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Nationalsozialismus
Warum kehrte Jacques nie heim? Filmdreh in Gedenkstätte Hinzert

Olivier Fély-Biolet (Dritter von links), Autor und Regisseur, bei den Dreharbeiten mit Interviewpartnerin Beate Welter (Zweite von rechts), Leiterin der Gedenkstätte, und seinem Team. Im Bild (von links): Übersetzerin Mathilde Lagadu, Kameramann Victor Loeillet und Tontechniker Xavier Dolleans.
Olivier Fély-Biolet (Dritter von links), Autor und Regisseur, bei den Dreharbeiten mit Interviewpartnerin Beate Welter (Zweite von rechts), Leiterin der Gedenkstätte, und seinem Team. Im Bild (von links): Übersetzerin Mathilde Lagadu, Kameramann Victor Loeillet und Tontechniker Xavier Dolleans. FOTO: Ursula Schmieder
Hinzert-Pölert. Der Film „Diese Spuren, die bleiben“ soll zeigen, warum das Schicksal eines jungen Franzosen für das vieler Opfer der Nazis steht. Einige Szenen entstanden in der Gedenkstätte Hinzert. Von Ursula Schmieder

Der eintägige Drehplan ist eng getaktet. Kamera und Mikrofon sind daher pünktlich startklar, Tontechniker Xavier Dolleans hat die Beteiligten bereits verkabelt. Doch Victor Loeillet, der Kameramann, ist noch nicht zufrieden. Die grellen Scheinwerfer dreht er nun doch noch ein klein wenig näher ran an Interviewpartnerin Beate Welter. Und den Stuhl, auf dem die Leiterin der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert bereits sitzt, schiebt er in eine Position mit minimal verändertem Winkel.

Jeder Handgriff sitzt bei dem von Übersetzerin Mathilde Lagadu komplettierten Team um Olivier Fély-Biolet. „So aufwendig hatte ich es noch nie“; kommentiert Welter beeindruckt. Dabei berichtete sie schon oft vor laufender Kamera über das ehemalige KZ und die Geschichte der Gedenkstätte.

Fély-Biolet ist Autor und Regisseur eines Films, der ab Sommer bei France 3 (siehe Infobox) laufen soll. Nach Drehtagen in Frankreich und Polen drehte er an Ostermontag Szenen in Hinzert sowie einen Tag darauf im Hermeskeiler Krankenhaus. Mit seinem Film arbeitet er eine Familiengeschichte auf: das Schicksal von Jacques Lamotte, eines Cousins seiner Mutter. Er war erst 15 Jahre alt, als er verschleppt wurde. Seine Familie sollte nie etwas erfahren über seinen Verbleib. So verfuhr das nationalsozialistische deutsche Regime mit allen sogenannten NN-Häftlingen. Das Kürzel steht für „Nacht und Nebel“.

Jacques Mutter sei viele Jahre davon ausgegangen, dass ihr Sohn in Hinzert zu Tode gekommen sei, erklärt Fély-Biolet. In dieser Annahme habe sie auch 1978, unterstützt von Freundeskreisen ehemaliger Gefangener, das Lager besucht. Sie konnte nicht wissen, dass ihr Sohn tatsächlich in Polen starb, in einem Arbeitslager nahe Brzeg (Brieg), wo Fély-Biolet ebenfalls drehte.

Zuvor hatte er sich auf Spurensuche begeben. Es folgte den Stationen des Leidensweges seines Cousins, der für ihn bei den Dreharbeiten ständig präsent war. Auch in Hinzert, ein Ort, der für ihn selbst mit „vielen Emotionen“ verbunden sei, wie der Regisseur einräumte. So telefoniere er etwa jeden Abend mit seiner Mutter und informiere sie über Details zum Schicksal „ihres kleinen Cousins“, von dem sie ihrem Sohn von klein auf erzählte.

Mit seinem heutigen Wissen vor Augen ist Fély-Biolet dankbar, dass Jacques Mutter nicht mehr alles über dessen Schicksal erfuhr. Berichte über damals in Hinzert übliche Foltermethoden hätten sie nur zusätzlich belastet. „Er hat den Krieg nur gespielt, als er verhaftet wurde. Er war ein Kind“, erinnert er sich noch gut an die Erzählungen seiner Großtante Emilia.

Das SS-Sonderlager/KZ Hinzert bestand von 1939 bis 1945. Es wurde ursprünglich als Polizeihaftlager, dann als „Arbeitserziehungslager“ für am Westwall eingesetzte, im nationalsozialistischen Sinne straffällig gewordene, Arbeiter errichtet. Während des Zweiten Weltkrieges entwickelte es sich zu einem Konzentrationslager für Deportierte aus zahlreichen von der Wehrmacht besetzten Ländern wie Luxemburg, Belgien, Frankreich und den Niederlanden. Hinzert war eine Durchgangsstation auf dem Leidensweg dieser Häftlinge nach Buchenwald, Natzweiler oder Dachau. Insgesamt mussten in den sechs Jahren des Bestehens  mehr als 13 000 Männer im Lager unter dem Terror der SS leiden.

1994 begann die Installation eines Informationssystems, das die sogenannten „Stätten der Unmenschlichkeit“ im Umkreis des ehemaligen Lagers in mehreren europäischen Sprachen erläutert. Das offizielle Dokumentations- und Begegnungshaus wurde 2005 eröffnet. Dort befindet sich eine Dauerausstellung zum Lager, zur Leidensgeschichte seiner Häftlinge und zu den Gräueltaten der Täter.