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Justiz
Beeindruckende Szenen aus dem Hunsrücker Dealermilieu

FOTO: dpa / Oliver Berg
Trier/Hunsrück. Das Landgericht hat den Prozess gegen vier Männer und eine Frau aus dem Hunsrück fortgesetzt, denen Rauschgifthandel im großen Stil vorgeworfen wird. Ein mühsames Geschäft für Justitia. Von Friedhelm Knopp

Gekauft wurde in Frankreich, verkauft in der Region Hunsrück und Mosel: Zwischen 2016 und 2018 sollen die vier Angeklagten in wechselnder Besetzung zentnerweise Cannabis sowie kiloweise Amphetamin umgesetzt haben – dazu wohl kleinere Mengen anderer Sorten. Schon am ersten Verhandlungstag hatten die vier Männer Teilgeständnisse zu den zahlreichen Anklagepunkten abgelegt (der TV berichtete). Unklar blieb bisher die Rolle der Frau, die erst am jüngsten Verhandlungstag von ihrem Verteidiger Oliver Kleine eine Erklärung verlesen lässt. Der Tenor: Sie sei von ihrem mitangeklagten Lebensgefährten in die Sache verwickelt worden, obwohl sie grundsätzlich gegen Drogen sei. Wenn sie – wie von Fahndern beobachtet – mit auf Drogentouren gewesen sei, dann nur wegen seiner Eifersucht. Er habe sie nicht alleine lassen wollen. Sie schließt: „Er hat mich über seine Geschäfte weitgehend im Unklaren gelassen.“

Danach beginnt der Vorsitzende Richter Armin Hardt mit den Zeugenanhörungen. Diese bestehen aus zwei Gruppen: die an Fahndung und Ermittlung beteiligten Polizeibeamten einerseits und auf der anderen Seite die Vertreter der Szene, die mit den Angeklagten Handel betrieben hatten.

Manche erscheinen mit Anwalt. Und alle werden vom Vorsitzenden belehrt, dass sie sich nicht selbst durch Aussagen belasten müssen. Danach drehen einige ab, andere belasten die Angeklagten nur mit solchen Sachverhalten, die auch schon in ihren eigenen Ermittlungs- oder Gerichtsakten stehen. Das führt oft zu Disputen zwischen Anklagebank und Zeugenstand, wenn etwa Details zur Sprache kommen. Ein typischer Dialog zwischen dem Vorsitzenden und Staatsanwalt Benjamin Gehlen: „Sollen wir noch den Zeugen X laden? Ich glaube, der sitzt noch in anderer Sache.“ Antwort: „Der hat wohl sechseinhalb Jahre, der müsste noch sitzen.“

Diskussionen gibt es auch beim  Auftritt eines Zeugen, dem einer der Hauptangeklagten im September 2017 auf dem Gelände des Wittlicher Edeka-Marktes in der Kasernenstraße eine Zahnbrücke  ausgeschlagen haben soll. Der Angeklagte verneint dies. Der Zeuge bejaht dies – 2500 Euro habe das gekostet. Es soll sich um fünf Kilogramm  Haschisch gehandelt haben, die der Angeklagte bei sich vermisst und beim Zeugen vermutet hatte. Übrigens war auch schon die  Polizei in der Nähe, alarmiert von einem anonymen Beobachter, der ein „Dealertreffen“ vermutet hatte. Die Beamten rückten in Uniform mit zwei Streifenwagen an, worauf sich die Versammelten in alle Richtungen zerstreuten. Einige konnten noch in der Umgebung gestellt und kontrolliert werden. Frage des Vorsitzenden an eine beteiligte Beamtin: „Lief da vielleicht einer ohne Zähne rum?“ Antwort: „Ich habe mit dem Betreffenden gesprochen. Der hatte noch alle Zähne.“

Der Zeuge räumt aber ein, dass bei ihm fünf Kilogramm  Haschisch gefunden wurden und nun gegen ihn ermittelt werde. „Verkauft habe ich nichts davon, die Polizei hatte es schon vorher einkassiert,“ erklärt der Mann. Auch sei das Haschisch nicht von dem Angeklagten gekommen, sondern von einem gewissen Y.

Der habe es ihm für 600 Euro das Kilo verkauft und sei seitdem nicht mehr aus dem Urlaub zurückgekehrt. Einwand des Vorsitzenden: „Was? 600 Euro für ein Kilo Haschisch – das ist ja fast geschenkt!“ Antwort: „Er hatte noch Schulden bei mir wegen einer Autoreparatur.“

Nochmals heftig wird es, als der Vorsitzende die umfassenden Vorstrafen-Register vorliest. Meist nur Einschlägiges, doch bei einem Angeklagten kommt ein Urteil aus den 1990er-Jahren zutage wegen Vergewaltigung und einem schwerem Fall von Kindesmissbrauch. Davon wussten die anderen nichts. Nun kochen Aggressionen gegen den Mitangeklagten hoch, bis der Vorsitzende dazwischen fährt: „Wenn nicht sofort Ruhe herrscht werde ich böse. Und wenn ich böse werde, wird’s immer teuer.“

Die Verhandlung wird am 13. November fortgesetzt.