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Interview
Position beziehen, auch wenn es der Partei nicht passt

Matthias Stein (75) ist seit 20 Jahren Stadtbürgermeister von Hillesheim. Zu seinen wichtigsten Entscheidungen zählte, dass die Stadt das damals insolvente Hotel gekauft, für viel Geld saniert und erfolgreich verpachtet hat. Bereits seit mehr als zehn Jahren sorgt das Augustiner-Kloster für einen gewissen Aufschwung in Hillesheim.
Matthias Stein (75) ist seit 20 Jahren Stadtbürgermeister von Hillesheim. Zu seinen wichtigsten Entscheidungen zählte, dass die Stadt das damals insolvente Hotel gekauft, für viel Geld saniert und erfolgreich verpachtet hat. Bereits seit mehr als zehn Jahren sorgt das Augustiner-Kloster für einen gewissen Aufschwung in Hillesheim. FOTO: Mario Hübner
Hillesheim. Vor 20 Jahren ist Matthias Stein (CDU) zum ersten Mal zum Stadtbürgermeister von Hillesheim gewählt worden. Ans Aufhören denkt er auch mit 75 noch nicht. Von Mario Hübner
Mario Hübner

Matthias Stein ist am 15. März 1998 erstmalig zum Stadtbürgermeister von Hillesheim gewählt und anschließend vier Mal im Amt betätigt worden. In jüngster Zeit hat er sich als größter Kritiker der Fusion Gerolstein-Hillesheim-Obere Kyll hervorgetan, weil er die Stadt Hillesheim als größten Verlierer sieht. Im Interview mit TV-Redakteur Mario Hübner blickt er auf seine lange Amtszeit zurück und lässt dabei auch offen, ob er 2019 nicht doch noch einmal antritt.

20 Jahre im Amt, gerne auch öffentlichkeitswirksam: Wie fühlen Sie sich?

MATTHIAS STEIN Ich fühle mich wirklich gut. Die Arbeit und die gute Pflege meiner Frau halten mich fit. In dem Amt muss man an die Öffentlichkeit gehen, denn zu den Ratssitzungen kommen ja kaum Bürger.

Wie hat sich die Stadt in dieser Zeit entwickelt?

STEIN Sehr gut! (Zückt einen Stichwortzettel mit den 20 wichtigsten Vorhaben) Ich habe vor einigen Jahren An den vier Bäumen viel Land für die Stadt erworben und trotz vieler Bedenken 27 Baustellen geschaffen. Heute kann ich mit Stolz sagen: Das ist in ganz Rheinland-Pfalz das einzige Neubaugebiet ohne Kreditfinanzierung. Alle Kosten wurden mit dem Verkauf der Grundstücke gedeckt. Heute sind nur noch zwei Grundstücke frei, deswegen sind wir dabei, dort um zwölf bis 15 weitere Grundstücke zu erweitern. Zudem werden dieses Jahr 30 neue Mietwohnungen in Hillesheim geschaffen. All das zeigt, wie attraktiv die Stadt ist.

Wie wird sich Hillesheim in den nächsten 20 Jahren entwickeln?

STEIN Das kommt darauf an, wie sich die neue Verbandsgemeinde entwickelt; was nach der Fusion noch für Hillesheim übrigbleibt. Die Stadt ist der große Verlierer dieser Fusion. Da ist vieles zu leichtfertig aufgegeben worden. Das wird man in zehn, 20 Jahren merken.

Die Fusion wird kommen, da beißt die Maus keinen Faden ab. Wie werden Sie sich einbringen?

STEIN Ich werde nach wie vor die Sache kritisch und in aller Öffentlichkeit begleiten.

Also weiterhin wehrhaft anstatt (gesprächs-)willig? Was tun Sie schon jetzt, um ein gedeihliches Miteinander mit Gerolstein zu erreichen?

STEIN Ich werde natürlich nicht aus allen Kanonenrohren schießen, wenn sich gute Lösungen abzeichnen.

Was wäre positiv für Sie?

STEIN Ich denke zuerst mal an das Rathaus. Da darf es keinen Leerstand geben, es muss eine Folgenutzung her, wenn die Verwaltung auszieht. Beispielsweise will Landesforsten fünf Verkaufsstellen für Holz landesweit einrichten. Warum nicht eine davon in Hillesheim? Auch die Touristiker müssen nach dem Zusammengehen mit Gerolstein einen Sitz in Hillesheim behalten. Wir haben schon so viele Behörden und Einrichtungen verloren wie Katasteramt, Amtsgericht, Landwirtschaftsschule. Ohne Ersatz. Wenn ich aber bei jedem zweiten Satz lesen „darüber entscheidet der künftige Verbandsgemeinderat“, ist mir das alles viel zu schwammig.

Wie blicken Sie auf die Kommunalwahl 2019?

STEIN Mit gemischten Gefühlen. Ich habe Bedenken, ob Hillesheim genügend Gehör findet.

Und Sie: Werden Sie nochmals als Stadtbürgermeister kandidieren?

STEIN Dazu werde ich mich bis Ende des Jahres äußern, jetzt aber noch nicht.

Das heißt, Sie schließen eine erneute Kandidatur derzeit nicht kategorisch aus?

STEIN So ist es.

Parteisoldat oder eigenständige Persönlichkeit: Welches ist der bessere Weg, um etwas zu erreichen?

STEIN Man sollte sein eigenes Profil haben und dazu stehen. Das habe ich stets versucht, und bin durch die Ergebnisse bei vier Direktwahlen ja auch bestätigt worden. Ich bin bekennender CDU-Mann, aber als Kommunalpolitiker stand nie die Partei im Vordergrund, sondern die Sache. Es ist wichtiger, die Probleme  zu lösen, als Parteipolitik zu betreiben.

Damit macht man sich nicht nur Freunde. Sie haben sich ja auch zeitweise mit Ihrer CDU-Fraktion im VG-Rat überworfen.

STEIN Nutzt aber nichts. Man muss zu seiner Meinung stehen und Rückgrat haben – egal, wer neben oder gegenüber von einem sitzt. Ich war nicht immer mit allem einverstanden, was die CDU gemacht hat, da darf die Partei auch mal mit mir nicht einverstanden sein.

Was kritisieren Sie an Ihrer Partei vor Ort?

STEIN Sie müsste wesentlich mehr Öffentlichkeitsarbeit machen. Und die Bürger besser einbinden.

Aber das ist kein CDU-spezifisches Thema.

STEIN So ist es. Wenn ich bedenke, dass ich für viel Geld ein Konzept zum Schutz unseres Einzelhandels habe erstellen lassen und dann bei dessen Vorstellung nicht ein Gewerbetreibender in den Stadtrat kommt,  finde ich das beschämend.  Schließlich ist das für die Händler von gravierender Bedeutung. Gleiches Spiel beim Thema  Brunnengelände Gerolstein. Da haben wir Einwendungen nach Gerolstein geschickt, weil das auch Hillesheim stark tangiert. Doch vom eigenen Gewerbeverein kommt dazu nichts, null. Das kann ich nicht begreifen. Vielleicht liegt es daran, dass der Vorsitzende des Gewerbevereins nicht aus Hillesheim kommt. In vielen Bereichen geht es mir zu sehr nach dem Motto: Es läuft, der Mätti macht das schon. Das kann es aber nicht sein.

Fusion, fehlende Umgehung, zeitweise Bruch mit der CDU: Ist ja  nicht alles so prima gelaufen. Was war für Sie die größte politische Niederlage?

STEIN Die Kommunal- und Verwaltungsreform. Auch das von der FWG betriebene Contra zur Ortsumgehung Hillesheim war für mich sehr enttäuschend. Aber das Thema ist noch nicht beendet, ich werde es noch dieses Jahr wieder auf die Tagesordnung bringen. Fakt ist: Wir müssen den Schwerlastverkehr aus der Stadt  bekommen. Täglich 14000 Fahrzeuge, darunter viele LKW, in der Kölner Straße sind quasi unzumutbar für die Anwohner. Dazu werde ich nochmals eine Bürgerbefragung machen. Ich bin optimistisch, dass wir da in den nächsten zehn Jahre eine Lösung hinbekommen können.

Und die größte Errungenschaft?

STEIN Neben den Baugebieten, die gut angenommen wurden, ist das mit Sicherheit der Umbau der Markt- und Messehalle zu einem in der Region einmaligen Veranstaltungszentrum. Und natürlich das Hotel Augustiner-Kloster. Wie oft bin ich dafür angefeindet und belächelt worden, dass die Stadt es damals gekauft und – ja, für viel Geld – saniert hat. Und heute: Ohne die Gäste und deren Kaufkraft wäre Hillesheim allenfalls ein etwas bedeutenderes Dorf, aber keine prosperierende Stadt. So weit gehe ich!

Hätten Sie auch einen – wie gerne gefrotzelt wird – guten Hoteldirektor abgegeben?

STEIN Nein, ungeeignet – auch wenn es dazu schon viele Karnevalswagen gab, mir der Titel jetzt noch oft angehängt wird und ich ihn wohl auch nicht mehr loswerde.

Zirkusdompteur (Sie geben im Rat ja schon gerne vor, wo es langgehen soll – manchmal am liebsten ohne Diskussion)?

STEIN Nein, ich will keinen überrumpeln, aber: Reden um des Redens willen, davon halte ich auch nichts. Wenn ich gemeinsam mit der Verwaltung eine Vorlage erarbeitet oder einen Grundstücksverkauf in die Wege geleitet habe, dann können alle davon ausgehen: Das hat Hand und Fuß.

Weihnachtsmann (wegen des Glöckchens, mit dem Sie jede Sitzung leiten)?

STEIN Das Glöckchen gehört dazu, das habe ich von meinem Vorgänger Martin Hank übernommen und werde es nach meinem Abgang auch da lassen. Aber zum Glück brauche ich es gar nicht so oft, weil es bei uns ja nur selten drunter und drüber geht.

Freuen Sie sich auf oder fürchten Sie eher den Ruhestand?

STEIN Darüber sprechen wir, wenn es soweit ist.

Und Ihre Frau?

STEIN Die wird sich über meinen Ruhestand freuen. Wäre es nach ihr gegangen, wäre ich schon beim letzten Mal nicht mehr angetreten. Ich kann schon ganz gut einschätzen, was sie sich mit mir und meinem Amt angetan hat.