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Gesundheit
Konflikt um einen Helm: Familie aus Damflos streitet mit Krankenkasse

Der kleine Finn Sand (links) - hier mit seinen Eltern Katja und Christoph und seinem Zwillingsbruder Till - trägt einen Helm, der seine verformten Schädelknochen wieder in die richtige Position rückt. Die Familie aus Damflos streitet mit ihrer Krankenkasse, die die Kosten für diese Therapie nicht übernehmen will.
Der kleine Finn Sand (links) - hier mit seinen Eltern Katja und Christoph und seinem Zwillingsbruder Till - trägt einen Helm, der seine verformten Schädelknochen wieder in die richtige Position rückt. Die Familie aus Damflos streitet mit ihrer Krankenkasse, die die Kosten für diese Therapie nicht übernehmen will. FOTO: Christa Weber / Trierischer Volksfreund
Damflos. Finn aus Damflos trägt fast rund um die Uhr einen Helm. Er soll Unebenheiten am Kopf des Jungen beheben, die laut Ärzten zu Folgeschäden führen könnten. Die Krankenkasse will dafür nicht zahlen. Dagegen wehren sich die Eltern. Von Christa Weber
Christa Weber

Der Helm auf seinem Kopf ist mit bunten Tieraufklebern verziert. Finn, knapp zehn Monate alt, scheint die ungewöhnliche Kopfbedeckung kaum zu bemerken. 23 Stunden am Tag muss der Junge aus Damflos den Helm tragen – aus medizinischen Gründen. Die von innen gepolsterte Schale aus Kunststoff soll ihm dabei helfen, die Verformungen seines Schädels zu korrigieren. Um die Kostenübernahme für diese Therapie streitet Finns Familie seit Monaten mit ihrer Krankenkasse.

Die Vorgeschichte Als Finn fünf Monate alt war, fielen dem Kinderarzt unebene Stellen am Kopf des Säuglings auf. „Es war ziemlich extrem“, sagt Mutter Katja Sand. Sie und ihr Mann hätten anschließend vieles versucht, damit sich die Kopfform von selbst korrigiere – von Osteopathie bis zum Einsatz gerollter Handtücher, die verhindern sollten, dass sich der Junge umdreht. Denn eine zu häufige Rückenlage sei laut Ärzten eine mögliche Ursache für Schädelasymmetrien. Die Versuche der Eltern brachten jedoch keinen Erfolg. Im Verbundkrankenhaus Bernkastel-Wittlich wurde Finn schließlich eine sogenannte Kopforthese verordnet. Begründung: Die Schädelbasis des Jungen sei so stark verschoben, dass ohne diese Helmtherapie Wirbelblockaden und Folgeschäden wie chronische Kopfschmerzen, Wahrnehmungs- und Haltungsstörungen drohten. Seitdem trägt Finn den Helm, durch den sein Kopf in die ideale Form hineinwächst.

Im November 2017 bat Vater Christoph Sand bei der Techniker Krankenkasse (TK) in Trier darum, dass diese die Kosten für die Helmtherapie übernehme: etwa 1500 Euro inklusive der begleitenden Untersuchungen und Krankengymnastik. Die Kasse lehnte dies ab, was die Familie nicht hinnehmen will und Widerspruch einlegte.

Die Argumentation der Kasse Die Techniker Krankenkasse begründet ihre Ablehnung damit, dass die Helmtherapie bislang nicht im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgeführt ist. Über eine solche Aufnahme entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) aus Vertretern von Ärzten, Kassen und Kliniken (siehe Info). Eine Sprecherin der TK-Landesvertretung Rheinland-Pfalz weist zudem auf ein Urteil des Bundessozialgerichts vom 11. Mai 2017 hin, das die Haltung der Krankenkassen bestätige. Die Helmtherapie, so die Richter, sei eine „neue Behandlungsmethode“, die vom zuständigen Ausschuss noch nicht geprüft sei. „Diese Rechtsprechung ist für die TK maßgeblich“, teilt die Sprecherin mit.

Man könne zwar Ausnahmen prüfen. Dazu müssten aber bestimmte Kriterien erfüllt sein wie etwa eine „lebensbedrohliche Gefährdung“ des Patienten, falls die Methode nicht eingesetzt werde. Voraussetzung für die Kostenübernahme ist laut der TK-Sprecherin, dass „keine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Behandlung zur Verfügung“ stehe. Außerdem müsse die Methode eine „nicht ganz weit entfernte Aussicht auf Heilung“ versprechen. Die TK habe dazu ein Gutachten beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) eingeholt. Dieser teile die Einschätzung der Kasse und habe alternative Therapieformen wie die Lagerungs- oder Physiotherapie empfohlen.

Die Reaktion der Familie „Wir haben es Schwarz auf Weiß, dass der Helm etwas bringt“, sagt Christoph Sand. Anfangs seien Finns Ohren um acht Millimeter verschoben gewesen. „Jetzt sind es nur noch zwei.“ In ein bis zwei Monaten könne sein Sohn die Therapie vermutlich beenden. Aus Unterhaltungen betroffener Eltern im sozialen Netzwerk Facebook wisse sie, dass diese Methode vielen Kindern geholfen habe, sagt Katja Sand. Ihr Schwiegervater Michael Sand hat im Internet entdeckt, dass Krankenkassen wie die BKK exklusiv oder die AOK Niedersachsen die Helmtherapie ohne rechtliche Verpflichtung bezahlen – bei Nachweis der medizinischen Notwendigkeit. Und die sei bei Finn klar diagnostiziert, sagt Michael Sand: „Gerade bei einem Kind, bei dem sich später einige Folgeschäden ergeben können, verstehe ich nicht, warum eine Kasse so handelt.“

Die Meinung des Arztes Dr. Merten Kriewitz, Oberarzt in der Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin am Verbundkrankenhaus Bernkastel-Wittlich, hat die Helmtherapie für Finn angeordnet. Zu der Argumentation der Krankenkasse sagt er: „Bei Kindern, die älter als fünf Monate sind, ist es zu spät für die von der TK genannten Behandlungsmethoden.“ Dafür gebe es wissenschaftliche Belege. Bis zu den Kassen und zum Medizinischen Dienst sei diese Erkenntnis offenbar noch nicht durchgedrungen. Bei Finn sei die Verschiebung der Schädelbasis so stark gewesen, dass der Helm definitiv erforderlich gewesen sei, um Folgeschäden vorzubeugen. Die von den Kassen geforderten Studien zum Nachweis des therapeutischen Nutzens und der Vermeidung von Folgeschäden durch das Tragen des Helms seien nur mit großem Aufwand zu erbringen, sagt Kriewitz. „Im Sinne der aktuellen Rechtsprechung“ habe die TK mit ihrer Vorgehensweise recht. Die Patienten seien auf eine „gewisse Kulanz“ der Kassen angewiesen.

Wie geht es weiter? Inzwischen hat ein TK-Ausschuss den Widerspruch der Familie geprüft und abgelehnt. Gegen den negativen Bescheid könnten die Sands vor Gericht ziehen. Ob sie dies angesichts der jüngsten Urteile auch wollen, haben sie noch nicht entschieden: „Die Dinge können sich nur ändern, wenn sich Betroffene wehren“, sagt Michael Sand. „Wir werden unseren Anwalt fragen, ob es sinnvoll ist.“