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Geschichte
340 000 Geschichten aus einer Feder

Hat ein Faible für Familienforschung und ist für seine Leistungen auf dem Gebiet ausgezeichnet worden: der Schillinger Heribert Scholer.
Hat ein Faible für Familienforschung und ist für seine Leistungen auf dem Gebiet ausgezeichnet worden: der Schillinger Heribert Scholer. FOTO: Benedikt Laubert
Schillingen/Kell Hermeskeil/Saarburg/Konz. Der Schillinger Heribert Scholer hat Tausende verwandtschaftliche Verbindungen in der Region rekonstruiert. Zeit, ihm einen Besuch abzustatten und zu fragen: Wer ist dieser Mann? Von Benedikt Laubert
Benedikt Laubert

Ein paar Eingaben auf der Tastatur, ein paar Bücher gewälzt, noch eine Datei ausgedruckt – mit wenigen Handgriffen kann Heribert Scholer aus Schillingen einen ansehnlichen Familienstammbaum erstellen. Der Grund, warum er das schneller schafft als die meisten anderen: Der größte Teil der aufwendigen Recherche liegt schon hinter ihm. Die dicken Bücher, in denen die Geburts-, Sterbe- und Heiratsdaten von rund 340 000 Menschen aus der Region stehen, hat er nämlich größtenteils selbst geschrieben. Dafür hat er unzählige Kirchenbücher und Unterlagen in Standesämtern gewälzt, abfotografiert und zu Hause die Informationen daraus säuberlich katalogisiert.

Tausende bereits verstorbene und noch lebende Menschen aus den Verbandsgemeinden Hermeskeil, Kell, Konz und Saarburg haben ihren Platz in den dicken Büchern, die im Regal über dem hölzernen Schreibtisch stehen, an dem Scholer arbeitet.

Bis ins 16. Jahrhundert reichen die Aufzeichnungen zurück, die Scholer ausgewertet hat. Vorher gab es kaum Akten dieser Art. Auch die bunt verzierte Ahnentafel, die in Scholers Eingangsbereich hängt, beginnt bei ihm und endet mit den frühesten Einträgen um 1700. Insgesamt zeigt sie 256 Menschen.

Für Freunde und Verwandte hat Scholer ein paar Ahnentafeln erstellt, einige Bücher mit Geburts-, Sterbe- und Heiratsdaten hat er schon veröffentlicht. Aber die meisten seiner verwandtschaftlichen Querverweise hat bisher kein Mensch außer ihm gesehen.

Wenn der 71-Jährige mit dem verschmitzten Grinsen zurzeit in seinem gepolsterten Stuhl vor seinen zwei Computerbildschirmen sitzt, arbeitet er an einem Buch, in dem alle dokumentierten Morbacher Platz finden. Ein System aus Nummern ermöglicht es dem Leser, von jedem beliebigen Eintrag zu den Einträgen der Kinder, Eltern, Geschwister und so weiter zu springen. Scholer verbindet durch diese Querverweise die Familiengeschichten Tausender Menschen. In den Akten der Ämter liegen sie nur in Form einzelner Akten zu einzelnen Ereignissen vor.

Für diese Arbeit ist Scholer mehrfach ausgezeichnet worden; zuletzt mit der Oidtman-Medaille der Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde (WGfF) für herausragende Verdienste in der Familienforschung im Rheinland. Besuchern zeigt er seine Auszeichnungen stolz. Während seiner Arbeit am nächsten Buch hängen sie aber etwas abseits vom Schreibtisch – es muss ja genug Platz bleiben für zwei Bildschirme, ein Telefon, ein Headset, die Tastatur und natürlich: für ein, zwei Bücher, in denen er nachschlagen kann.

Vor seiner Rente arbeitete Scholer bei Villeroy & Boch an der Presse, beim Sortieren, Brennen, in der Maschinenwartung und als Gabelstaplerfahrer. Noch vor seinem Eintritt in den Ruhestand  begann er mit seinem ungewöhnlichen Hobby. Sein Vater drückte ihm zwei Jahre vor seinem Tod rund hundert Seiten Tagebuch, alte Dokumente und Aufzeichnungen über Verwandtschaftsverhältnisse in die Hand. Er solle seiner Schwester und seinen zwei Brüdern Kopien anfertigen und die Originale behalten. 90 Prozent der Papiere drehten sich um Kriegserlebnisse – die interessierten Scholer aber weniger. Besondere Aufmerksamkeit schenkte er den wenigen Seiten, in denen es um die Familiengeschichte ging. Er begann in Kirchenbüchern zu recherchieren, erstellte seine Ahnentafel über acht Generationen – und hörte seitdem nicht mehr auf zu recherchieren. Das ist jetzt fast 40 Jahre her. Heute verbringt er fast jeden Tag  elf Stunden in Standesämtern und vor seinem Schreibtisch. Zwischendurch trifft er Kollegen von der Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde oder zieht mit seiner Frau los, um mit den Vereinskollegen zu grillen.

Die Mitarbeiter der Standesämter sind Scholer zutiefst dankbar für seine Arbeit. Mit Hilfe seiner Bücher können sie nun unkompliziert in Familiengeschichten forschen – ohne jedes Mal die vergilbten und fragilen Originalakten weiter abnutzen zu müssen.

Scholer freut sich, dass er den Beamten eine Freude machen kann, doch das ist nur ein Nebeneffekt seiner unermüdlichen Arbeit. Wenn er gefragt wird, warum er täglich elf  Stunden Arbeit in sein Werk steckt, überlegt er lange. Dann sagt er: „Na ja, andere gehen einen trinken – ich sortiere die Geschichte.“