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Gedenken
Bekenntnisse gegen Hetzer und Leugner

Repräsentanten mehrerer europäischer Länder legen an der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert Kränze nieder.
Repräsentanten mehrerer europäischer Länder legen an der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert Kränze nieder. FOTO: Ursula Schmieder
Hinzert-Pölert. Mehrere Nationen gedenken der früheren Inhaftierten und Ermordeten des SS-Sonderlagers/KZ Hinzert. Von Ursula Schmieder

Andrzej Dudzinski, Vizekonsul der Republik Polen, stimmte am Samstag mit seinen Worten nachdenklich in der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert. Ist es wirklich oft nur Gedankenlosigkeit, wenn von „polnischen“ Konzentrations- und Vernichtungslagern gesprochen wird? Und das 73 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und damit des nationalsozialistischen Regimes.

Selbstverständlich waren es deutsche Lager auf dem Boden Polens, das besetzt war. Das nicht klar zu formulieren, bezeichnete Dudzinski in seiner Gedenkansprache als historisch – und mit Blick auf die Opfer – auch moralisch inakzeptabel. Einen solchen Krieg, menschenverachtend und rassistisch motiviert, dürfe es nie mehr geben. Es gehe nicht darum, Deutsche als Kriegsverbrecher darzustellen, sondern „um die Lehre, die wir alle aus der Geschichte ziehen sollten“. Und das sei, aktuellen Ereignissen nach, leider doch nicht erfolgt.

 Der Bezug zur Gegenwart liegt auch Bernhard Kukatzki, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung (LPB) Rheinland-Pfalz, am Herzen. Die LPB und die Trierer Aufsichtsdirektion ADD laden gemeinsam ein zu den jährlichen Internationalen Gedenkfeiern. Über die „Amicale des Anciens de Hinzert“, den Freundeskreis ehemaliger Deportierter, nehmen das, nach einer Gedenkmesse, vor allem viele luxemburgische Besucher an.

Kukatzki bezeichnet es als Verpflichtung, der Opfer zu gedenken, an ihre Leiden zu erinnern. Demokratie und Frieden würden „nicht vom Sofa aus“ geschaffen. Sie müssten immer wieder erarbeitet und bewahrt werden, wofür es „viele aktive Menschen“ brauche. Daher begrüßt er Vorstöße wie einen Antrag der Landesfraktionen von SPD, CDU, FDP und Bündnis 90/Die Grünen. Das Ergebnis sei, dass Gedenkstättenbesuche für Schüler zwar nicht verpflichtend, aber fester Unterrichtsbestandteil seien und „nachdrücklich empfohlen“ würden.

 Damit die Gedenkstätte Hinzert dem räumlich gerecht wird, hat das Land bereits die Planung für die Erweiterung des Dokumentations- und Begegnungshauses beantragt. Einen akustischen Einblick in eine weitere Neuerung, virtuelle Führungen über das ehemalige Lagergelände per Handy-App, bot die Gruppe „ARTett“. Ihr „begehbares Hörspiel“ untermalt mit Kompositionen wie Appellplatz oder Bunker die Begleitung eines fiktiven 14-jährigen Gefangenen.

Etwa gleichaltrige Schüler der St. Martinus-Schule Reinsfeld berichteten bei der Gedenkfeier von ihrem ehrenamtlichen Engagement. Vor Jahren von Schülern an Stätten der Unmenschlichkeit – gemeint sind damit zum Beispiel Hinrichtungsorte – errichtete Schutzhütten wurden von ihnen frisch gestrichen: „Zur Erinnerung und aus Respekt für die Menschen, die hier leiden mussten.“

Zwischenapplaus würdigte die Rede der evangelischen Pfarrerin Heike Diederich. Sie betonte, die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus gehöre „zu unserer nationalen und kirchlichen Identität“. Und das müsse verteidigt werden „gegen die Leugner, die Geschichtsverdreher, die Hetzer und Hetzjagenden, gegen die Verharmloser und Wortverdreher“. Ihr Segensgebet, beginnend mit „Guter Gott, bewahre uns davor zu schweigen, wo wir schreien müssten“, leitete über zur feierlichen Kranzniederlegung am Ehrenfriedhof der Gedenkstätte.