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Hochwasser-Lagezentrum RLP: „Solche Katastrophe noch nicht erlebt“

Unwetter : Hochwasser in Rheinland-Pfalz: „Eine solche Katastrophe habe ich noch nicht erlebt“

Ein Blick in das Lagezentrum der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion in Trier. Von hier aus werden die Hilfseinsätze in den von der Flutkatastrophe betroffenen Gebieten koordiniert. Bewegende Einblicke aus der Katastrophenarbeit vor Ort:

Seit Mittwochabend werden in dem Lagezentrum die Hilfseinsätze in den von der Flutkatastrophe betroffenen Regionen koordiniert. Die ganze Nacht über sind die Katastrophenschützer, die mittlerweile aus ganz Rheinland-Pfalz zusammengezogen worden sind, hier im Einsatz. „Wir versuchen von hier aus zu helfen, wenn es vor Ort irgendwo bei der Hilfe klemmt“, erklärt Heinz Wolschendorf. Er ist Leiter des Lagezentrums. Regelmäßig  lässt er sich aktuelle Lageberichte geben. „Die Situation entspannt sich langsam“, sagt er. Der erfahrene Katastrophenschützer und Landesfeuerwehrinspektor war schon bei mehreren Hochwassern  im Einsatz. „Aber so was habe ich noch nicht erlebt. Dass sich die Lage innerhalb so kurzer Zeit so dramatisch entwickelt, das hat es in Rheinland-Pfalz noch nicht gegeben“, sagt Wolschendorf.

An normalen Tagen geht es eher gemächlich in dem nicht übermäßig großen Raum im Untergeschoss der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) zu. Jetzt sitzen hier an einem langen Tisch 20 Personen, die telefonieren, auf Laptop-Bildschirme schauen, sich Notizen machen und auf Flipcharts an den Wänden schreiben.

Schock über schnelles Ansteigen der kleinen Flüsse

Auch ADD-Präsident Thomas Linnertz ist sichtlich mitgenommen. „In dieser Dimension war das nicht abzusehen.“ Noch am Mittwochabend, als sich abzeichnete, dass die Lage in der Eifel katastrophal werden könnte, hat sich Linnertz auf den Weg gemacht in die Vulkaneifel und den Eifelkreis Bitburg-Prüm. Schon auf dem Weg in die dortigen Einsatzzentralen habe er gesehen, wie dramatisch die Situation sei. „Viele Ortschaften waren da schon abgeschnitten“, sagt Linnertz. Er sei geschockt gewesen, wie schnell das Wasser in den ansonsten so kleinen Flüssen wie Nims oder Kyll gestiegen sei. Innerhalb von wenigen Stunden wurden diese zu reißenden Strömen, haben ganze Orte überflutet, Brücken mitgerissen, Häuser umspült. „Da sind wieder einmal viele Existenzen, die bedroht sind“, sagt der ADD-Präsident, angesichts der zu erwartenden Schäden. Auch die Meldung von den zahlreichen Toten vor allem in Kreis Ahrweiler macht ihn betroffen.

In vielen Orten in der Vulkaneifel oder im Eifelkreis ist in der Nacht das Telefonnetz zusammengebrochen. Auch der Handy-Emfpang war teilweise den ganzen Donnerstag über in weiten Teilen der Katastrophengebiete gestört. Das, so Wolschendorf, habe die Koordination der Hilfseinsätze vom Lagezentrum aus, erschwert. Die Einsatzkräfte vor Ort seien stundenlang nicht erreichbar gewesen. Deswegen habe man von Trier aus Verbindungskräfte in die Einsatzzentralen vor Ort geschickt. Diese haben die Katastrophenschützer in der ADD dann auf dem Laufenden gehalten mit ständigen Lageberichten.

THW und Bundeswehr müssen helfen

Als klar ist, welches Ausmaß die Katastrophe hat, fordert das Lagezentrum in Trier zusätzliche Hilfskräfte an. Von der Bundeswehr. Vom THW. Einsatzkräfte aus anderen Bundesländern, aus dem Saarland, aus Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und auch aus Frankreich kommen nach Rheinland-Pfalz. Sie sollen die erschöpften Helfer, die seit Stunden ununterbrochen im Einsatz sind, ablösen. An zwei Bereitstellungspunkten, unter anderem im Hunsrück in der Nähe von Emmelshausen, warten die Reservekräfte, darauf, dass sie in die Katastrophengebiete beordert werden.

Am Donnerstagnachmittag sind elf Hubschrauber im Einsatz, die von Ahrweiler aus in alle von den Fluten betreffenden Gebiete fliegen – auch ins benachbarte Nordrhein-Westfalen, wo die Lage nicht weniger dramatisch ist –, um Menschen zu retten oder mit Lebensmitteln und Wasser zu versorgen. „Im Moment steht die Rettung der Menschen im Mittelpunkt“, sagt Linnertz. In der Nacht ist vielerorts noch darum gegangen, Überflutungen zu verhindern oder von Wasser umspülte Häuser zu retten. Nun müssen Menschen versorgt werden, die innerhalb von kürzester Zeit alles verloren haben. Kein Dach mehr über dem Kopf. Die nicht mehr wissen, wie es weiter gehen soll. Für Sie muss nun eine vorübergehende Bleibe gefunden werden. Auch  Bewohner verschiedener Pflegeheime, die zum Teil überflutet worden sind und evakuiert werden mussten, müssen anderswo untergebracht werden. Auch das wird hier vom Lagezentrum aus koordiniert.

Trinkwasserversorgung bereitet Sorgen

Wolschendorf kommt gerade aus einer Video-Konferenz mit dem Innenministerium. Die Landesregierung sei an der Seite derer, „die vor den Trümmern ihrer Existenz stehen und Hab und Gut verloren haben“, sagt Innenminister Roger Lewentz (SPD). Auch das Bundeskanzleramt habe sich bereits bei ihm gemeldet, berichtet der Leiter des Lagezentrums. Die Bundesregierung habe personelle Unterstützung angeboten.

Was den Helfern in dem Lagezentrum am Donnerstagnachmittag große Sorge bereitet, ist die Trinkwasserversorgung in Teilen des Kreises Trier-Saarburg und auch in der Eifel. Weil im 2000-Einwohner-Ort Kordel, der wegen Überflutung evakuiert werden musste, eine Trinkwasserpumpe ausgefallen war, drohte auch in umliegenden Gemeinden Trinkwasser knapp zu werden.

Während sich das Wetter längst wieder beruhigt hat, der Himmel aufgeklart ist und sogar die Sonne scheint, so als hätte es Tief Bernd mit noch nie dagewesenen Regenmassen nicht gegeben, bereiten sich die Mitarbeiter des Lagezentrums auf die nächste Nachtschicht vor.