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Roter Platz, Gorki Park und Karaoke

Hochwälder in Russland: Das Orchester der Verbandsgemeinde Kell am See besuchte auch Moskau.Foto: Hans Muth
Hochwälder in Russland: Das Orchester der Verbandsgemeinde Kell am See besuchte auch Moskau.Foto: Hans Muth
KELL AM SEE/MOSKAU. Nach zwei Wochen anstrengender Konzertreise in Russland und dem Baltikum ist das Orchester der Verbandsgemeinde (VG) Kell am See zurück auf heimischem Boden. Vielfältig sind die Eindrücke der Musiker. ARRAY(0x453719b0)

Die Mitglieder des Orchesters der VG Kell am See erlebten bei ihrer Konzertreise vieles, das für Gesprächsstoff sorgte: So zum Beispiel der Schuh, der von der Fensterbank eines Hotelzimmers stibitzt worden war und angeblich durch eine Möwe im Flug erhascht wurde. Für weniger Freude sorgte allerdings das gebrochene Versprechen der russischen Behörden, dass das Orchester ein Konzert im Gorki Park geben dürfe. Statt des Konzerts gab es eine einstündige Busfahrt zu einem Kulturzentrum außerhalb der Stadt, wo das Orchester mit viel Puste und guten Stimmen im Freien gegen den Verkehr einer stark befahrenden Hauptstraße ankämpfte. Die Musik richtete es wieder einmal. Zu den Mitgereisten gesellten sich auch die Bewohner der benachbarten Häuser - dabei kam die Völkerverständigung richtig in Schwung: Es wurde getanzt, gelacht, und Gäste und Einheimische sprachen miteinander. Die drei Konzerte in den baltischen Staaten waren von der Herzlichkeit der Bewohner geprägt, und die Sänger hatten den Eindruck, nach dem Passieren der russischen Grenze im Land des Lächelns angekommen zu sein.Eine schöne Nacht in St. Petersburg

Die Orchestermitglieder erlebten fröhliche Momente. Mehrere Musiker waren in der Nacht in St. Petersburg losgezogen. "Wir fanden im Park gegenüber der Eremitage einen kleinen Getränkeshop sowie eine alte Dame, die modernste Technik für eine Karaoke-Show präsentierte", erzählt Andreas Bohr. "Außer uns war niemand da, doch als wir anfingen zu singen, füllte sich der Platz immer mehr. Die Einheimischen sangen mit und es wurde eine wunderschöne Nacht." In Russland zeigen sich überall Reste des alten Systems im Dienstleistungsbereich und in der Verwaltung: Während die Reisenden vier Stunden an der russischen Grenze kontrolliert wurden, waren es in allen Staaten des Baltikums kaum mehr als einige Minuten. Was das kulturelle Erbe anbelangt, muss Russland keine Konkurrenz fürchten, wie eine Reiseleiterin berichtet: "Wenn man in der Eremitage jedes Exponat eine Minute lang betrachtet und das acht Stunden am Tag, benötigt man 18 Jahre, um alle Kunstwerke gesehen zu haben." Von der lettischen Hauptstadt Riga waren alle Mitreisenden angetan. Die Jugendstilhäuser mit kunstvollen Ornamenten und Reliefs, ein Freizeitpark und angenehme Preise machen aus der Stadt ein regelrechtes Urlaubsparadies. "Für einen Wochenendtrip ist diese Stadt durchaus geeignet. In eineinhalb Stunden ist man mit dem Flugzeug dort. Von diesem Angebot werden wir sicherlich einmal Gebrauch machen", schwärmten einige der Reisenden aus dem Hochwald. Bleibende Eindrücke hinterließ der "Berg der Kreuze", eine Art Nationalheiligtum in Litauen. Auf einem Hügel wurden in der Mitte des 19. Jahrhunderts bei dem litauischen Aufstand gegen die russische Fremdherrschaft einige Aufständische hingerichtet. Zu deren Ehren haben die Menschen begonnen, Kreuze auf dem Berg aufzustellen. Der Hügel wurde zu einer nationalen Pilgerstätte. Zwar versuchte man in der Sowjetzeit, diese Kreuze abzuräumen, jedoch gelang das nie vollständig. Immer neue Kreuze kamen hinzu, derzeit sind es einige Millionen. Neben der Musik gab es auch ganz persönliche Motive für die Reise. Karl Lorenz aus Lampaden: "Mein Vater, den ich nie kennen gelernt habe, ist 1942 vor den Toren Moskaus gefallen. Irgendwo in dieser Stadt ist er damals beerdigt worden. Ich habe oft nach seinem Grab forschen lassen, stets ohne Erfolg. Nun war ich zumindest einmal in der Nähe seiner unbekannten Grabstätte, was mich sehr bewegt hat."