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Umwelt
Der Mais ist ein Problem

Manfred Weishaar vom Nabu hat dieses Foto bei Weinsheim in der Eifel geschossen. Mais, in Plastik verpackt. „Vielleicht müssen unsere Landwirte wieder lernen, mit der Natur statt gegen sie zu arbeiten“, schreibt er dem TV.
Manfred Weishaar vom Nabu hat dieses Foto bei Weinsheim in der Eifel geschossen. Mais, in Plastik verpackt. „Vielleicht müssen unsere Landwirte wieder lernen, mit der Natur statt gegen sie zu arbeiten“, schreibt er dem TV. FOTO: TV / Manfred Weishaar, Gusterath
Trier. Wenn Boden nicht bedeckt ist, fließt Wasser oberflächlich ab und kann zu Überschwemmungen führen. Andere Anbaumethoden könnten helfen.

Nach den schweren Überschwemmungen der vergangenen Tage stellte sich immer wieder die Frage „Ist der Mais mit schuld daran?“ Eine Antwort hat Andreas Kaiser, der in Trier Geografie studiert, in Sachsen über Bodenerosion promoviert hat und sich nun mit einer Firma selbstständig gemacht hat, die die Gefahr von Hochwasser und Bodenerosion mit Hilfe digitaler Modelle abschätzt. Von Schuldzuweisungen hält er allerdings nichts. Man müsse sachlich  diskutieren. In Sachsen hat der Diplom-Geograf Starkregenereignisse simuliert und getestet, welche Auswirkungen diese bei unterschiedlichen Feldfrüchten und  Bearbeitungsmethoden hatten. „Die Ergebnisse waren eindeutig“, sagt er.

Alle Kulturen, die den Boden lange Zeit nicht vollständig bedecken – und dazu zählen Kartoffeln, Erdbeeren und auch Mais – schneiden deutlich schlechter ab als Getreide und viel schlechter als Grünland. Und das ist auch logisch: Da, wo Pflanzen wachsen, fangen diese die Tropfen ab und bremsen deren Aufprall auf den Boden. Unter Wald oder im Grünland kann das Wasser daher versickern. Abfluss gebe es dort so gut wie gar nicht. Erst wenn der Boden komplett mit Wasser gesättigt ist, fließt es auch im Grünland oberflächlich ab. „Aber deutlich weniger als im Mais“, sagt Kaiser.

Auf einem Feld mit jungem Mais hingegen trifft der Tropfen ungebremst auf den Boden und zerschlägt dessen Mikrostruktur, wodurch Poren verschlossen werden. Die Bodenoberfläche werde verschlämmt und infolgedessen könne das Wasser sehr gut und sehr schnell abfließen. Wie auf einem Parkplatz. „Das ist ein Problem, weil in der Eifel so viel Mais wächst“, sagt Kaiser.

„Bei der ganzen Diskussion wird leider unter den Teppich gekehrt, wie viel Boden wir verlieren“, kritisiert der Experte. Pro Hektar gehe es bei einem einzelnen Starkregenereignis um bis zu 100 Tonnen Boden, die abgeschwemmt würden. Deshalb sind die Flüsse derzeit auch braun. Da nur ein bis zwei Millimeter neuer Boden pro Jahr entstehen, ist das ein ernstzunehmendes Problem.

„Was mich an der Politik stört, ist, dass immer mit baulichen Maßnahmen reagiert wird“, sagt er. Er ahne jetzt schon, dass in Dudeldorf bald ein Regenwasserrückhaltebecken gebaut werde. Dabei könne man mit anderen Feldbearbeitungsmethoden vieles erreichen.

Kleinere Felder, die von Grünstreifen begrenzt sind, würden laut Kaiser helfen, den Abfluss zu bremsen. Ebenso eine pfluglose Bearbeitung mit Direktsaat. Die Saat erfolgt dabei ohne vorherige Bearbeitung des Bodens und ohne, dass das alte Pflanzenmaterial vom Vorjahr entfernt wird.  So bleiben die Bodenporen, die für die Versickerung so wichtig sind, intakt. Und der Boden bleibt die ganze Zeit über bedeckt. In Kaisers Simulation hat sich der Abfluss so um die Hälfte reduziert. Zudem wurden sogar 90 Prozent weniger Boden abgeschwemmt. Eine weitere Möglichkeit, die Versickerung zu fördern, wären Untersaaten – also eine zweite Frucht, die den Boden bedeckt. Zudem hält Kaiser es für sinnvoll, die Tiefenlinie eines Feldes, in der sich das Wasser sammelt und abfließt, zu begrünen. Für Landwirte sei das natürlich ungünstig, weil sie dann nicht einfach durcharbeiten können. „Ohne Landwirte zu unterstützen, wird das nicht funktionieren“, glaubt der Geograf. Ohnehin würde er sich einen vorurteilsfreien Dialog zwischen Landwirtschaft und Forschung wünschen.

Michael Horper, Präsident des Bauern- und Winzerverbands Rheinland-Nassau, hat dem TV gegenüber in den vergangenen Tagen betont, dass er ebenfalls den Zeitpunkt für eine Diskussion über die großen Maisfelder gekommen sieht. Nach solchen Ereignissen „müssen wir uns darüber unterhalten: Wie können wir das für die Zukunft minimieren?“ Zwar stellt Horper sich an die Seite der Bauern, die man jetzt nicht für alles verantwortlich machen dürfe. Aber auch er hält ganz ähnliche Maßnahmen für sinnvoll wie Kaiser: Mehr Winterbegrünung, neue und bodenschonende Anbauverfahren, Grünlandstreifen zwischen den Feldern. Wichtig sei der Dialog, sagt er genau wie Kaiser.  So weit liegen Forschung  und Praxis demnach gar nicht auseinander.

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Aus der Luft sieht man tiefe Rillen auf einem Maisacker. Sie zeigen, dass dort viel Wasser abfließt und Boden mit sich reißt. Das rechts angrenzende Grün bremst die Fluten und hält den Boden zurück. Solche Grünstreifen könnten helfen, Überschwemmungen zu verhindern.
Aus der Luft sieht man tiefe Rillen auf einem Maisacker. Sie zeigen, dass dort viel Wasser abfließt und Boden mit sich reißt. Das rechts angrenzende Grün bremst die Fluten und hält den Boden zurück. Solche Grünstreifen könnten helfen, Überschwemmungen zu verhindern. FOTO: TV / Firma Geocoptix