohn für lange, harte Arbeit. Es sind Fotos mit nostalgischem Wert, Diese Kasten sieht man wohl nirgendwo mehr in Deutschland. aviEin Augenzeugenbericht aus der Erntezeit vor rund 70 Jahren: "Mittags wurde Pause gemacht, wenn möglich im Schatten eines Baumes. Literweise wurde dann getrunken, entweder Drees oder einfach leicht gezuckertes Essigwasser. Aber wir Männer bekamen meist kalten Muckefuck. Gegessen wurde kräftiges Brot mit Speck oder Suppe, die die Großmutter zu Hause zubereitet hatte und von einem ihrer vielen Enkel aufs Feld gebracht wurde."