Der Verkehr der Zukunft: Mehr Radfahrer statt Autos auf den Straßen

Verkehr : Verkehr der Zukunft: Mehr Radfahrer statt Autos

Der Wissenschaftler Heiner Monheim hat für den TV seine Vision der Mobilität von morgen entworfen.

() Heiner Monheim gilt als profilierter Verkehrswissenschaftler. Seit Jahren weist er daraufhin, dass eine Verkehrswende   angesichts des Klimawandels dringend erforderlich sei. Seine Forderung: Weg vom Auto, hin zu mehr und besserem öffentlichen Nahverkehr.

Vor seiner Zeit als Wissenschaftler war Monheim unter anderem Referatsleiter für Verkehrsberuhigung und Stadtverkehr im nordrhein-westfälischen Verkehrsministerium. Von 1995 bis 2011 war er Professor für angewandte Geografie, Raumentwicklung und Landesplanung an der Uni Trier.

Der TV hat den 73-Jährigen zu seinen Vorstellungen für den Verkehr der Zukunft befragt. Hier seine Thesen:

Die Mobilität der Zukunft muss sich im Interesse der Stauverrringerung, der Klimapolitik und der sinnvollen Stadtentwicklung auf deutlich weniger fahrende und parkende PKW und LKW einstellen. Nur so kann der motorisierte Verkehr seine klimapolitischen Hausaufgaben erfüllen. Dafür müssen die Alternativen im Bereich Fuß- und Radverkehr sowie öffentlicher Nahverkehr massiv ausgebaut und effizienter und kundengerechter gestaltet werden. Das bedeutet im ländlichen Raum viel mehr Dorf- und Landbussysteme, in Klein- und Mittelstädten viel mehr Orts- und Stadtbusnetze und im Schienenverkehr viel mehr Streckenreaktivierungen für moderne Überlandstraßenbahnen und Regionalbahnen. Im Busverkehr müssen viel mehr kleine und mittlere Fahrzeuggrößen (Minibus und Midibus) eingesetzt werden, die überwiegend elektrisch fahren.

Die Politik muss den Ordnungsrahmen so verändern, dass endlich wahre Preise verlangt werden. Das geht am besten über eine flächendeckende Maut für PKW und LKW auf allen Straßen, bei der die maßgeblichen Faktoren Fahrleistung, Gewicht, Größe und Emission bemautet werden. Dann ändert sich schnell das Motorisierungsverhalten und der Anteil kleiner, leichter und mautgünstiger Fahrzeuge wächst schnell.

Die Einnahmen aus einer solchen Maut müssen hauptsächlich den Kommunen und Regionen zufließen, damit diese die Aufgaben der Verkehrswende finanzieren können. Der Bund und die Länder bekommen nur einen kleineren Anteil aus den Mauteinnahmen. Parallel dazu muss die Schienenmaut (Trassen- und Stationsgebühren) deutlich verringert werden, damit viel mehr Verkehr auf die Schienen kommt.

Da fast alle Emissions- und Sicherheitsprobleme des Autoverkehrs geschwindigkeitsabhängig sind, muss endlich Tempo 30 als generelle Höchstgeschwindigkeit innerorts festgelegt werden sowie Tempo 80 auf Landstraßen und 130 auf Autobahnen.

Innerorts gibt es ein flächendeckendes Überholverbot. Das Gehwegparken wird generell dort untersagt, wo nicht mindestens 2,5 Meter Restbreite dem Fußverkehr und Aufenthalt zur Verfügung stehen. Die Kommunen werden aufgefordert, zusammenhängende Netze von Fahrradstraßen und Flaniermeilen als attraktive Verbindungen abseits der Hauptverkehrsstraßen anzulegen. Alle klassifizierten Straßen erhalten Radwege und wo diese außerorts noch fehlen, werden Tempolimits auf 70 km/h auf breiten Bundesstraßen und 50 km/h auf schmalen Landes- und Kreisstraßen festgelegt.

Die neuen, digitale basierten Formen gemeinsamer Fahrzeugnutzung (Car Sharing und Ride Sharing im Pkw-Bereich, Bike Sharing im Fahrradbereich) werden massiv gefördert durch systematische Ausweisung sogenannter Mobilpunkte als Zugangs- und Haltepunkte für diesen modernen halböffentlichen Verkehr, der auf digitaler Basis flächendeckend und nahezu wartungsfrei nutzbar werden kann. Dafür muss auf Parkstreifen und Parkplätzen ausreichend Platz geschaffen werden.

Angesichts immer krasserer Hitzeprobleme wird das Pflanzen von Straßenbäumen in überhitzten Ortsstraßen überlebenswichtig. Dafür müssen die Fahrbahn- und Parkplatzflächen massiv reduziert werden, damit die neuen Bäume dort Platz finden. Für das Freimachen des Platzes werden Entmotorisierungsprämien gezahlt (vergleichbar den führeren Abschlachtprämien für Altautos, aber jetzt nicht für den Kauf neuer Autos sondern für den Kauf einer Jahres-Bahncard.

Das Tarifsystem des öffentlichen Verkehrs muss durchgreifend reformiert werden, um aus der derzeitigen komplizierten Kleinstaaterei wieder eine einheitliche, unkomplizierte Basis zu finden mit dem 365-Euro-Jahresticket für den Nahverkehr und einer attraktiven Jahres-Bahncard für den Fernverkehr. Der Bund muss ein neues Nahverkehrsgesetz verabschieden, das die Standards eines flächendeckenden ÖPNV-Anbindung festlegt und das zur Pflichtaufgabe der Gemeinden und Kreise macht.

Die Wirtschaft wird im Rahmen neuer Nahverkehrsgesetze verpflichtet, eigene betriebliche Mobilitätskonzepte aufzustellen und sich an der Finanzierung des ÖPNV mit einer Nahverkehrsabgabe zu beteiligen.

Für diese Verkehrswendeaufgaben muss sehr viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, dafür müssen die Kommunikationsmittel bei Bund, Ländern, Kreisen und Gemeinden deutlich verstärkt werden.

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