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Medizin
Ein enormer Bedarf an Betreuung

Dr. Stefan Thielscher mit seiner Mitarbeiterin, die Psychologin Fereshteh Nasresfahani, die aus dem Iran stammt und Farsi spricht.
Dr. Stefan Thielscher mit seiner Mitarbeiterin, die Psychologin Fereshteh Nasresfahani, die aus dem Iran stammt und Farsi spricht. FOTO: TV / Krankenhaus Gerolstein
gerolstein/Hermeskeil. Die Psychiatrie in Gerolstein kümmert sich gezielt auch um Patienten mit Migrationshintergrund. Das Angebot gibt es in Hermeskeil ebenfalls.

(red/sts)  Als im Spätsommer 2015 Hunderttausende Kriegsflüchtlinge über die Balkanroute nach Deutschland kamen, „da war uns sehr schnell klar, dass da auch ein enormer Bedarf an psychologischer und psychotherapeutischer Betreuung auf uns zukommen würde“, sagt Dr. Stefan Thielscher.

Für den Chefarzt der Psychiatrie im Gerolsteiner St.-Elisabeth-Krankenhaus stand von vornherein außer Frage, dass er sich zusammen mit seinem Team auch dieser Herausforderung stellen würde. So brauchte denn auch das Mainzer Gesundheitsministerium bei seiner Anfrage zur psychosozialen Versorgung von Flüchtlingen in Gerolstein nicht wirklich viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Denn wie sagt Thielscher so schön: „Projekte sind gar nicht so schwer, wenn man mit ihnen einfach anfängt.“

Dass Menschen aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan (um nur die drei wichtigsten Herkunftsländer zu nennen) in ihrem Gepäck oftmals auch traumatische Erlebnisse mitbrachten, das liegt auf der Hand. Denn viele haben Schreckliches erlebt – in ihrer Heimat, aber auch auf der Flucht; viele haben Angehörige oder Freunde verloren und nur ihr nacktes Leben gerettet.

Das belastet enorm und kann sich beispielsweise in Angstzuständen, Konzentrationsstörungen oder Blockaden ausdrücken. Und diese posttraumatische Belastungsstörung bricht jetzt, wo der Geflüchtete an- und zur Ruhe gekommen ist, bei manchen mit voller Wucht aus. Sicherlich auch deshalb, weil die völlig neuen Lebensumstände in Deutschland und der womöglich ungeklärte Aufenthaltsstatus ihn neuerlich verunsichern, wie Fereshteh Nasresfahani immer wieder beobachtet.

Bei der Betreuung von Geflüchteten spielt Fereshteh Nasresfahani in Gerolstein eine wichtige Rolle. Sie ist Psychologin, stammt aus dem Iran und kann sich deshalb mit Geflüchteten aus Afghanistan quasi in ihrer Muttersprache Farsi unterhalten.

Denn in Afghanistan spricht man einen Farsi-Dialekt, wie sie erzählt. Und wenn Therapeut und Patient die gleiche Sprache sprechen, so ist dies ein unschätzbarer Vorteil gegenüber jedem Kulturmittler (das sind speziell geschulte Dolmetscher), mag dieser auch noch so gut und einfühlsam sein. Denn das Vier-Augen-Prinzip ist für die Beziehung zwischen Therapeut und Patient sehr wichtig.

Im November 2016 ist Fereshteh Nasresfahani im Rahmen ihrer Ausbildung zur Psychotherapeutin nach Gerolstein gekommen. In der Regel, so sagt sie, würden in der Klinik drei bis vier Menschen mit Migrationshintergrund stationär psychiatrisch behandelt. Manchmal wird sie auch (aber das ist Routine) bei Patienten hinzugezogen, die auf anderen Stationen liegen, und wo die behandelnden Ärzte vermuten, dass die Erkrankung zumindest psychisch mitbedingt sein könnte.

Hat sie schon einmal erlebt, dass ein Patient sie abgelehnt hat, weil sie eine Frau ist? Schließlich sagt man vielen Männern aus dem Nahen und Mittleren Osten ein gestörtes Verhältnis zu Frauen nach. Nein, so etwas habe sie noch nicht erleben müssen, betont sie. Dafür sei der Leidensdruck bei vielen Patienten einfach zu groß. Sie erfahre eher ganz viel Dankbarkeit. Die Menschen seien dankbar, „dass da jemand ist, der sich Zeit nimmt, der zuhört und empathisch ist und mit dem man sich in seiner Muttersprache unterhalten kann“. Das, so formuliert es Fereshteh Nasresfahani, sei bereits die halbe Miete.

So hat die Klinik in Gerolstein im vergangenen Jahr mehr als 60 Patienten behandelt, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Während hier Fereshteh Nasresfahani ganz besonders Zufluchts­suchenden aus Afghanistan gerecht werden kann, so „können wir in Hermeskeil mit Arabisch regional einen weiteren sprachlichen Schwerpunkt setzen“, betont Stefan Thielscher.

Denn in der neuen Tagesklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (auch dort ist Thielscher Chefarzt) arbeitet mit Yara Kassab eine Psychologin, die aus dem Libanon stammt und deren Muttersprache Arabisch ist. Seit wenigen Wochen arbeitet sie hier auch mit Geflüchteten, die in der Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende in Hermeskeil leben. So wollen Thielscher und sein Team die Betreuung von Menschen mit Migrationshintergrund nicht als vorübergehendes Projekt verstanden wissen, sondern sie zum Regelfall machen. Und damit ihren Beitrag zur Integration leisten.