Gesundheit Kein Personal in der Pflege: „Wir stehen erst am Anfang des Mangels“

Trier · Die Besetzung von offenen Stellen in der Pflege stellt die Kliniken in der Region vor große Herausforderungen.

 Begehrte Fachkräfte: Ein Krankenpfleger schiebt  in einer Klinik ein Krankenbett über den Flur.

Begehrte Fachkräfte: Ein Krankenpfleger schiebt  in einer Klinik ein Krankenbett über den Flur.

Foto: dpa/Daniel Bockwoldt

Fünf Stellenausschreibungen für Krankenpfleger oder medizinische Fachangestellte finden sich allein auf der Internetseite des Dauner Krankenhauses. Zwei solcher Gesuche, die allerdings schon vom Juni dieses Jahres stammen, stehen auf der Seite des Verbundkrankenhauses Bernkastel/Wittlich. 21 Ausschreibungen für den Bereich Pflege sind es beim Trierer Mutterhaus, darunter auch für Mitarbeiter für die Kinderkrebsstation. Dort ist das akute Personalproblem nach Bekanntwerden des seit Jahresbeginn geltenden Aufnahmestopps für Patienten erstmals für eine breite Öffentlichkeit erkennbar geworden.

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Auch das Prümer Krankenhaus sucht Pfleger und medizinisch-technische Assistenten, vier Stellenausschreibungen finden sich auf der Internetseite. Trotzdem spricht die Krankenhausleitung von einer „mehr als vollen Stellenplanbesetzung“. Der Stellenplan sehe für den Bereich Pflege eine Vollbeschäftigtenzahl von 62 Kräften vor. Im Verlauf des Jahres seien im Durchschnitt 62,8 Vollkräfte beschäftigt gewesen. Auch aus dem Trierer Brüderkrankenhaus verlautet, dass die für dieses Jahr geplante Gesamtzahl an Pflegestellen derzeit besetzt sei. Allerdings komme es immer wieder zu Schwankungen – und damit zu „Unter- und Überschreitungen“ der für die einzelnen Stationen geplanten Personalstärken.

Finanziert werden die Pfleger – wie das gesamte Personal und die Betriebskosten in den Kliniken – von den Krankenkassen. Die jeweiligen Bundesländer kommen für die Investitionskosten auf. Die gesetzlichen Kassen sollen das von der Bundesregierung beschlossene Pflegepersonal-Stärkungsgesetz, mit dem die Zahl der Pflegekräfte in Kliniken und Heimen erhöht werden soll, finanzieren. Ab 2019 soll jede zusätzliche Pflegekraft in Krankenhäusern voll von den Krankenkassen finanziert werden.

Die Krankenhäuser könnten ab kommendem Jahr also so viele Pflegekräfte einstellen, wie sie bräuchten und fänden, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Juni. Damit auch tatsächlich genug Pfleger eingestellt werden, soll für jedes Krankenhaus das Verhältnis zwischen der Zahl der Pflegekräfte und dem anfallenden Pflegeaufwand berechnet und veröffentlicht werden. Wird dabei eine bestimmte Grenze unterschritten, soll es Sanktionen für das Krankenhaus geben.

Unklar ist aber, woher die zusätzlichen Pfleger kommen sollen. Bereits jetzt ist es gerade für Kliniken in der Region schwierig, Personal zu finden. Das Problem hier ist: Viele in den hiesigen Kliniken ausgebildete Pfleger wechseln nach Luxemburg, wo sie im Monat fast 1000 Euro mehr verdienen: Statt rund 2000 Euro Anfangsgehalt sind es jenseits der Grenze gut 3000 Euro. Der „Markt an Fachkräften“ sei begrenzt, sagt Anne Britten, Sprecherin des Trierer Brüderkrankenhauses. Das führe dazu, dass „Bemühungen der Personalrekrutierungen“ in den vergangenen Jahren aufwendiger geworden seien. Das stelle die Klinik vor große Herausforderungen. „Auch wir spüren den Mangel an pflegerischen Fachkräften. Die Anzahl der eintreffenden Bewerbungen pro Stelle ist in den vergangenen Jahren zurückgangen“, sagt Sabine Zimmer vom Verbundkrankenhaus Bernkastel/Wittlich. „Der Bedarf ist größer als die Zahl der Bewerbungen“, sagt Heribert Frieling, Sprecher der Marienhaus GmbH, die unter anderem die Krankenhäuser in Hermeskeil, Bitburg und Gerolstein betreibt.

Im Saarburger Krankenhaus gibt es für Mitarbeiter Prämien, wenn sie neue Kollegen werben. Bis zu 25 Pflegeschüler werden dort pro Jahr ausgebildet. 150 sind es im Brüderkrankenhaus. Ein Großteil von ihnen werde in feste Arbeitsverhältnisse übernommen, sagt die Kliniksprecherin. Im Wittlicher Krankenhaus wurden in diesem Jahr 18 Auszubildende als Pfleger in feste Arbeitsverträge übernommen.

Neue Kollegen könne man nur dann finden, wenn man die Gehälter stark anheben würde, glaubt Marcus Jogerst-Ratzka, stellvertretender Vorsitzender der Initiative Pflege in Bewegung. Pflege müsse einen anderen Wert bekommen. Die Maßnahmen der Bundesregierung nennt er halbherzig, „weil immer noch die Bereitschaft fehlt, das notwendige Geld in die Hand zu nehmen“. Wenn die in der Pflege gezahlten Tarife „nur mühselig die Inflation ausgleichen, wird das System komplett vor die Wand fahren“, meint Jogerst-Ratzka. Deshalb fordere die Initiative einen Mindestlohn für Pflegefachkräfte „der deutlich über dem Niveau des jetzigen Tarifes liegt“.

Erst dann „können wir über höhere Stellenschlüssel nachdenken“, erläutert Jogerst-Ratzka, der ein „Notprogramm Pflege“ fordert. „So wie es jetzt geplant ist produzieren wir nur weiter offene Stellen und ändern an der Belastungssituation gar nichts.“

Jogerst-Ratzka kritisiert in dem Zusammenhang auch, dass etwa der Medizinische Dienst der Krankenkassen „mit geregelten Arbeitszeiten“ Fachkräfte aus der Pflege weglocke. „Wir müssen erst einmal pflegen, bevor wir prüfen!“ Dringend notwendig sei zudem, die Leiharbeit in der Pflege zu verbieten. „Dieser Sektor wirbt inzwischen mit Gehältern, bei denen kein Unternehmen mithalten kann.“ Gelder die dort ausgegeben würden, fehlten für das fest angestellte Personal. Und ein fester Arbeitsplatz könne mit den dort aufgerufenen Preisen im Moment gar nicht mithalten.

„Wir stehen erst am Anfang des Mangels, aber schon mitten in der Katastrophe“, lautet das ernüchternde Fazit von Jogerst-Ratzka.

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