Gastbeitrag über das Fasten von Prof. Dr. Michael Jäckel

Gastbeitrag Michael Jäckel : Das originelle Fasten

Was waren das noch Zeiten, als Fasten noch Fasten war: Aschermittwoch und Aschenkreuz – gestern noch eine süße Welt, dann Hering und warten, bis der Osterhase kommt.

Wem fiel da eigentlich auf, dass – bildlich gesprochen – die Stirn auch anders geboten werden konnte? Man könnte meinen, dass es diesem „katholischen“ Fasten an Originalität mangelte – obwohl ja beispielsweise die Idee mit der Maultasche („Herrgottsbscheißerle“) als kreativ einzustufen wäre –, stattdessen „protestantische“ Formen des Verzichts die Idee des Fastens wettbewerbsfähig machen sollten.

Man stelle sich einmal vor: Auf das Reden und Schreiben über das Fasten soll verzichtet werden. Eigentlich müsste dann dieser Beitrag sofort enden. Aber man soll es sich ja zunächst nur „vorstellen“. Sagen uns die Zahlen nicht: „Viel Aufregung um wenig Veränderung?“ Es ist noch immer die Alkoholpause, die in der klassischen Fastenzeit am ehesten als Programm zur Selbstzüchtigung gewählt wird, damit das, was der Philosoph Nietzsche einmal eine „gestörte Weltbeziehung“ nannte, gegebenenfalls nicht überhandnimmt.

Bei manchem dauert es nach den Karnevalstagen auch, bis Normalität vermeldet werden kann. Es wird sozusagen vom eigenen Körper Enthaltsamkeit verordnet. Die Regel kommt dann gerade recht. Meldet dieser Erholung, ist das fast schon wieder ein Freibrief für eine Auszeit.

Menschen sind komplizierte Wesen. Der Entsagung möge doch bald eine Belohnung folgen. Nehmen wir Online-Fasten: Seit einigen Jahren wird in entsprechenden Umfragen diese Option genannt. Das Internet bleibt aus. Aber es ist geradezu das Paradebeispiel für demonstrative Askese. Im Verzicht ist das Lob die Befriedigung. Man geht in die Talkshow und spricht darüber oder lässt sich im Radio interviewen.

Langzeitbeobachtungen zum Fasten gibt es nur wenige. Daher ist auch der Zusammenhang von Alter und Fasten empirisch kaum unterlegt. Empfehlungsreich hingegen ist die medizinische Literatur zur Frage: In welchem Alter ist welches Fasten sinnvoll? Empfänglich für  Fasten-Ratgeber erweisen sich häufiger Frauen – sie fordern andere auch häufiger dazu auf – und die höher Gebildeten. Und sie zeigen sich auch offen für Empfehlungen, die unter der Überschrift „Richtig fasten“ vor problematischen Formen der Enthaltsamkeit warnen.

Prof. Dr. Michael Jäckel, Präsident der Universität Trier. Foto: Sheila Dolman

Von Motivation zu sprechen, genügt in diesem Zusammenhang nicht. Es muss schon eine „Gymnastik des Willens“ eingeübt werden. Sprachlich ist die Literatur zu Formen der Enthaltsamkeit ohnehin kaum zu überbieten. Da wird das Fitness-Studio auch schon einmal zum „Exerzitienkloster der heutigen Zeit“ erklärt. Oder die Auseinandersetzung mit dem eigenen Gewissen als „Tanz“ mit dem Bewusstsein beschrieben. Viele tanzen schon lange auf anderen Gebieten, ohne als typische Repräsentanten des Fastens adressiert zu werden: Vegetarier untersagen ihrer Nahrungskette dauerhaft bestimmte Elemente oder Stadtradler geben Signale für die Autofreiheit.

Wem dieses „Tanzen“ noch nicht genug ist, der wird auch gerne dazu aufgefordert, mit allen Sinnen zu fasten. Fastenkultur steht heute für Fastenurlaube oder Fastenkuren mit anregenden Reizen aus Kunst und Kultur. Aus der Kunstgeschichte dagegen sind insbesondere zwei Gemälde zu erwähnen, die – zumindest, wenn klassisch an das Fasten gedacht wird – immer wieder in Erinnerung gerufen werden. Das eine ist „Die Versuchung des Hl. Antonius“ von Hieronymus Bosch: ein Altarbild über den Aberglauben und Motive, die mit der Hölle assoziiert werden; das andere ist „Der Kampf zwischen Karneval und Fasten“ von Pieter Bruegel dem Älteren: Der Streit der Konfessionen wird von Prinz Karneval (Katholik) und Frau Fasten (Protestant) symbolisch geführt. Letztere erachtet den Glauben als entscheidend, nicht Enthaltsamkeit oder gute Gaben an Gott.

Dieser Disput scheint sich heutzutage aufzulösen, weil Verzicht als Selbstverwirklichungsprogramm den Einzelnen anheimgestellt wird. Wem der Konsumverzicht zu langweilig ist, dem legt bspw. die Evangelische Kirche 2019 „Sieben Wochen ohne Lüge“ nahe. Vielleicht das aufrichtigste Fastenmotiv überhaupt. Nur noch sagen, was man wirklich denkt. Fastet dann noch jemand? Der Verzicht, der ohne die Einbindung Dritter gelingt, ist jener, der die größte Aufrichtigkeit verlangt. Wer bspw. sagt, es sei so schwer zu entsagen, weil es immer so viel gibt, schiebt die Schuld den bösen Anbietern zu, die von sich aus nicht auf die Idee kommen, ab Aschermittwoch Betriebsferien einzuläuten. Die Selbstverwirklichung scheint dort, wo sie eigenen Regeln folgen möchte, besonders schwer zu sein.

Der Gastautor:

Prof. Dr. Michael Jäckel ist seit September 2011 Präsident der Universität Trier. Als Professor für Soziologie beschäftigt er sich weiterhin mit Fragen zur Medien- und Konsumentwicklung.

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