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Fundamentalismus-Experte Christoph Urban warnt vor unseriösen Propheten

Gesellschaft : Nutzlose Tinkturen und vollmundige Versprechen

Fundamentalismus-Experte Christoph Urban warnt vor unseriösen Propheten, die nicht nur während der Corona-Krise den Weltuntergang nahen sehen.

Wegen Millionenbetrügereien saß der amerikanische Fernseh-Evangelist Jim Bakker fünf Jahre im Gefängnis. Wieder auf freiem Fuß, vermarktet der mittlerweile 80-jährige Prediger in seiner Jim-Bakker Show überteuerte Produkte, die seine Zuschauer auf die bevorstehenden letzten Tage vorbereiten sollen. Dazu gehört auch eine Silberlösung, die Bakker als Allheilmittel anpreist und angeblich auch gegen das Coronavirus wirksam sein soll.

Bakker ist kein Einzelfall. Die gegenwärtige weltweite Virus-Pandemie ist nach den Worten des Fundamentalismus-Experten Christoph Urban geradezu „Wasser auf die Mühlen von selbsternannten Endzeitpropheten“. Der 41-jährige Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Konz warnt im Gespräch mit unserer Zeitung vor falschen Heilsversprechen, die die Angst und Orientierungsbedürftigkeit der Menschen ausnutzten und ihre Hoffnungen missbrauchten. Wer den Eindruck vermittele, dass Gebete oder Tinkturen unverwundbar machten, sei ein Scharlatan und missbrauche die Religion, sagt Urban, der im vergangenen Jahr eine vielbeachtete Dissertation über religiösen Fundamentalismus geschrieben hat.

Kennzeichnend für diese Art von Fundamentalismus seien extreme Positionen ohne Differenzierungen. „Die Masche des Fundamentalismus ist die Aussage, dass das Weltende angeblich kurz bevorsteht und es jetzt ums Ganze geht“, sagt Christoph Urban. Zudem würden die Gläubigen unter starken Entscheidungsdruck gesetzt. Wer damit konfrontiert werde, sollte hellhörig sein, mit anderen Menschen darüber sprechen und verschiedene Meinungen einholen, rät der Experte.

Laut Urban haben den Fundamentalismus Protestanten in den USA „erfunden“. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts seien mit diesem Begriff christliche Gruppen bezeichnet worden, „die an das Ende der Zeiten glaubten, der Evolutionslehre und der historischen Bibelauswertung reserviert gegenüberstanden“. Heute Anhänger dieser Theorien glaubten, dass sich die Menschheit einer großen Krise vor dem Weltuntergang befinde.

Die Direktorin des Katholischen Bibelwerks, Katrin Brockmöller, hatte unlängst kritisiert, dass vor allem rechtskonservative Kreise einen Zusammenhang zwischen Gott und der Pandemie.konstruierten. Dabei gelte: „Gott straft nicht, sondern Gott rettet.“ Auch Felix Genn, Bischof von Münster, widerspricht Behauptungen, die Corona-Pandemie und ihre Folgen seien eine Strafe Gottes. „Wenn religiöse Fundamentalisten das behaupten, missbrauchen sie den Namen Gottes“, so der ehemalige Trierer Weihbischof.

 Nach Angaben des Fundamentalismus-Experten Christoph Urban braucht der Endzeitglaube aktuelle Anknüpfungspunkte. Dazu würden meist angebliche gesellschaftliche Verfallserscheinungen herangezogen, wie etwa Kriege, Katastrophen oder eben eine Virus-Pandemie.

Der Bundesstaat New York hat dem Fernseh-Prediger Jim Bakker übrigens inzwischen untersagt, in seinen Sendungen für das angebliches Anti-Corona-Mittel zu werben. Die Silberlösung sei nicht nur unwirksam, sondern auch gesundheitlich bedenklich.