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Samuel Fitwi Sibhatu, Flüchtling aus Eritrea und großes Lauftalent, erhält den deutschen Pass.
Samuel Fitwi Sibhatu, Flüchtling aus Eritrea und großes Lauftalent, erhält den deutschen Pass. FOTO: Mario Hübner
Stadtkyll. Samuel Fitwi Sibhatu, Flüchtling aus Eritrea und großes Lauftalent, erhält heute in Daun den deutschen Pass. Jetzt freut sich der in Stadtkyll lebende 21-Jährige schon auf die Deutschen Meisterschaften. Von Mario Hübner
Mario Hübner

Sich in den Vordergrund drängen, laut werden oder große Töne spucken sind ihm wesensfremd. Samuel Fitwi Sibhatu (21) ist der Inbegriff von Zurückhaltung.

Dabei könnte der junge, leise Mann, der vor dreieinhalb Jahren gemeinsam mit drei Freunden aus Eritrea geflohen ist, durchaus auf seine inzwischen beachtlichen Lauferfolge verweisen und zu Recht stolz darauf sein. Wie kein anderer hat der 21-Jährige der regionalen Läuferszene im vergangenen Jahr seinen Stempel aufgedrückt und neben der Vulkaneifel-Crosslaufserie auch weitere Mitteldistanzrennen gewonnen. Zuletzt war er bester Starter aus der Region beim Silvesterlauf in Trier (der TV berichtete).

Auch bundesweit hat Samuel für Aufsehen gesorgt – was für ihn aber eher mit Enttäuschung verbunden war. „Bei der Deutschen U 23-Crosslauf-Meisterschaft bin ich außer Konkurrenz gestartet, weil ich keinen deutschen Pass hatte. Als ich dann kurz vorm Ziel 100 Meter Vorsprung hatte und den Lauf gewonnen hätte, hat mich der Veranstalter aus dem Rennen genommen“, berichtet er. Andere Flüchtlinge, die weiter hinten gelandet sind, durften bis ins Ziel laufen. Ebenfalls enttäuschend und erfreulich zugleich war sein Abschneiden bei der Qualifikation für die Crosslauf-Europameisterschaft vor wenigen Wochen: Den drei Schnellsten winkte das Ticket, nicht aber Samuel. Er hatte zwar die drittschnellste Zeit, aber eben keinen deutschen Pass.

Das wird sich nun ändern: Am heutigen Montag wird Landrat Heinz-Peter Thiel in der Kreisverwaltung in Daun Samuel Fitwi Sibhatu einbürgern und ihm den deutschen Pass aushändigen – nur etwa ein halbes Jahr nach der Antragstellung.

Nachricht und Einladung waren bereits kurz vor Weihnachten im Briefkasten der Großfamilie von Brigitte und Christian Linden in Stadtkyll gelandet, die Samuel vor zweieinhalb Jahren aufgenommen und ihm ein neues Zuhause geboten haben. Da war die Freude bei allen Beteiligten verständlicherweise groß. So sagt Christian Linden: „Wunderbar. Das war definitiv für uns alle das schönste Weihnachtsgeschenk. Ich denke dabei vor allem an die Sicherheit, die er dadurch hat.“ Und die Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln, zu reisen, in Trainingslager im Ausland zu fahren, ohne Angst haben zu müssen, ob das überhaupt erlaubt ist.

Und was waren seine ersten Gedanken nach dem Eintreffen der guten Nachricht? „Ein ganz gutes Gefühl. Und Stolz“, sagt er auf der Suche nach den richtigen Wörtern.

Er habe prompt ein paar SMS verschickt, und seine Kollegen hätten ihm gratuliert und sich mit ihm gefreut. Sein Freund, Unterstützer und Trainingspartner Yannik Duppich ist sofort mit ein paar Bieren vorbeigekommen, um zu feiern. Die eigentliche Feier mit Freunden, Trainings- und Arbeitskollegen soll aber erst noch diesen Monat steigen – gemeinsam mit der Fete zu seinem 22. Geburtstag.

Als Läufer ist er aber noch viel jünger, quasi ein Kleinkind. Denn er trainiert erst seit anderthalb Jahren richtig. „Früher mussten wir immer acht Kilometer zur Schule und wieder zurückgehen oder eben laufen, aber trainiert habe ich dort nie“, berichtet Samuel. Erst in Deutschland, nach seiner Flucht über Land, durch die Wüste und übers Mittelmeer, habe er den Sport für sich entdeckt. Angefangen hat alles mit dem legendären Cooper-Test im Internat in Neuerburg am letzten Schultag dort. Bei dem geht es darum, in zwölf Minuten so weit wie möglich auf der Bahn zu laufen. Als sehr guter Läufer gilt dort, wer mehr als drei Kilometer schafft. Samuel lag weit darüber, wie weit genau, weiß er nicht mehr. Klar ist nur: Er war lediglich mit Turn- und nicht mal mit Laufschuhen unterwegs.

Das Ergebnis hat Christian Linden zunächst verblüfft dreinblicken und dann ungläubig nachfragen lassen, ob das alles so stimme. Als Samuel dies versicherte, wandte sich Christian Linden, zugleich Rektor an der Grundschule Hillesheim, an seinen ehemaligen Lehrerkollegen und Top-Läufer Thorben Dietz. Er und sein Vereinskamerad Yannik Dupppich nahmen Samuel dann zu einigen Trainingsrunden mit ins Bolsdorfer Tälchen.

Sofort war klar: Hier schlummert ein großes Lauftalent, das gefördert werden will, ja muss.