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Gesundheit: Gesundheitsministerium macht dem Trierer Mutterhaus Druck

Gesundheit : Gesundheitsministerium macht dem Trierer Mutterhaus Druck

Die Verantwortlichen der Klinik verteidigen den Aufnahmestopp für krebskranke Kinder. Der Krankenhauschef begründet das mit dem Wohl der Patienten.

Das, was Ärzte und Pfleger auf der Station A 3 im vergangenen Jahr trotz personeller Unterbesetzung geleistet hätten, habe schon „unmenschliche Züge“ angenommen. Das verdiene „vollste Bewunderung“, schildert ein Vater eines krebskranken Kindes seine Erfahrungen auf der Kinderkrebsstation des Trierer Mutterhauses.

„Als betroffene Eltern waren wir vor Ort voll in die Pflege unseres Kindes eingebunden, weil ein Aufrechterhalten der Versorgung gerade in den Nachtschichten sonst nicht mehr möglich gewesen wäre“, so der Vater gegenüber unserer Zeitung. Im Laufe des vergangenen Jahres habe es bei dem Pflegepersonal auf der Station weitere Kündigungen gegeben. Bereits zuvor seien Stellen nicht besetzt gewesen. Dadurch habe der Arbeitsumfang für die verbliebenen Mitarbeiter zugenommen. Das habe zu Kündigungen und krankheitsbedingten Ausfällen geführt, behauptet der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung veröffentlicht sehen will.

Bereits seit 2017 habe die Uni-klinik Kenntnis davon, dass das Trierer Mutterhaus keine krebskranken Kinder mehr stationär behandeln könne, weil es an ausreichendem Pflegepersonal fehle, sagt der Vater weiter.

Mutterhaus-Geschäftsführer Jörg Mehr und der Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin, Wolfgang Thomas, sagen jedoch, dass erst seit Anfang des Jahres ein Aufnahmestopp auf der Kinderkrebsstation der Klinik bestehe. Daher habe man sich entschlossen, die betreffenden jungen Patienten an die Universitätsklinik nach Homburg zu verweisen, mit der man ohnehin schon eng zusammenarbeite.

Es gehe im Schnitt um zwölf Patienten, die pro Jahr stationär auf der Station behandelt und nun nach Homburg verwiesen werden müssten, sagt Thomas. Insgesamt würden 3000 Patienten pro Jahr in der Abteilung Kinder- und Jugendmedizin behandelt.

An Krebs erkrankte Kinder machten rund acht Prozent der jungen Patienten aus.

Es sei nicht ungewöhnlich, dass Kinder vom Mutterhaus an andere Kliniken zur Behandlung verwiesen würden, sagt der Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin im Mutterhaus weiter. Thomas nennt als Beispiel Fälle mit angeborenen oder erworbenen Herz- und Nierenfehlern. Zehn bis 20 davon betroffene Kinder pro Jahr würden an Spezialzentren überwiesen.

Um weiterhin die „sehr hohe Qualität“ bei der stationären Behandlung krebskranker Kinder und Jugendlicher zu gewährleisten, habe man sich entschlossen, die jungen Patienten nach Homburg zu schicken, erläutert der Geschäftsführer des Mutterhauses die Hintergründe der Entscheidung. Das sei lediglich zum Wohl der Patienten geschehen, es gehe um die optimale Versorgung der Kinder, sagt Mehr.

   Jörg Mehr, Geschäftsführer des Klinikums Trierer Mutterhaus
Jörg Mehr, Geschäftsführer des Klinikums Trierer Mutterhaus Foto: Mutterhaus

Man hätte die Kinder auch weiter in Trier behandeln können, stellt wiederum Chefarzt Thomas klar. Als Mindestbesetzung seien drei Fachpflegekräfte und drei auf die Krebsbehandlung spezialisierte Ärzte (Onkologen) vorgesehen. Diese Voraussetzung erfülle die Station, sagt Thomas. Aber um letztlich die hohen Anforderungen, die an die Therapie von krebskranken Kindern gestellt würden, auch wirklich zu erfüllen, habe man sich für den Aufnahmestopp entschieden. Auch um dem „sehr jungen Team“ mit den neu eingestellten Pflegern auf der Station (laut Mehr gibt es insgesamt zwölf Vollzeitstellen) die Möglichkeit zu geben, sich einzuarbeiten.

Allerdings hat wohl nach Informationen unserer Zeitung eine Pflegerin im Oktober gekündigt, eine andere ist schwanger. Dadurch könnte es erneut zu personellen Engpässen kommen, zumal zwei Ärzte im kommenden Jahr die Station verlassen werden. Einer hat sich auf eine Chefarztstelle beworben, eine weitere Medizinerin wird eine Weiterqualifizierung in der Uniklinik in Homburg machen.

Dass die Öffentlichkeit nicht über den seit Anfang des Jahres bestehenden Aufnahmestopp informiert worden sei, begründet der Klinik-Geschäftsführer damit, dass letztlich keine Patienten in Gefahr gewesen seien. „Es ist keiner zu Schaden gekommen.“ Erst nachdem der Förderverein krebskranker Kinder den Missstand öffentlich gemacht hat, hat die Klinik am Montag reagiert. Thomas zeigt sich verwundert, dass der offene Brief des Vereins an regionale Politiker versandt worden sei, nachdem er am Donnerstag mit dem Vorsitzenden Eugen Schuh gesprochen und diesen über die Situation informiert habe.

Man sei bemüht, ab Januar wieder krebskranke Kinder stationär aufzunehmen, sagt Mehr. „Wir können das momentan aber nicht garantieren.“

Allerdings macht das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium nun Druck in der Sache. Es werde erwartet, dass die Klinik „weiter intensiv nach einer Lösung sucht, die eine stationäre Betreuung der jungen Patientinnen und Patienten in Zukunft wieder im Klinikum Mutterhaus ermöglicht“, heißt es vom Ministerium.

Laut Mehr macht sich der Fachkräftemangel bei der Pflege derzeit außer auf der Kinderkrebsstation auch auf der Station für Frühgeborene bemerkbar. „Wir stellen uns dem Problem.“ Mehr spricht aber auch von einem „schwierigen Unterfangen“.

Das Gesundheitsministerium wiederum sieht im kürzlich vom Bundestag verabschiedeten Pflegepersonalstärkungsgesetz einen Schritt in die richtige Richtung, um auf den Pflegenotstand zu reagieren.

Zentrale Elemente seien Initiativen zur Steigerung der Attraktivität der Arbeit in der Pflege, für die Beschäftigung zusätzlicher Pflegekräfte und insbesondere, dass künftig alle Pflegekosten zur Versorgung der Patienten vollständig refinanziert werden sollen.

Auch Markus Mai, Präsident der rheinland-pfälzischen Pflegekammer, begrüßt das Gesetz. Es allein reiche aber nicht aus, um mehr Menschen davon zu überzeugen, in der Pflege zu arbeiten. Neben einer deutlichen Arbeitsentlastung sei auch eine spürbare Anhebung der Gehälter von Pflegern notwendig, sagt der Pflegekammerchef. Grundsätzlich müssten diese Pflegekräfte mehr als 4000 Euro verdienen, fordert Mai. Derzeit verdienen Krankenpfleger zwischen 1900 und 2700 Euro im Monat.

Die Politik habe das Problem in den vergangenen 30 Jahren verschlafen. Nun sei es nicht so einfach zu lösen, sagt Mai. Die Situation im Mutterhaus, dem er bescheinigt, verantwortungsvoll gehandelt zu haben, zeige, dass der Pflegenotstand überall angekommen ist.

„Der Mangel an Fachkräften in der Pflege hat immer katastrophalere Folgen“, sagt die Trierer Bundestagsabgeordnete Katrin Werner (Linke). Sie fordert einen flächendeckenden Mindestlohn für Pfleger und einen bundesweit einheitlichen und verbindlichen Personalschlüssel. Die Situation im Trierer Mutterhaus sei „Folge einer verfehlten Politik“.