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Geschichte
Ärzte als Gehilfen des Bösen

 Seiner Schreckensherrschaft sind zahllose Menschen zum Opfer gefallen: der nationalsozialistische Führer Adolf Hitler während einer Rede.  Auch in der Region Trier haben seine Nazi-Schergen gewütet.
Seiner Schreckensherrschaft sind zahllose Menschen zum Opfer gefallen: der nationalsozialistische Führer Adolf Hitler während einer Rede.  Auch in der Region Trier haben seine Nazi-Schergen gewütet. FOTO: picture alliance / dpa / dpa
Trier. Eine Forschungsarbeit der Uni Trier legt schonungslos die Verstrickung von Medizinern in der Region mit den Nationalsozialisten offen. Von Bernd Wientjes

Es sind Geschichten wie diese, die zeigen, dass sich nicht alle in Pflegeheimen und Krankenhäusern Tätigen dem Nazi-Regime unterworfen haben. Ordensschwestern im damaligen Kinderheim in Föhren bewahrten viele ihrer Schützlinge vor dem Tod. Sie übten mit den beeinträchtigten Kindern, den Fragebogen, mit denen den Nazis ergebene Ärzte herausfinden wollten, ob die Heimbewohner unter „angeborenem Schwachsinn“ litten und damit nach der perversen Logik der nationalsozialistischen Rassenhygiene zum „unwerten Leben“ gehörten. Die Schwestern riskierten damit ihr eigenes Leben, um das der Kinder zu retten.

Es gab aber auch Ärzte wie den Leiter der Psychiatrieabteilung der Heil- und Pflegeanstalt der Barmherzigen Brüder, Dr. Faas, die überzeugt waren von der Rassenideologie und die mit ihren Gutachten dazu beitrugen, dass Patienten Opfer der berüchtigten Aktion T4 wurden und in den Gaskammern landeten.

Es ist Matthias Klein zu verdanken, dass diese beiden Seiten der Gräueltaten während der Nazizeit im ehemaligen Regierungsbezirk einander gegenübergestellt werden. Der 30-jährige Historiker hat innerhalb von vier Jahren eine umfassende Doktorarbeit darüber verfasst und „die heute schwer vorstellbaren Ereignisse“, wie der Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Uni Trier, Lutz Raphael, sagt, anhand akribischer Forschung in Quellen und Dokumenten zum Teil erstmals offengelegt. Erstmals liegt damit eine zusammenhängende Studie über die Beteiligung der Ärzteschaft im ehemaligen Regierungsbezirk Trier an der Rassenhygiene vor.

Als die Trierer Bezirksärztekammer 2012 mit der Aufarbeitung des dunklen Kapitels begann, war ursprünglich geplant, dass der Trierer Historiker Thomas Schnitzler die Verstrickung der Ärzte wissenschaftlich aufarbeiten sollte. Doch es kam zum Streit zwischen Schnitzler und dem damaligen Kammervorsitzenden Günther Matheis. Schnitzler warf der Ärzteschaft, vor allem dem Trierer Brüderkrankenhaus, ein zu geringes Interesse an einer ernsthaften Aufarbeitung vor. Das Krankenhaus hatte sich damals geweigert, Schnitzler Einblick in die Patientenakten der damaligen Zeit zu gewähren. Schließlich wurde dem Historiker der Auftrag zur wissenschaftlichen Aufarbeitung entzogen.

2014 beauftragte die Ärztekammer dann die Universität Trier mit einer Doktorarbeit zu dem Thema. Unterstützt – auch finanziell – wurde das Projekt außer von der Kammer auch von der Evangelischen Kirchengemeinde Trier, dem Förderverein zur historischen Erforschung von Zwangssterilisationen in der Region Trier während der NS-Zeit und dem Orden der Barmherzigen Brüder. Das Brüderkrankenhaus hat für Klein sein Archiv geöffnet, um, wie der Hausobere Markus Leineweber sagt, „einen wichtigen Teil unserer Geschichte aufzuarbeiten“.

 Er hat das Thema Zwangssterilisation durch die Nazis an Trierer Krankenhäusern aufgearbeitet: der Historiker und Theologe Matthias Klein.
Er hat das Thema Zwangssterilisation durch die Nazis an Trierer Krankenhäusern aufgearbeitet: der Historiker und Theologe Matthias Klein. FOTO: TV / Bernd Wientjes

Es stand nämlich der Vorwurf im Raum, dass alle 518 Patienten der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt der Barmherzigen Brüder direkt den Patientenmorden zugeführt worden seien. Das widerlegt die Arbeit von Klein allerdings. Offiziell zumindest seien die als psychisch krank eingestuften Patienten von Trier in andere Anstalten – etwa in Andernach – verlegt worden, weil man in Trier den Platz für mögliche Kriegsverletzte brauchte.

Laut Klein befürchteten die Nazis mit Kriegsbeginn einen Einmarsch der Franzosen. Mindestens 91 der von Trier verlegten Patienten fielen den Recherchen des Forschers zufolge der Aktion T4 zum Opfer, mindestens 71 der Männer haben demnach den Krieg überlebt. Um das Schicksal der Patienten von Trier zu erforschen, leistete Historiker Klein „Kärrnerarbeit“, wie es Raphael formuliert.

Fast schon mit detektivischem Gespür sei er vorgegangen, berichtet Klein selbst. So sei mit jedem verlegten Patienten auch dessen Akte von einer Station zur nächsten gewandert. Überall, wo es Spuren zu finden gab, forschte der 30-Jährige nach, so lange, bis er nachvollziehen konnte, was zumindest mit einem Teil der über 500 von Trier verlegten Männer passiert ist. Bis nach Thüringen hat den Trierer Historiker und Theologe seine Spurensuche geführt.

Nicht weniger aufwendig war die Erforschung der im Auftrag der Nazis durchgeführten Zwangssterilisationen. Als Folge der Rassenideologie hatten die unter dem Hakenkreuz stehenden Ärzte Zwangssterilisationen zur „Verhütung erkrankten Nachwuchses“ angeordnet. Die Diagnose Schizophrenie oder Epilepsie sei bereits ausreichend gewesen für den Eingriff, sagt Raphael.

Zwar war bereits vorher bekannt, dass im ehemaligen Elisabeth-Krankenhaus in Trier und in den damaligen Kreiskrankenhäusern Saarburg und Wittlich diese grausamen, menschenunwürdigen Taten durchgeführt worden sind. Unter anderem hat Thomas Schnitzler dazu bereits vor einigen Jahren Erkenntnisse vorgelegt. Schnitzlers Vater war Arzt im Elisabeth-Krankenhaus. Er  habe sich geweigert, an den Zwangssterilisationen teilzunehmen, sagte der Historiker damals.

Das Forschungsprojekt von Klein belegt, dass vor dem Trierer Erbgesundheitsgericht zwischen 1934 und 1944 insgesamt 3396 Verfahren auf Unfruchtbarkeitmachung geführt worden sind. An den Verfahren waren demnach 21 Ärzte beteiligt. Sie hätten maßgeblich Einfluss auf die Beschlüsse gehabt, sagt Klein. Über 2000 der Verfahren endeten seiner Erkenntnis nach mit einem Beschluss auf Unfruchtbarmachung. Mehr als 2000 Männern und Frauen in der Region haben es demnach die Nazis auf grausame Weise unmöglich gemacht, Nachwuchs zu bekommen.