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Ein vermeidbarer Tod: Prozess gegen Arzt vor Trierer Landgericht zeigt auch mangelnde Krankenhaus-Strukturen

Registrierungspflichtiger Inhalt: Mangel in Krankenhausstrukturen : Prozess gegen Arzt - Staatsanwalt: 19-jährige Laura A. hätte nicht sterben müssen

Der Prozess vor dem Trierer Landgericht gegen einen Arzt wegen fahrlässiger Tötung einer 19-jährigen Patientin deckt nicht nur Versäumnisse des Angeklagten auf.

 Staatsanwalt Christian Hartwig ist überzeugt: Die 19-jährige Laura A. hätte nicht sterben müssen, wenn bei ihrer Behandlung im Hermeskeiler Krankenhaus vor acht Jahren nicht eine Reihe von Fehlern gemacht worden wäre. Hartwig spricht von einem „gravierenden Fehlverhalten“ und einem „unnötigen Tod eines jungen Mädchens“.

Doch wer ist letztlich dafür verantwortlich? Angeklagt ist deswegen ein 51-jähriger Arzt, der an dem Samstag, als Laura wegen starken Hustens, Atemnot und einer Schwellung am Hals abends in die Notaufnahme des Krankenhauses gekommen ist, zum ersten Mal dort Bereitschaftsdienst hatte. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm fahrlässige Tötung vor. Sein Anwalt Bernhard Debong spricht von einem „bedauernswerten Versäumnis“ des Arztes, meint damit, dass dieser bei der Diagnose der jungen Frau zwar die Schwellung am Hals festgestellt habe, diese aber nicht behandelt habe. Alle anderen Vorwürfe, dass der Arzt Fehler bei einer Drainage im Bauchraum und später, als es um das Leben der 19-Jährigen ging, auch bei der Reanimation gemacht hat, weist er von sich.

Und der Prozess vor dem Trierer Landgericht zeigt in der Tat, dass es vermutlich eine Verkettung von unglücklichen Umständen war, die dazu beigetragen hat, das Laura A. kurz vor Weihnachten 2012 gestorben ist. Dass vielleicht auch die damaligen Abläufe in der Klinik mit eine Rolle spielen, auch mangelnde Kommunikation, womöglich auch fehlendes Fachwissen und Überforderung. Das Verfahren legt fast schon schonungslos offen, woran es gerade in kleineren Krankenhäusern hapert. Es fehlt oft an Personal, die Strukturen sind nicht so, dass auch komplizierte Fälle adäquat behandelt werden können.

Im konkreten Fall bedeutet das, dass der angeklagte Arzt bei seinem ersten Dienst in der Klinik offenbar nur unzureichend über die Abläufe informiert war. So habe er nicht gewusst, dass die Röntgenabteilung an dem Wochenende nicht besetzt sei, sagt er am ersten Prozesstag aus. Daher hat er die 19-Jährige an dem Abend zwei Mal selbst geröngt. Der Mediziner, der damals in einem Trierer Krankenhaus als Lungenfacharzt tätig war, hatte nur aushilfsweise Dienst in Hermeskeil. Er war zuständig für alle internistischen Notfälle und für die dort zu der Zeit im Krankenhaus behandelten Patienten der Inneren. Der zuständige Oberarzt war in Rufbereitschaft zu Hause. Er habe ihm bei Dienstantritt am Samstagmorgen gesagt, falls es Probleme gebe, solle er sich bei ihm melden. Er habe keine Zweifel an der Qualifikation seines Kollegen gehabt, sagt der  damalige Oberarzt vor Gericht aus. Ob es nicht ungewöhnlich sei, dass er nicht informiert werde, wenn eine junge Patientin wegen eines Pneumothorax (eine Luftansammlung im Brustkorb) aufgenommen, auf die Intensivstation komme und eine sogenannte Thoraxdrainage gemacht werden müsse, will Richter Peter Egnolff von dem Oberarzt wissen. Dieser sieht kein Problem drin. Der angeklagte Kollege habe die Patientin „adäquat“ versorgt.

Der Oberarzt selbst hat Laura A. gut 24 Stunden vor ihrem Tod selbst untersucht. Sie kam am Samstagmorgen ins Krankenhaus weil am Abend zuvor in der Notaufnahme eine sehr hohe Herzfrequenz bei ihr festgestellt worden war. Zur Kontrolle sollte sie am nächsten Morgen nochmal vorbei kommen. Der Oberarzt machte ein EKG und ein Ultraschall vom Herzen. Beides sei „unauffällig“ gewesen, sagt er. Seine damalige Diagnose: Infekt. Er schickt die 19-Jährige wieder nach Hause.

Das nächste Mal als er sie sieht, kämpfen Pfleger und Ärzte um das Leben der jungen Frau. Man habe zunächst nicht gewusst, warum sie das Bewusstsein verloren habe, nachdem ihr Zustand nach den beiden Drainagen in der Nacht stabil gewesen sei, sagt der ehemalige Oberarzt. Während der Verhandlung kommt heraus, dass gegen ihn und den damaligen Anästhesisten im Zusammenhang mit dem Tod der Schülerin kurzzeitig ebenfalls ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden war.  Weil er weiß, dass er  nicht nur Zeuge ist, sondern womöglich auch Beschuldigter sein könnte, bringt der ehemalige Oberarzt seine Anwältin zur Vernehmung mit.

Festzustehen scheint, dass bei der letztlich erfolglosen Reanimation gravierende Fehler gemacht worden sind. Das zeigt sich auch bei der eines Kreuzverhörs gleich kommenden Befragung des Zeugen durch die medizinischen Sachverständigen. Sie geben ihm zu verstehen, dass er als Oberarzt hätte  anders handeln müssen bei der Wiederbelebung und auch deutlich mehr Maßnahmen hätte ergreifen müssen. Nach 80 Minuten erfolgloser Reanimation war es der Oberarzt, der den Tod der 19-Jährigen feststellte. Ein Tod, der laut Staatsanwaltschaft Hartwig bei „vernünftiger Reanimation“ mit „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ hätte verhindert werden können.