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Europa
Eine Stadt zum Staunen

Marina Sonntag und Johannes Heuschkel genießen es, an der jungen Luxemburger Universität zu studieren, die zwischen den Überresten eines Stahlwerks errichtet wurde. Beeindruckend finden sie die neue, futuristisch eingerichtete Bibliothek, die 1000 Arbeitsplätze bietet.
Marina Sonntag und Johannes Heuschkel genießen es, an der jungen Luxemburger Universität zu studieren, die zwischen den Überresten eines Stahlwerks errichtet wurde. Beeindruckend finden sie die neue, futuristisch eingerichtete Bibliothek, die 1000 Arbeitsplätze bietet. FOTO: TV / Katharina de Mos
Esch an der Alzette.

Sie ist keine Schönheit, diese Stadt. Mehr Eisenerz als Diamant. Und doch ist sie ein Ort zum Staunen. Früher war das luxemburgische Esch-sur-Alzette ein wichtiges Zentrum der Stahlproduktion, heute ist es ein Schmelztiegel der Kulturen. Eine Stadt, die sich nach dem Niedergang der Schwerindustrie neu erfindet und deren Bemühungen um ein multikulturelles Miteinander im Herzen Europas nun gleich mehrfach gewürdigt werden: 2022 wird Esch mit einigen umliegenden luxemburgischen und französischen Gemeinden zur Kulturhauptstadt Europas. Und am heutigen Freitag verleiht Norbert Lammert, Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, der ehemaligen Bergbaugemeinde die Auszeichnung „Integrative Stadt“. Unsere Redakteurin ist in den Südwesten Luxemburgs gereist, um dieses Esch zu erkunden.

International in der Innenstadt

Würde irgendein Erdenbürger in diese Stadt gebeamt, ohne zu wissen, in welchem Land er gelandet ist, so stünde er wohl vor einem Rätsel. Die Menschen auf der Straße sprechen Portugiesisch, Italienisch, Französisch, Polnisch – und wenn man lange genug wartet und genau genug hinhört, auch eine Sprache, die leicht an Deutsch erinnert. In den Bäckereien liegt rustikales Brot neben pain au chocolat und einem Gebäck namens Paté Riesling. Die Werbeschilder in der langen, grau gepflasterten Einkaufsstraße versprechen auf Französisch Schnäppchen. „Könnte das Luxemburg sein?“, würde sich der Erdenbürger vielleicht fragen. Aber: Wo ist hier das luxemburgisch Geleckte? Mitten auf der Einkaufsmeile stapelt sich der Müll. Und wo ist der Geruch des Geldes? Nur eines wäre ganz sicher: Diese Multikulti-Stadt liegt in Europa.

„Esch-sur-Alzette gilt mit seinem hohen Ausländeranteil als positives Beispiel für gelungene Integration“, heißt es in der Begründung der Konrad-Adenauer-Stiftung, die Esch mit einem neuen Ortsschild als „Integrative Stadt“ auszeichnet. Mehr als 55 Prozent der Escher sind nämlich Ausländer. Unter ihnen viele Portugiesen und Italiener, die einst als Stahlarbeiter hierherkamen.

Zwei Italienerinnen, Mutter und Tochter, schlendern unter den fliederfarbenen Stahlmasten entlang, die die längste Fußgängerzone des Großherzogtums säumen. Fragt man sie nach Esch, dann schwärmen sie davon, wie gut es sich dort lebe: Eine hervorragende Kinderbetreuung gebe es, der Staat biete eine tolle Gesundheitsvorsorge, und die Stadt halte alles vor, was man brauche. Und die Integration? Man finde immer jemanden, der Italienisch spreche, sagen die Frauen. Mit Franzosen und Portugiesen sei es leicht in Kontakt zu kommen. Nur die Luxemburger seien reservierter.

Esch sur Alzette Belval Luxemburg
Esch sur Alzette Belval Luxemburg FOTO: TV / Katharina de Mos

Auch die aus Portugal stammende Verkäuferin Sandra Almeida lebt gerne in Esch. Es sei wirklich sehr international, mit portugiesischen und italienischen Festen. „Es gibt aber auch Rassismus“, sagt sie. So habe ihr kürzlich eine luxemburgische Kundin vorgeworfen: „Sie sprechen kein Luxemburgisch und nehmen uns die Jobs weg.“

Ein paar Geschäfte weiter steht die elegant gekleidete Elisabeth Renard im Türrahmen einer Modeboutique und begrüßt Kundinnen. Schon seit 20 Jahren lebt die Französin in Esch, und ihr Freundeskreis ist so international wie der Ort selbst. „Am Anfang war es ein bisschen schwierig mit der Integration“, erzählt sie. Denn anfangs konnte sie „nur“ Deutsch, Englisch und Französisch, aber kein Luxemburgisch. Die Luxemburger sprechen zwar all diese Sprachen. „Aber sie wollen nicht immer“, sagt Renard – und das bestätigen kurz darauf in einem Café bei einem Fläschchen Rosport auch zwei waschechte Luxemburgerinnen, die gar nicht so einfach aufzutreiben waren.

Esch sur Alzette Belval Luxemburg
Esch sur Alzette Belval Luxemburg FOTO: TV / Katharina de Mos

„Wir sind hier in der Minderheit“, sagt Marianne Regnery und lacht. Sie und Leonie Lallemang leben gerne im multikulturellen Esch, nur vier Kilometer von der französischen Grenze entfernt. Allerdings stört es sie schon, überall Französisch sprechen zu müssen, sogar beim Arzt. Zwar hätten sie das in der Schule gelernt, aber bei medizinischen Fachbegriffen werde es schwierig. Auch verstehen sie nicht, warum jemand, der Tag für Tag Brötchen verkaufe, petits pains nicht einfach Bréidercher nennen könne. Da erwarten sie schon eine gewisse Anpassung. Die junge Generation stelle sprachlich öfter ganz auf stur. Tatsächlich hat auch Marc Putz, ein langhaariger junger Mann, der unweit des Cafés Smartphones verkauft, nach Feierabend manchmal keine Lust mehr auf andere Sprachen. Rassismus sei ihm aber in Esch noch nicht begegnet. Seine Freundin sei Polin, viele Bekannte Portugiesen und Italiener. Man wachse einfach in einer Mischkultur auf.

„Wir behaupten, dass die Zukunft Europas in der denkbar radikalsten Vermischung seiner Kulturen liegt“, heißt es auf der Webseite der Kulturhauptstadt 2022. Esch habe mit seiner Kandidatur bewusst eine Gegenposition zu Fremdenhass, Abgrenzung und Nationalismus gesetzt. Ein Fakt, der im benachbarten Deutschland heute gewürdigt wird.

Die Innenstadt von Esch-sur-Alzette: Eine ungewöhnliche Fußgängerbrücke dient als Abkürzung zu einem Park, die lange Einkaufsmeile lädt zum Bummeln ein und der Rathausvorplatz zu einem Schwätzchen.
Die Innenstadt von Esch-sur-Alzette: Eine ungewöhnliche Fußgängerbrücke dient als Abkürzung zu einem Park, die lange Einkaufsmeile lädt zum Bummeln ein und der Rathausvorplatz zu einem Schwätzchen. FOTO: TV / Katharina de Mos

Innovativ an der Universität

Esch sur Alzette Belval Luxemburg
Esch sur Alzette Belval Luxemburg FOTO: TV / Katharina de Mos

Alles an diesem Ort lässt staunen. Die riesigen, rostigen Hochöfen, die mit ihren Winderhitzern, Förderbändern und Schornsteinen wie archaische Skulpturen in den Spätsommerhimmel ragen. Und ebenso die neuen, futuristischen Gebäude der Luxemburger Universität, die einfach zwischen Kokslager, Gießhalle und sonstigen Überresten der größten Eisenhütte Luxemburgs errichtet wurden.

Wo einst Eisen geschmolzen und glühender Stahl gewalzt wurde, lernen nun Studenten. Denn nach der Stahlkrise begann in Esch die Wandlung vom Industrie- zum Wissensstandort: Das neue Stadtviertel Belval, wo auch die junge Universität liegt, zählt laut Konrad-Adenauer-Stiftung zu den „ambitioniertesten städtebaulichen Entwicklungsvorhaben in Europa“.

Esch sur Alzette Belval Luxemburg
Esch sur Alzette Belval Luxemburg FOTO: TV / Katharina de Mos

Johannes Heuschkel (22) und Marina Sonntag (21) sind aus Heidelberg und München nach Belval gekommen, um Psychologie zu studieren. Sie sind rundum zufrieden. Nur 55 Kommilitonen sind in Heuschkels Jahrgang, die Betreuung durch die Dozenten sei hervorragend, und beiden gefällt, dass sie in den Sprachen Deutsch, Französisch und Englisch ausgebildet werden. Selbst das Wohnen ist gar nicht so teuer, wie man vermuten könnte. 305 Euro zahlt Heuschkel für sein Studentenzimmer (inklusive Putzfrau). „Wir haben hier alles, was das Herz begehrt“, sagt Sonntag. Begeistert ist sie von der neuen Bibliothek.

Und damit ist sie nicht alleine. „Wat is dat scheng!“, sagt eine junge Studentin beeindruckt beim Blick durch das „Luxemburg Learning Center“, das kommenden Montag eingeweiht wird. Ein Bau wie eine futuristische Fantasie. So als hätte man dem Architekten (Architekturbüro Valentiny HVP) gesagt: „Stell dir vor, du hast eine alte Fabrikhalle und unendlich viel Geld. Zaubere uns die Bibliothek der Zukunft!“ Und da steht sie. Die alte Möllerei, in der einst Koks und Erz vermischt wurden, ist verkleidet von einer dreidimensionalen Fassade aus dreieckigen, gesprenkelten Glaselementen. In der weitgehend entkernten Halle schweben nun elliptische Plattformen voll beleuchteter Bücherwände auf dünnen Säulen. Der Teppich hat die Farbe von Kohlenstaub, und vor dem rostigen Sockel des gigantischen Förderbands stehen bunt überdachte Schreibtische. 1000 Arbeitsplätze bietet die Bibliothek, die mit ihren Loungesesseln, Couchgruppen mit fest installierten Tabletcomputern und Fernsehern zum Bleiben einlädt. Im Glas ihrer Fassade spiegeln sich die Hochöfen. Auch, weil die Stadt ihre Geschichte, wie die Konrad-Adenauer-Stiftung betont, so gekonnt konserviert, wird man in den kommenden Jahren wohl noch oft von Esch hören.