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Gesundheit
Der schwierige und lange Weg zur Abtreibung

FOTO: dpa-tmn / Mascha Brichta
Trier. Beratungsstellen schlagen Alarm: Schwangere, die sich aus bestimmten Gründen gegen das Kind entscheiden, werden in der Region allein gelassen. Von Bernd Wientjes

Er möchte „das Klientel“ nicht in seiner Praxis, sagt der Frauenarzt aus Trier. Mit dem Klientel meint er Frauen, die sich für eine Abtreibung entschieden haben. Meistens seien das Frauen aus schwierigen Verhältnissen, selbst arbeitslos, hätten Probleme, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Es sind deutliche Worte des Arztes, die hart klingen. Aber sie sind ehrlich. Er bringe kein Leben um, nur weil die Frau die Verhütung nicht auf die Reihe bekäme.

Ein anderer Arzt spricht im Zusammenhang von Abtreibung von einem „Scheiß-Job“. Es sei nicht schön, „zappelnde Embryos“ aus der Gebärmutter zu ziehen. Auch das drastische Worte, die zeigen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass Frauenärzte Schwangerschaftsabbrüche vornehmen.

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In der Region gebe es keine Mediziner, die Abtreibungen machen würden, sagt Rudolf Sauter. Er ist Bezirksvorsitzender des Berufsverbandes der Frauenärzte. Er kann das nachvollziehen. Schließlich seien er und seine Kollegen Ärzte geworden, um Leben zu retten. Nicht um es zu beenden. Nichts anderes sei eine Abtreibung. Außerdem, so Sauter, müsse heute niemand mehr ungewollt schwanger werden. Trotzdem kennt er auch aus seiner Praxis Fälle, bei denen es so ist. Frauen etwa, die nach einem Seitensprung schwanger geworden sind und es dem Ehemann verheimlichen wollen. Oder Minderjährige aus muslimischen Familien, die ungeschützten Sex hatten und damit nicht mehr als Jungfrau in die Ehe gehen dürfen. Sauter hilft diesen Frauen, auch wenn er selbst keine Abtreibungen vornimmt. Nach dem vorgeschriebenen Besuch in einer Schwangerenkonfliktberatung, schickt er sie zur Abtreibung ins Saarland. Entweder zu der Beratungsstelle Pro Familia in Saarbrücken, wo Ärzte, die aus Altersgründen nicht mehr praktizieren, Abbrüche vornehmen. Oder zu einem Arzt in der Nähe von Neunkirchen.

Die Gründe, warum es in der Region keinen Arzt mehr gebe, der Abtreibungen vornehme, seien unterschiedlich. Zum einen hätten viele seiner Kollegen ihre Ausbildung in Kliniken in kirchlicher Trägerschaft gemacht und lehnten daher aus ethischen und moralischen Gründen solche Eingriffe ab. Zum anderen würden Schwangerschaftsabbrüche in der Medizinerausbildung keine Rolle mehr spielen. Claudia Heltemes, Geschäftsführerin der Beratungsstelle von Pro Familia in Trier, nennt noch einen weiteren Grund: „Die Alt-68er-Generation der Ärzte, die die Möglichkeit zur Entscheidung zum Schwangerschaftsabbruch als hart erkämpftes, nunmehr selbstverständliches Entscheidungsrecht der Frauen betrachten und unterstützen, gehen zunehmend in Ruhestand oder sind es bereits.“ Auch das derzeit von vielen Gerichten geahndete Werbeverbot für Ärzte sei ein Grund dafür. Zunehmend würden Ärzte verurteilt, die über das Angebot des Schwangerschaftsabbruchs in ihrer Praxis informieren, sagt Heltemes. „Das führt zu Verunsicherung. Warum sollten Gynäkologen dieses Risiko eingehen, wenn ihre Praxis bereits mit anderen Anliegen meist mehr als voll ausgelastet ist?“ fragt sie.

Nach dem Schwangerschaftskonfliktgesetz sei niemand verpflichtet, an einem Schwangerschaftsabbruch mitzuwirken, sagt die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabien Bätzing-Lichtenthäler. „Ärzte und Ärztinnen können hierzu nicht verpflichtet werden. Aus diesem Grund sind die Praxen und Einrichtungen, die diese Eingriffe vornehmen, regional unterschiedlich verteilt.“ Daher müssen gegebenenfalls auch Anfahrtswege in Kauf genommen werden.

Die wenigsten Frauen, sagt Sauter, müssen abtreiben, etwa weil das eigene Leben in Gefahr ist. Ein Blick in die Statistik bestätigt das. Von den 3871 Schwangerschaftsabbrüchen bei rheinland-pfälzischen Frauen waren gerade mal 2,4 Prozent medizinisch angeraten, es bestand also „eine Gefahr für das Leben oder die körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren, welche nur durch einen Schwangerschaftsabbruch abgewendet werden kann“, wie es im Paragraf 218 des Strafgesetzbuches heißt. In 0,1 Prozent der Abbrüche lag eine kriminologische Indikation vor, die Schwangerschaft war Folge einer Vergewaltigung. Der überwiegende Anteil der Abtreibungen bei rheinland-pfälzischen Frauen erfolgte nach der sogenannten Beratungsregelung. Schwangere, die sich gegen das Kind entscheiden, müssen nachweisen, dass sie an einer Schwangerschaftskonfliktberatung teilgenommen und danach eine dreitägige Bedenkfrist eingehalten haben. Der Schwangerschaftsabbruch ist in diesen Fällen nur innerhalb der ersten zwölf Wochen nach der Befruchtung straffrei.

331 solcher Schwangerschaftskonfliktberatungen hat die Beratungsstelle von Pro Familia im vergangenen Jahr in Trier durchgeführt. Laut Gesetz dient die Beratung dem Schutz des ungeborenen Lebens. Dabei soll die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft ermutigt werden und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind aufgezeigt werden. Die Leiterin von Pro Familia in Trier, Claudia Heltemes, räumt mit dem Vorurteil auf, dass überwiegend Minderjährige ungewollt schwanger werden. „Frauen werden in allen Altersbereichen des reproduktiven Lebens ungewollt schwanger“, sagt sie und verweist ebenfalls auf die Statistik. Rund drei Prozent der Frauen im Land, die im vergangenen Jahr abgetrieben haben, waren minderjährig. Den größten Anteil, mehr als ein Viertel, machten die 25- bis 30-Jährigen aus. Deutlich mehr als die Hälfte aller Frauen, die sich für einen Abbruch entschieden haben, war ledig.

Die Ursachen, warum eine Frau ungewollt schwanger wird, seien genauso vielfältig und unterschiedlich, wie die Gründe, die dazu führen, dass eine Frau über die Möglichkeit eines Abbruchs nachdenkt, sagt Heltemes. Sie nennt Beispiele: Frauen, die bereits ein oder mehrere Kinder haben, Frauen, die sich noch in Schule, Ausbildung oder Studium befinden, Frauen in wirtschaftlichen Notsituationen, Frauen in anspruchsvollen Karriere- oder Berufssituationen, Frauen mit Migrationshintergrund und schlechter Bleibeperspektive.

Frauen also, die sich in der Regel in schwierigen, psychischen Ausnahmesituationen befinden. Sie müssen aufgrund der Tatsache, dass es in der Region keine Möglichkeit gibt, Schwangerschaften abzubrechen, zusätzliche Strapazen auf sich nehmen. 100 Kilometer für eine einfache Fahrt etwa zur Beratungsstelle von Pro Familia in Saarbrücken. Für die betroffenen Frauen bedeute das eine zusätzliche organisatorische und nicht selten auch eine finanzielle Belastung, sagt Carsten Stumpenhorst, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirchenkreise Trier und Simmern-Trarbach.

Pro Familia bietet in Einzelfällen seit kurzem die Begleitung einer ehrenamtlich tätigen Mitarbeiterin an, die die Frau dann zu dem Termin fährt. „Wir bedauern diese Situation sehr“, sagt Stumpenhorst. „Diejenigen gesellschaftlichen Kräfte, von denen die aktuelle Entwicklung begrüßt wird, weil sie das Recht auf Abtreibung gerne abschaffen würden, haben wenig Einblick in die Einzelfälle, mit denen unsere Beraterinnen konfrontiert werden. Die Entscheidung für einen Abbruch ist keine einfache oder leichtfertige, sondern äußerst schwer zu treffen und für die Frauen sehr belastend“, so der Geschäftsführer des Diakonischen Werkes.

Frauen entschieden sich selbst,


wohin sie sich für einen Schwangerschaftsabbruch wenden, sagt die Gesundheitsministerin. „Sie haben unabhängig vom Wohnort die Freiheit der Wahl bei Arzt- oder Klinikbesuch; und das nutzen sie auch – und zwar in allen Bundesländern.“ Pendelbewegungen seien normal. „Hierbei spielt sicher auch der Wunsch nach Anonymität eine Rolle, der insbesondere im ländlichen Raum dazu führen kann, keine ortsnahe, sondern eher eine städtische oder großstädtische Einrichtung aufzusuchen“, so die SPD-Politikerin.vb