1. Region

Forscherteam um Trierer Mathematiker entwickelt Modellrechnung.

Kostenpflichtiger Inhalt: Forscherteam um Trierer Mathematiker entwickelt Modellrechnung : „Eine Kombination aus Schutz und App verhindert noch mehr Tote“

Akribisch suchen Wissenschaftler und Forscher weltweit nach der Patentlösung in der Corona-Krise. Einen Schritt weiter auf dem Weg dorthin könnte nun ein Forscherteam unter Beteiligung der Universität Trier gekommen sein.

Die Volkswirtschaftlerin Professor Veronika Grimm, seit wenigen Tagen eine der fünf Wirtschaftsweisen aus Erlangen, die Wirtschaftsprofessorin Friederike Mengel von der englischen Universität Essex und der Trierer Mathematikprofessor Martin Schmidt haben ein Modell entwickelt, das viele der im Zusammenhang mit Corona entwickelten Maßnahmen und Parameter vereint. So können sie berechnen, wie sich eine Kombination dieser Maßnahmen wie Isolation von Risikogruppen, Kontaktsperre oder lange und schwere sowie asymptomatische Infektionsverläufe auf die Zahl der Todesfälle, die Dauer der Überlastung des Gesundheitssystems oder die Immunitätsrate in der Bevölkerung auswirkt. Die Daten dafür stammen vom Innenministerium und von Kollegen, aber auch vom Robert-Koch-Institut.

„Wir sind dabei von zwei Extremmodellen ausgegangen: ein Modell ohne politische und gesellschaftliche Vorkehrungen sowie ein Modell strenger Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen“, erklärt der Trierer Professor Schmidt. Im ersten Fall wären gemäß den Fallstudien die deutschen Intensivpflege-Kapazitäten nach 140 Tagen überschritten, 500 000 Tote errechnet das Modell. „Das ist gesellschaftlich nicht tragbar“, sagt Schmidt.

Der Mathematiker Professor Martin Schmidt von der Universität Trier hat Modellrechnungen für Tracing-Apps ermittelt. Foto: Universität Trier Foto: Universität Trier

Doch auch die Alternative strikter Kontaktsperren wäre nicht die Musterlösung. Zwar würden Beschränkungen die Sterberate deutlich senken. Doch selbst nach 500 Tagen wirtschaftlichen Stillstands wären immer noch 92 Prozent der deutschen Bevölkerung nicht immun gegen das Virus. Die Ansteckungsgefahr bliebe unvermindert hoch. „Das ist sozial und ökonomisch nicht vertretbar“, sagt der Mathematiker. Folglich hat er mit seinen Forschungskolleginnen Handlungsoptionen ermittelt. „Dabei sollte einerseits der Gesundheitsschutz gewährleistet und gleichzeitig mehr gesellschaftliche und wirtschaftliche Aktivität möglich sein.“

Die Lösung ist ein mathematisches Modell, erweitert um Corona-spezifische Aspekte wie spezielle Maßnahmen je nach Alter, Region oder Gesundheitsgefährdung. Daraus lässt sich ableiten, dass einzelne Schritte allein nicht zu einer Lösung führen. Beispiel: die Isolation von Risikogruppen, die immer wieder diskutiert wird. „Dies führt überhaupt nicht zum Ziel, ist kaum umsetzbar und ethisch nicht vertretbar“, sagt Martin Schmidt.

Eine Alternative sehen die Wissenschaftler in der Kombination mehrerer Maßnahmen. Dazu gehört etwa ein spezieller Schutz der Risikogruppen bei gleichzeitig mehr erlaubten Kontakten für weniger gefährdete Gruppen in Verbindung mit der Nutzung einer sogenannten Tracing-App, die die sozialen Kontakte von Infizierten zurückverfolgen kann. Dies kann demnach die Zahl der Todesfälle, die Belastung des Gesundheitssystems und die Immunitätsrate in der Bevölkerung beeinflussen. „Eine App bringt aber nur etwas, wenn zwei Umstände erfüllt sind: Es müssen viele Menschen mitmachen, mindestens 70 Prozent der Nicht-Risikogruppe. Und das Gesundheitssystem und die Behörden müssen schnell reagieren und die Infektionsketten ermitteln“, sagt der Mathematiker. Machten nur 40 Prozent der Nicht-Risikogruppe bei der Tracing-App mit, gebe es auch keinen signifikanten Effekt, also nicht weniger Tote. Von daher setzt er auf eine große Beteiligung. Die Hoffnung der Wissenschaftler liegt nun darin, mit ihrer Modellrechnung der Politik eine „verlässliche Entscheidungsgrundlage zu geben bei der Suche nach Wegen, das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben wieder anzukurbeln“, sagt Martin Schmidt. Schließlich gebe es derzeit jenseits weiterer Lockerungen keine Debatte darüber, was zusätzlich getan werde, um die Sicherheit weiter zu erhöhen.

Eine Stärke seines Modells sieht der Trierer Professor darin, dass es jederzeit mit neuen Daten gefüttert werden könne und damit „auf Knopfdruck“ die Konsequenzen politischer Entscheidungen noch präziser vorhersagbar seien. „Wir hoffen, dass wir eine Wirkung in die Politik haben.“