1. Region

Der vierte „Oxen“-Fall

Literatur : Ein Fest für Verschwörungstheoretiker

Irgendwann ist die Luft raus. Vor allem, wenn die Geschichten immer umfangreicher werden: 460 Seiten, 510 Seiten, 590 Seiten. 1500 Seiten, um eine dunkle dänische Verschwörungsgruppe auffliegen zu lassen: den Danehof, eine von wohlhabenden und einflussreichen Privatleuten nach mittelalterlichem Vorbild gegründete Vereinigung, um die Geschicke Dänemarks nach ihren Gutdünken zu lenken.

Ein Fest für Verschwörungstheoretiker. Niels Oxen, höchstdekorierter Elitesoldat, die Geheimagentin Margrethe Franck und ihr Chef Axel Mossmann sind von eben jenem Danehof, den sie vernichten wollten, selbst vernichtet worden. Mossmann ist als Geheimdienstchef geschasst worden, Franck muss sich als Putzfrau und Kassiererin durchschlagen, und Oxen ist permanent auf der Flucht und nur deshalb noch nicht umgebracht worden, weil seine Gegner ihn bereits für tot halten. „Sie waren eine Handvoll Amateure, die ihrer regulären Arbeit nachgehen mussten, während sie gleichzeitig einen Krieg gegen riesige Schatten ausfochten, die nie etwas anderes waren als … Schatten“, heißt es gegen Ende des Romans, der es an Spannung mit den beiden Vorgängern allerdings leider nicht aufnehmen kann. Zu viele Abschweifungen bringen die Handlung immer wieder zum Stillstand; auf sehr vielen Umwegen verliert man schon mal den Überblick. Die zahlreichen Rückblenden sind wohl vor allem denjenigen Lesern geschuldet, die Band 1 und 2 nicht gelesen haben. Es dauert deshalb eine ganze Weile, ehe der Roman an Fahrt aufnimmt und seinem gar nicht mehr so überraschenden Ende zustrebt. Bis dahin präsentiert der Autor Jens Henrik Jensen immer mehr und immer neue Verdächtige, sät Zweifel an der Integrität des Trios, das sich dem Kampf gegen die Mächte der Finsternis verschworen hat, und verärgert den Leser eher als die Spannung zu erhöhen mit seiner Angewohnheit, kapitelweise vom jeweiligen Akteur nur als „er“ zu sprechen, bis man am Ende des Abschnitts (hoffentlich) weiß, wohin einen Jensen dieses Mal mitgenommen hat, um die Verwirrung auf die Spitze zu treiben. Das liest sich streckenweise recht zähflüssig, womit der Autor zumindest in der Tradition der zumeist eher behäbig und bedächtig daherkommenden Skandinavienkrimis bleibt, in denen „action“ eher sparsam dosiert vorkommt. Vielleicht funktionieren die „Oxen“-Krimis als Filme besser, die bereits geplant sind. Da wird die Handlung meist so gestrafft, dass es keine spannungsarmen Durststrecken gibt.

Übrigens:  Der vierte „Oxen“-Fall ist bereits übersetzt und erscheint im Herbst. Da der berüchtigte Danehof hier nur noch Erinnerung ist, kann der Roman „unabhängig von den Vorgängern gelesen werden“, wie der Verlag betont.

Rainer Nolden

Jens Henrik Jensen, „Oxen – Gefrorene Flammen“, aus dem Dänischen von Friederike Buchinger, Deutscher Taschenbuch Verlag, 591 Seiten, 16,90 Euro.