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Geplanter Abriss im Schillingener Ortskern stößt auf Widerstand

Blick in die Zukunft: Die am Computer bearbeitete Fotografie im Bildvordergrund zeigt, wie der Bereich Trierer Straße/Bahnhofstraße im Schillinger Ortskern nach dem Abriss der ehemaligen Discothek und des Gasthauses Zum Hirsch (im Hintergrund) aussehen könnte. TV-Foto: Christa Weber
Blick in die Zukunft: Die am Computer bearbeitete Fotografie im Bildvordergrund zeigt, wie der Bereich Trierer Straße/Bahnhofstraße im Schillinger Ortskern nach dem Abriss der ehemaligen Discothek und des Gasthauses Zum Hirsch (im Hintergrund) aussehen könnte. TV-Foto: Christa Weber FOTO: (h_hochw )
Schillingen. In Schillingen sollen Gebäude dem Bagger weichen, darunter ein altes Gasthaus. Bürger fordern jedoch dessen Erhalt und hoffen auf einen Investor. Der Ortschef hält das für unrealistisch. Christa Weber

Schillingen Christof Maßem steht vor seinem Gasthaus an der Trierer Straße in Schillingen und schaut auf das Haus schräg gegenüber. "Es wäre schade, wenn dieses ortsbildprägende Gebäude weg wäre", sagt er. Die Gemeinde hat den leerstehenden Komplex im Frühjahr 2016 gekauft. Bis Mitte der 1990er Jahre befand sich im hinteren Teil die Diskothek Old Stag (Alter Hirsch) und vorne an der Straße das Gasthaus Zum Hirsch. Der Gemeinderat will alles abreißen lassen.
Maßem kann das nicht verstehen. "Die Disco abreißen, okay. Aber warum kann man das Gasthaus nicht stehen lassen?" Das fragten sich einige im Dorf. In seiner Gaststätte hat der Schillinger seit zwei Wochen eine Liste ausgelegt. Wer will, kann entweder für den Erhalt oder den Abriss des früheren Gasthauses unterschreiben. "30 Leute haben schon unterzeichnet, 29 davon für den Erhalt." Maßem ist überzeugt, dass man für das Haus einen Investor finden könnte, "der mit wenig Aufwand etwas Schönes daraus macht". Das Dach sei "in Ordnung", auch im Innern sehe es "nicht so schlimm" aus.
Durch den Abriss entstehe im Ortskern "für eine ganze Weile ein hässliches großes Loch", sagt der Gastronom. Er habe sich den künftigen Anblick von einem Bekannten am Computer simulieren lassen (siehe Foto). Die Gäste auf seiner Außenterrasse würden genau auf die Baulücke schauen. Zudem wisse die Gemeinde nicht, was danach komme. Das Gasthaus könne in eine neue Nutzung "integriert" werden, findet Maßem. "So etwas abzureißen, wäre eine Schande", sagen auch Margot Schumacher und Lucien Adam. Das Paar aus Luxemburg hat ein zuvor leerstehendes Anwesen gegenüber dem Gasthaus Zum Hirsch gekauft und innerhalb weniger Monate restauriert. Beide glauben, dass sich ein Privater für das Gasthaus begeistern ließe. Sie haben für den Erhalt unterschrieben. Die Liste will Maßem demnächst an den Gemeinderat weitergeben.
Ortsbürgermeister Markus Franzen (CDU) ist überrascht von der Initiative der Bürger. Er sei bisher nur von einer Person auf das Thema angesprochen worden, sagt er. Für ihn gebe es jedoch keinen Anlass, das vom Rat in Dezember 2016 einstimmig beschlossene Vorgehen aufzuhalten. Derzeit würden die Ausschreibungen vorbereitet. "Würden wir das stoppen, hätten wir das Geld für die Büros und die Förderung in den Sand gesetzt." Im Rahmen der Dorferneuerung habe das Land zugesagt, 40 Prozent der Abrisskosten zu tragen. Davon abgesehen hält der Ortschef die Vorstellung von einem Investor, der das Gasthaus kauft und renoviert, für "Träumerei". Das Dach sehe nur im vorderen Teil gut aus. Keller und Innenwände seien "total nass. Wenn man durchs Haus geht, schlägt man die Hände überm Kopf zusammen."
Nach dem Aus für Disco und Gaststätte seien zunächst Mietwohnungen eingerichtet worden. Wegen einer Insolvenz des Besitzers sei es aber 2010/11 zur Zwangsversteigerung gekommen, berichtet Franzen. Danach sei jahrelang nichts passiert, bis die Gemeinde im Vorjahr den Komplex für 100 000 Euro erworben habe. "Es gab genug Zeit für jedermann, das Gasthaus zu kaufen, wenn es denn so interessant wäre."
Wolfgang Schäfer, SPD-Fraktionschef im Gemeinderat, sieht das anders. "Mir geht die Sache zu schnell", sagt er. In der Ratssitzung am 8. Juni, als man konkret über das Vorbereiten der Abriss-Ausschreibung beschlossen habe, habe es aus seiner Fraktion drei Nein-stimmen und zwei Enthaltungen gegeben. "Ich bin dagegen, jetzt abzureißen, ohne dass ein Gesamtkonzept für die Nachnutzung vorliegt", sagt Schäfer. Möglich sei der Kompromiss, nur den hinteren Gebäudeteil abzureißen und parallel nach einem Investor für das Gasthaus zu suchen.
Franzen erinnert an das ehemalige Haus Gehlen, das gegenüber dem Gasthaus Zum Hirsch stand. Damals habe es im Rat auch Stimmen gegeben, Teile des Gebäudes stehen zu lassen. Heute habe man dort einen schön gestalteten Platz und zudem einen Betreiber für die benachbarte Bäckerei gefunden. "Das hat geklappt, weil die Gemeinde dafür die Rahmenbedingungen geschaffen hat." Für den Disco-Komplex gebe es ein klares Ziel: einen Investor, der auf der Fläche altersgerechtes Wohnen ansiedelt. Er habe Kontakt zu einem Unternehmen, dass eine Fläche von mehr als 1000 Quadratmetern "in einer Ortslage mit entsprechender Infrastruktur" suche, sagt der Ortschef. Diese biete Schillingen mit Ärzten und Geschäften. Die Furcht vor einer jahrelangen Baulücke kann Franzen nicht nachvollziehen. Die Fläche werde nach dem Abriss planiert und begrünt. Das sei besser, als die Gebäude dem Verfall zu überlassen. "Ich bin zuversichtlich, dass wir einen Käufer finden."Meinung

Geringe Chance
Ein Gebäude, das jahrzehntelang ein vertrauter Anblick im Ortskern war, soll weichen. Verständlich, dass dies im Dorf Protest auslöst. Nachvollziehbar ist daher auch die Hoffnung, einen Investor zu finden, der das alte Gasthaus wieder ansprechend herrichtet. Entscheidend ist aber: Wie realistisch ist das? Die Abrisspläne der Gemeinde gibt es schon länger, alles ist mehrheitlich beschlossen und auf den Weg gebracht. Die Gebäude stehen seit Jahren leer. Dennoch ist kein Interessent mit einem überzeugenden Konzept in Sicht. Fraglich ist auch - bliebe das Gasthaus vorerst stehen -, ob dies nicht die Suche nach einem Investor für die restliche Fläche erschwert. Damit die Gemeinde das Risiko eingeht, müsste wohl recht schnell ein Interessent vom Himmel fallen. c.weber@volksfreund.deExtra: HINWEIS AUF HISTORISCHE BEDEUTUNG


Heimatforscher Dittmar Lauer aus Kell hält es für "überlegenswert", das Gebäude des ehemaligen Gasthauses Zum Hirsch in Schillingen in die Planung einer neuen Nutzung des Diskothekgeländes einzubeziehen. Es gebe Hinweise auf einen "historischen Bezug", sagt Lauer. Ein eigenes Schulhaus werde in der Schulchronik anlässlich einer Visitation im Jahre 1739 erwähnt. Dennoch soll laut Überlieferung auch in dem zum Abriss anstehenden Gasthaus "Schule gehalten" worden sein. Man finde dies häufiger, dass früher in den Dörfern die einzelnen Schulklassen (Knaben und Mädchen) in verschiedenen Gebäuden unterrichtet worden seien. Über das Alter des Gasthaus-Gebäudes könne er nichts sagen, sagt Lauer. Es stehe aber laut Verzeichnis des Kreises Trier-Saarburg nicht unter Denkmalschutz.