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Soziales
Spielerisch gegen das Vergessen

Eine Demenz-Patientin. Im Kreis gibt es fünf Betreuungsgruppen für Betroffene.
Eine Demenz-Patientin. Im Kreis gibt es fünf Betreuungsgruppen für Betroffene. FOTO: dpa / Britta Pedersen
Gerolstein. Ganz lebenspraktische Unterstützung erhalten Menschen mit „erhöhtem Betreuungsbedarf“ in Folge von Alter oder Krankheit sowie ihre pflegenden Angehörigen seit zehn Jahren von Betreuungsgruppen der Caritas wie der „Kaffeemühle“ in Gerolstein. Von Angelika Koch

Manchmal können selbst einfachste Dinge wie ein Spaziergang zu einem Wunder werden: „Ein älterer Herr kam nach einem Schlaganfall zu uns“, erinnert sich Margit Junk, die als Fachkraft die Betreuungsgruppen namens „Kaffeemühle“ leitet, „und seine Angehörigen meinten, er könne gar nichts mehr. Bei uns half er aber mit, Osterkränze zu binden. Das erinnerte ihn an den eigenen Garten, er lebte richtig auf. Und eines Tages schaffte er es sogar wieder, aus eigener Kraft zu Fuß den Weg zu uns zu finden.“

Ein Mal pro Woche bietet die Caritas an den Standorten Gerolstein (Mehrgenerationenhaus), Lissendorf (Dorfgemeindehaus), Gillenfeld (Tennisheim), Daun (Regina-Protmann-Haus) und Kelberg (Regina-Protmann-Stift) für bis zu zehn Menschen mit erhöhtem Betreuungsbedarf drei Stunden die Gelegenheit, Anregungen und Abwechslung zu genießen oder selbst wieder ein Stück weit aktiv sein zu können. Immer sind eine Fachkraft und eine ehrenamtliche Kraft dabei, wenn gesungen oder gebastelt, Kaffee getrunken oder gebacken wird. Auch behutsame Bewegungsübungen zur Stärkung der Feinmotorik, Erinnerungsarbeit oder Spiele zum Training der geistigen Fähigkeiten stehen auf dem Programm. „Da geht es nicht um Leistung“, sagt Junk, „die Besucher dosieren das alles selbst. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Aber das Ergebnis zählt: wieder mehr Lebensfreude.“

Auch für die pflegenden Angehörigen. Für die sind drei Stunden ohne Betreuungsanforderung wertvoll als freie Zeit für so selbstverständliche Dinge wie Frisörbesuche oder Einkäufe, die sonst nur schwer möglich sind.

„Nicht selten sind unsere ‚Kaffeemühlen‘ der erste Schritt, Hilfe anzunehmen“, beschreibt Margit Junk die noch immer anzutreffende Scheu mancher, ihre pflegebedürftigen Eltern „abzugeben“. Aber zum Glück gebe es eine solche Stigmatisierung nicht mehr. Und die Gruppen seien eine Möglichkeit, völlig ohne Risiko auszuprobieren, wie ein älterer Mensch mit erhöhtem Betreuungsbedarf auf Neues reagiert. „Sie erfahren durch die Wertschätzung und die Kommunikation mit anderen ein neues Selbstwertgefühl, das sonst im Alltag nicht so ausgeprägt ist.“ Oft seien die Besucher in der Gruppe motivierter, wieder Aktivität zu wagen.

Die „Kaffeemühle“-Gruppen leben sehr stark auch vom Engagement der Ehrenamtlichen. Die erhalten neben der Kostenerstattung und dem Versicherungsschutz, der ihre Tätigkeit ermöglicht, eine qualifizierte Basisausbildung, fachliche Begleitung und regelmäßige Fortbildungsangebote. „Darum ist das nicht nur eine sinnvolle Freizeitgestaltung für Menschen, die selbst schon älter sind, sondern auch für alle, die überlegen, einen pflegerischen oder sozialen Beruf zu ergreifen“, meint Margit Junk. Auch Fahrer werden immer gesucht, denn im ländlichen Raum sind die Gruppen ohne Fahrdienste für viele aus den Dörfern unerreichbar.

Neugründungen in anderen Orten als den bereits fünf bestehenden sind derzeit nicht geplant. Denn die wären angesichts der begrenzten Landesfördermittel, die die Caritas dafür erhält, kaum machbar. Auch im Eifelkreis Bitburg-Prüm bietet die Caritas fünf vergleichbare Gruppen an, dort unter dem Namen „Vergissmeinnicht“. Die Gerolsteiner Gruppe wurde vor zehn Jahren als erste ins Leben gerufen.