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Lokalpolitik
„Ich will mutig sein und optimistisch bleiben“ - Neuer Gerolsteiner VG-Bürgermeister im TV-Interview

Der designierte Bürgermeister der neuen Verbandsgemeinde Gerolstein, Hans Peter Böffgen.
Der designierte Bürgermeister der neuen Verbandsgemeinde Gerolstein, Hans Peter Böffgen. FOTO: TV / Stephan Sartoris
Gerolstein. Der designierte Bürgermeister der neuen Verbandsgemeinde Gerolstein äußert sich zum Wahlkampf, Sansibar und Personalfragen. Von Mario Hübner
Mario Hübner

Hans Peter Böffgen (53/parteilos) ist bei der Stichwahl am 4. November mit 53,9 Prozent der Stimmen gegen CDU-Mann Gerald Schmitz (46,1 Prozent) zum Bürgermeister der neuen Verbandsgemeinde (VG) Gerolstein gewählt worden. Am 1. Januar tritt er seinen Posten an, er ist für acht Jahre gewählt. Der langjährige Geschäftsführer der Tourismus- und Wirtschaftsföderungsgesellschaft Gerolsteiner Land lebt in Pelm, ist verheiratet und hat sechs Söhne im Alter von drei bis 20 Jahren.

Wie fühlt es sich so an, knapp zwei Wochen nach der Wahl?

Böffgen Im ersten Moment war es wie Fliegen. Und es ist immer noch was ganz Besonderes. Wir haben so sehr auf das Ziel hingearbeitet. Als es dann am Wahlabend klar war, war es wie eine Explosion der Emotionen. Zum Glück hat mir Herr Pauly als mein Chef am Montag freigegeben.

Weil die Sektkorken geknallt sind, so manche Kiste Stubbi dran glauben musste?

Böffgen Es wurde ein recht weinseliger Abend. Wir haben noch spontan gefeiert. Wirklich spontan, denn ich bin abergläubisch und habe überhaupt nichts vorbereitet, denn ich dachte mir: Wenn es wirklich klappt, wird sich auch ganz schnell noch was ergeben. Wir waren zuerst in Rathaus und sind dann mit einem kleinen Kreis von Unterstützern im Leo´s Bistro im künftigen Hotel Löwenstein. Dort hat man uns auf der Baustelle einen Raum zur Verfügung gestellt. Mit Getränken und Speisen haben wir uns selbst versorgt.

Also kein Sieger-T-Shirt unterm Anzug getragen?

Böffgen Noch nicht mal eins drucken lassen. Ich habe dies alles weggeschoben, also auch keine Siegerrede vorbereitet, keine Siegeranzeige im Vorfeld gestaltet und eben keine Party organisiert.

Wann waren Sie denn sicher, dass Sie gewinnen werden?

Böffgen Nach 40 von 61 Wahlbezirken, denn da zeichnete sich bereits ein Trend ab. Ich hatte ja noch vom ersten Wahlgang am 21. Oktober die Zahlen im Kopf. Ich hatte ein paar Zielvorgaben: das gute Ergebnis in Gerolstein bestätigen, die Obere Kyll drehen und gewinnen und in Hillesheim etwas besser abschneiden als im ersten Durchgang. Auch durch die Wahlbeteiligung hatte ich bereits am Nachmittag, als ich durch viele Wahllokale gefahren bin, ein ganz gutes Gefühl. Die lag recht hoch, was ich als Vorteil für mich als unabhängigen Kandidaten gewertet habe, da die Wählerschaft meines Mitbewerbers aus einem politischen Umfeld kommt und auf jeden Fall zur Wahl geht. Meine Wähler sind ja Leute, die nicht immer wählen gehen – aber hier halt die Besonderheit des Ereignisses erkannt haben.

Wie haben Sie die Sansibar-Koalition zwischen CDU, FWG und Grünen bewertet, die sich überraschend gut eine Woche vor der Stichwahl gebildet und verkündet hat, ihren Gegenkandidaten zu unterstützen?

Böffgen Das war für mich ein absolutes Wechselbad der Gefühle. Als ich die Information am Freitagabend auf volksfreund.de gelesen habe, musste ich mich erst mal schütteln und dachte mir: War es das jetzt? Mir war klar: Damit ist dein Vorsprung aus dem ersten Wahldurchgang weg! Plötzlich kreisten viele Fragen durch meinen Kopf, vor allem: Habe ich da noch eine Antwort drauf? Die Nacht von Freitag auf Samstag war nicht die schönste.

Und dann?

Böffgen Samstag kamen die ersten Reaktionen und da habe ich gemerkt: Nicht alle sehen das positiv, das ist für mich auch eine Chance. Daraufhin habe ich nochmal herausgearbeitet, dass ich der unabhängige Kandidat bin, die Menschen entscheiden und nicht Parteivorsitzende. Beim verkaufsoffenen Sonntag in Jünkerath bin ich dann mit vielen Leuten ins Gespräch gekommen und die haben meine Einschätzung bestätigt: Viele haben gesagt, dass sie alleine entscheiden und sich nicht bevormunden lassen.

Sie haben also von einer Trotzreaktion vieler profitiert?

Böffgen Da waren sicherlich einige dabei. Ich möchte meinen Wahlerfolg aber nicht auf diesen einen Faktor reduzieren.

Unterm Strich: War Sansibar für Sie eher Vor- oder Nachteil?

Böffgen Im Nachhinein betrachtet: kein Nachteil!

Aber Sie haben doch selbst um die Unterstützung von FWG und Grünen gebuhlt – sogar noch an besagtem Freitag!

Böffgen Ich war an diesem Tag bei den Grünen und habe auch mit der FWG-Vorsitzenden telefoniert, denn ich hatte stets das Gefühl, dass wir zusammenpassen. Ich habe es aber nicht für möglich gehalten, dass sich die FWG nach dem ersten Wahlgang für einen Bewerber ausspricht, denn ich kannte ja deren Beschluss von Birgel zur Neutralität.

War Ziel Ihrer Kontaktaufnahmen vor der Stichwahl nicht, selbst eine Koalition, also eine rot-blau-grüne, zu schmieden?

Böffgen Nein, ich habe nicht daran gedacht, eine wie auch immer Koalition zu schmieden. Es ging darum vorzustellen, wie ich mir als Bürgermeister eine künftige Rats- und Zusammenarbeit vorstelle. Als ich dann die Nachricht am Abend bekommen habe, dachte ich mir: Hoppla, warst du zu naiv, hast du etwas verpasst oder falsch gemacht?

Wie wird die künftige Arbeit bei einer Sansibar-Koalition mit 28 von 40 Stimmen, also einer deutlichen Mehrheit im VG-Rat, aussehen?

Böffgen Die Frage gefällt mir ja schon gar nicht.

Ok, aber dennoch!

Böffgen Ich sehe das wirklich nicht so. Erstens geht die Bürgermeisterarbeit ja weit über die Ratsarbeit hinaus. Zweitens liegen viele Projekte auf der Hand und sind einfach zu erledigen, sodass es da leicht einen Konsens geben wird. Stichwort Digitalisierung. Und drittens kann ich mir nicht vorstellen, dass, wenn man vernünftig miteinander spricht und sich offen austauscht, der Bürgermeister mit der Verwaltung eine gute Idee vorbringt und die Finanzierung gesichert ist, es dann eine Wand gibt, die dann mit nein stimmt.

Nun, im Kreistag unter Heinz Onnertz und dem VG-Rat Hillesheim unter Heike Bohn als jeweils parteilosen Vorsitzenden ist das vorgekommen. Und Sansibar wollte nun mal nicht Sie als Bürgermeister.

Böffgen Ich glaube trotzdem, dass viele aus der Koalition mit mir als Bürgermeister leben können. Ich habe keinen Wahlkampf gegen die CDU gemacht und habe nicht polarisiert. Es ist kein Porzellan zerschlagen worden. Das ist die Chance für eine gute Zusammenarbeit.

Wie geht es jetzt weiter?

Böffgen Ich lade alle Vertreter der Parteien und Gruppierungen zum Frühstück ein – für diesen Samstag. Ein erster Austausch in lockerer Runde. Ansonsten komme ich gerne der Einladung von Herrn Pauly und den beiden weiteren Beauftragten nach, in ihre Arbeit eingebunden zu werden. Das ist mindestens einmal pro Woche. Dabei respektiere ich natürlich, dass Herr Pauly bis zum 8. Januar mein Chef ist.

Dann ist konstituierende Sitzung des VG-Rats mit Ihrer Ernennung?

Böffgen Richtig.

Nun haben die Beauftragten ja bereits die künftigen Leitungsstellen der neuen, zusammengeführten und dann 140-köpfigen VG-Verwaltung Gerolstein besetzt, da sie ja ab 1. Januar arbeitsfähig sein muss. Dennoch haben Sie als Chef diesbezüglich das letzte Wort. Akzeptieren Sie den Personalvorschlag?

Böffgen Ich möchte natürlich ein Leitungsteam nach meinen Vorstellungen bilden. Aber die Basis ist der jetzige Vorschlag. Jeder wird die Chance haben, sich zu beweisen. Deswegen wird sich mindestens die ersten drei bis sechs Monate daran nichts ändern.

Wie werden Sie es halten: Die Öffentlichkeit vor abschließenden Entscheidungen informieren und einbinden oder zunächst alles in den Gremien der gewählten Volksvertreter beraten und entscheiden?

Böffgen Ganz klar: Man muss die Bürger im ganzen Prozess mitnehmen, damit sie eine Entscheidung auch verstehen können. Ich will da mutig sein! Das ist mein erklärtes Ziel.

Ihr Sohn Nils (20) ist mit beeindruckendem Ergebnis für die SPD in den Rat gewählt worden. Wie stellen Sie sich die Vater-Sohn-Ratsarbeit vor?

Böffgen Spannend. Ich freue mich, dass unser Sohn nicht nur redet, sondern sich engagiert. Ich war überrascht über sein tolles Wahlergebnis als Newcomer. Er hat sich eigene Flyer drucken lassen, die er dann, weil er ohnehin mit uns unterwegs war, gemeinsam mit meinen Flyern verteilt hat. Jetzt ist er sehr euphorisch und freut sich, und es steht mir nicht zu, ihn da zu bremsen. Ich bin nur mal gespannt, an wen sich mein erster Ordnungsruf richtet. Meine Frau (und seine Mutter) freut sich schon auf die Diskussionen im Hause Böffgen nach einer VG-Ratssitzung.

Wie sehr hat der Wahlkampf an der Familie Böffgen gezerrt?

Böffgen Es war natürlich eine sehr fordernde und auch emotional anstrengende Zeit, die uns als Familie aber hat ein Stück weiter zusammenrücken lassen. Wir haben total zusammengehalten und auch schon mal zusammen die Krise bekommen, wir haben drei Autos gepackt und noch Plakate aufgehängt und Flyer verteilt – es war ja erst kurz vor Mitternacht. Das war alles sehr prägend und letztlich, weil es erfolgreich war, auch eine schöne Erfahrung. Wir haben es zusammen gewuppt. Wir hatten aber zum Glück auch viele private Unterstützer. Dass ich gewonnen habe, ist das Ergebnis vieler.

Hatten Sie finanzielle Unterstützer?

Böffgen Nein, das Risiko bin ich ganz alleine eingegangen.

Was hat der Wahlkampf gekostet?

Böffgen (Druckst, antwortet auf Nachhaken dann doch) Rund 20 000 Euro. Die werde ich jetzt nach und nach abstottern. Hätte es nicht geklappt, hätte eine Lebensversicherung dran glauben müssen.

Die Fragen stellte Mario Hübner

Der designierte Bürgermeister der neuen Verbandsgemeinde Gerolstein, Hans Peter Böffgen.
Der designierte Bürgermeister der neuen Verbandsgemeinde Gerolstein, Hans Peter Böffgen. FOTO: TV / Stephan Sartoris
Der designierte Bürgermeister der neuen Verbandsgemeinde Gerolstein, Hans Peter Böffgen.
Der designierte Bürgermeister der neuen Verbandsgemeinde Gerolstein, Hans Peter Böffgen. FOTO: TV / Stephan Sartoris
Der designierte Bürgermeister der neuen Verbandsgemeinde Gerolstein, Hans Peter Böffgen.
Der designierte Bürgermeister der neuen Verbandsgemeinde Gerolstein, Hans Peter Böffgen. FOTO: TV / Stephan Sartoris