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Wissenschaft
Rotwild-Projekt im Nationalpark: Wenn Adonis auf Sendung geht

Mit solchen Sendern wurden insgesamt sechs Hirschkühe und -kälber im Nationalpark Hunsrück-Hochwald ausgestattet. Forscher haben untersucht, wie weit sich die Mütter von ihren Jungtieren entfernen, zum Beispiel während einer Jagd.
Mit solchen Sendern wurden insgesamt sechs Hirschkühe und -kälber im Nationalpark Hunsrück-Hochwald ausgestattet. Forscher haben untersucht, wie weit sich die Mütter von ihren Jungtieren entfernen, zum Beispiel während einer Jagd. FOTO: Konrad Funk
Hoppstädten-Weiersbach/Hermeskeil/Thalfang. Forscher haben im Nationalpark Rotwild mit Sendern ausgestattet. Sie wollen wissen, wie eng die Bindung zwischen Müttern und Jungtieren ist. Die Studie könnte Hinweise auf geeignete Jagdmethoden liefern. Aber noch gibt es Startprobleme. Von Christa Weber
Christa Weber

Neben dem Naturschutz ist auch die Forschung eine wichtige Aufgabe, die sich der Nationalpark Hunsrück-Hochwald auf die Fahnen geschrieben hat. Seit Herbst 2017 läuft dort ein ungewöhnliches Experiment zum Verhalten von Rotwild. Mit Hilfe von Telemetrie-Technik und GPS-Sendern untersuchen Wissenschaftler der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft in Trippstadt (Landkreis Kaiserslautern) die Beziehungen zwischen Muttertieren und ihren Kälbern.

Erste Ergebnisse hat der Leiter der Forschungsgruppe Wildökologie, Dr. Ulf Hohmann, am Montagabend im Rahmen einer Nationalpark-Akademie vorgestellt (siehe Info). Etwa 100 Gäste kamen zu der öffentlichen Veranstaltung am Umwelt-Campus in Hoppstädten-Weiersbach. Laut Hohmann sind bislang kaum „harte Fakten“ dazu bekannt, „wie lang die Leine“ zwischen dem Alttier (weibliches Rotwild) und dem Nachwuchs sei. Um dies zu untersuchen, habe sein Team den Nationalpark ausgewählt. In erster Linie, weil man dort auf eine „gute Infrastruktur“ und große Hilfsbereitschaft gestoßen sei.

Das Projekt laufe seit Oktober 2017. Seitdem habe das vierköpfige Kernteam um den Forscher Ulf Hettich mit einigen technischen Herausforderungen zu kämpfen. Gefangen wurden sechs Tiere – zwei Mütter und vier Kälber. Dazu wurde eine umzäunte Futterstelle mit Falltür nahe Börfink eingesetzt, wo die Tiere schon häufiger von Anwohnern gefüttert wurden. Dem gefangenen Wild hängten die Forscher Sender um den Hals, die satellitengestützte GPS-Signale abgeben. So konnten sie die Position der Tiere und ihre Entfernungen zueinander aufzeichnen.

„Eine Schwierigkeit war, die Mütter dem richtigen Nachwuchs zuzuordnen“, berichtete Hohmann. Da man die Tiere längere Zeit habe beobachten können, sei dies schließlich gelungen. Im September starte die nächste Aktion zum Anbringen von Sendern jedoch an anderen Stellen, wo die Tiere weniger zutraulich und andere Methoden wie Fangnetze nötig seien: „Das wird deutlich schwieriger.“

In der ersten Runde wurden die Tiere für mehrere Monate beobachtet. Laut Hohmann blieben  Mütter und Kälber meist nah beieinander. Regelmäßig zeichneten die Forscher aber auch längere Trennungen mit bis zu einem Kilometer Entfernung auf. Nach dieser störfreien Phase simulierten die Forscher Jagden – anfangs nur mit Treibern, die geräuschvoll auf die Tiere zugingen, später auch mit Hunden. Was dann passierte, zeigte Hohmann am Beispiel von Kalb Adonis und dessen Mutter Alte Tante: Auf einer Karte leuchteten bunte Linien auf, die die vom Sender übermittelten Laufwege des Wilds nachzeichneten. „Das ist alles sehr grob, weil die Kapazität der Sender begrenzt ist. Es kam nur alle zehn Minuten ein Positionssignal“, sagte Hohmann. Bei mehreren Versuchen gab es zudem unterschiedliche Ergebnisse. Und zu oft habe man diese Simulationen auch nicht machen wollen, um den Tieren die nötigen Ruhepausen zu gönnen. Es sei aber die Tendenz erkennbar, dass beim Einsatz von Hunden Mutter und Kalb eher voneinander getrennt flüchteten.

Die Gruppe versuche nun, „diese Daten vorsichtig zu interpretieren“. Allerdings müsse vorrangig die Methodik verfeinert werden, um belastbare Ergebnisse zu erzielen. Eine andere Sendertechnik bringe möglicherweise Daten in kürzeren Abständen, habe dafür aber andere Schwächen. Das Projekt dauere noch bis 2019. Hohmanns vorläufiges Fazit: „Wir backen noch kleine Brötchen. Jagdpraktische Konsequenzen werden wir vielleicht in ferner Zukunft beleuchten.“

Einschätzungen zu dem Thema aus der Praxis stellte Martin Dö­scher vom Nationalparkamt vor. Er präsentierte die aktuelle Bachelor-Arbeit zweier Forstwirtschaftsstudenten der Fachhochschule Weihenstephan (Bayern). Sie hatten 42 Forstämter dazu befragt, wie in ihrem Gebiet eine Jagd auf Alttiere ablaufe, um daraus Schlüsse für die Beachtung des Tierschutzes zu ziehen. Laut Döscher eine „kitzelige Materie“, da die Jäger Abschusspläne beim Rotwild zu erfüllen hätten, das Jagdgesetz aber zugleich verbiete, die „zur Aufzucht von Jungtieren notwendigen Alttiere“ zu erlegen. Darüber, wie lange das Selbstständigwerden der Kälber dauere, gebe es unterschiedliche Ansichten. Und das gleichzeitige Schießen von Mutter und Kalb, eine sogenannte Dublette, sei wiederum in den dafür zulässigen Zeiten erlaubt.

Ein Ergebnis der Arbeit sei, dass bei Bewegungsjagden mehr Alttiere geschossen wurden als bei Einzeljagden vom Hochsitz aus. 40 Prozent der Befragten glaubten zudem, dass durch Hunde eine Trennung von Mutter und Kalb wahrscheinlicher und die Zuordnung für die Jäger schwieriger werde. Die „schonendere Methode“ nur mit menschlichen Treibern werde allerdings seltener genutzt, sagte Döscher. Positiv sei die Ahndung von Fehlschüssen. Ein Großteil der Befragten zeige diese der Unteren Jagdbehörde an, verhänge finanzielle Sanktionen oder schicke dem Jäger keine Einladung mehr.

Um die Ergebnisse der Forschung für die Praxis nutzen zu können, urteilten Döscher und Hohmann, sei noch viel Arbeit nötig. Harald Egidi, Leiter des Nationalparkamts, stellte fest: „Je mehr wir untersuchen, desto mehr neue Fragen tauchen auf.“ Umso wichtiger sei daher eine dauer­hafte Zusammenarbeit mit Einrichtungen wie der in Trippstadt. Langfristig ergäben sich eventuell auch Rückschlüsse auf die Strategien des Nationalparksamts. Zwar wird im Nationalpark nur zeitlich eingeschränkt gejagt. Und es gibt Ruhezonen, die für Jäger tabu sind. Aber auch im Schutzgebiet finden Drückjagden statt, die nächsten im Herbst.