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Umwelt
Das Kreuz mit dem Jakobskreuzkraut

FOTO: Herbert Thormeyer
Morbach/Bernkastel-kues. Das für Kühe und Pferde giftige Jakobskreuzkraut breitet sich immer weiter aus, auch im Hunsrück und an der Mosel wird es gesichtet. Von Herbert Thormeyer und Hans-Peter Linz

„Das Jakobskreuzkraut ist ein Riesenproblem. Es fängt in den Böschungen an und pflanzt sich von da aus fort. Besonders gefährlich ist es für Vieh- und Pferdehalter,“ sagt der Weiperather Landwirt Willi Feilen, der im Hunsrück schon an vielen Stellen das gefährliche Unkraut gesehen hat. Es sei in diesem Jahr wegen der warmen und trockenen Witterung besonders schlimm, ergänzt Feilen. Es sei auch schwierig zu bekämpfen, weil man es mit der Wurzel ausreißen müsse. Feilen „Das ist keine schöne Entwicklung.“ Auch an der Mosel breitet es sich aus. Schäfer Hermann Naunheim hat seine Tiere auf Weiden in Bernkastel-Wehlen stehen und auch dort Jakobskreuzkraut gesichtet: „Es verbreitet sich prächtig. Die Bankette an den Straßen sind voll. Das liegt an der extensiven Landwirtschaft und weil selten gemäht wird. Man muss es von Hand ausreißen, das ist in der Masse sehr schwer.“ Wenn seine Schafe das Kraut fressen, dann können sie durch die Vergiftung sterben. „Ich kann meine Tiere kaum schützen, wenn das so weitergeht, dann müssen wir Verluste in Kauf nehmen“, sagt Naunheim.

Warum ist das gelb blühende Jakobskreuzkraut so gefährlich? Selbst in Heu und Silage bleiben die Giftstoffe aus der Pflanze erhalten, die, nach und nach aufgenommen, auch nach Monaten noch zur Erkrankung und zum Tod der Tiere führen können. Dr. Bernd Augustin vom Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinhessen-Nahe-Hunsrück in Bad Kreuznach erklärt: „Auf der Weide schmeckt dieses Kraut bitter und hält damit Rinder und Pferde ab. Als Heu und Silage ist dieser Bittergeschmack verschwunden und wird von den Tieren nicht mehr verschmäht.“ Todesfälle seien bislang nicht eindeutig dokumentiert. Bei chronischer Vergiftung bestünden aber nur geringe Heilungschancen. Seit etwa zehn Jahren breite sich das Kraut verstärkt aus.

Die Landwirtschaftskammern der Länder raten dringend, Jakobskreuzkraut nur mit Handschuhen anzufassen und mit geschlossener Kleidung zu entsorgen, denn das Kraut kann die Haut reizen. Letztlich bringe nur eine Entsorgung mit der Wurzel Entlastung.

Für die vermehrte Ausbreitung des in Deutschland heimischen Krauts sieht der DLR-Fachmann Bernd Augustin einen Grund: „Die Bewirtschaftung von Grünland hat sich verändert. Der Samen findet immer mehr offenen Boden.“ Immer mehr Land liege brach.

 Flächen ohne regelmäßige Bewirtschaftung als El Dorado für das Jakobskreuzkraut, heißt es vom Bauern- und Winzerverband. Dazu gehörten Ausgleichsflächen, die im Sinne des Naturschutzes für nicht vermeidbare Eingriffe geschaffen würden, und stillgelegte Flächen in Weinbergen oder sonst in der Landwirtschaft. Offenen Boden finde das Kraut zudem dort, wo Wild den Boden aufgewühlt habe.

Als weiteren Grund für die Ausbreitung des Jakobskreuzkrauts nennen die Vertreter von DLR und Bauernverband den Umstand, dass weniger und später gemäht werde. Dies führe dazu, dass die Pflanze Samen bilden könne und sich so weiterverbreite. Ob auf spät gemähten Wiesen, an Straßen- und Bahnböschungen, in Kies- und Lehmgruben, auf brachliegenden und naturnahen öffentlichen Anlagen, auf Industriegelände oder auch in Privatgärten. Samen können laut Augustin bis zu 20 Jahre im Boden überleben.

Jakobskreuzkraut ist eine von mindestens drei einheimischen Arten, die landesweit verbreitet sind. Ob und wo sie auftreten, hängt davon ab, wie die Flächen bewirtschaftet werden. Pferdehalter sind alarmiert und Ökolandwirte zählen zu den besonders betroffenen Gruppen. „Wenn garnicht, oder wenig gedüngt wird, dann finden die Samen offenen Boden. Auch auf Streuobstwiesen oder Gewerbe- und Industrieflächen, die noch nicht bebaut sind, kann sich Jakobskreuzkraut entwickeln,“ sagt Augustin. Häufig siedle sich um ein paar Wochen versetzt, eine weitere giftige Pflanze, das raukenblättrige Kreuzblatt an. Augustin: „So haben wir eine gelbe Blütezeit von Anfang Juli bis Ende Oktober.“ In diesem Jahr falle das besonders auf, weil es sehr trocken ist, die Gräser eingehen und Wurzelunkraut wie Jakobskreuzkraut sich deshalb besser entwickeln kann.

Es gibt aber auch gelb blühende Verwechslungspflanzen: Johanniskraut oder Rainfarn. Diese sind weniger gefährlich, blühen aber zeitgleich. Man sollte daher schon genauer hingucken. Das Aufkommen ist in diesen Jahren stärker wegen der Trockenheit, erklärt Augustin.

Auch in Weinbergen und am Waldrand könne sich das Kraut ansiedeln. Besonders Brachen, sogenannte Drieschen, seien in Weinbaugebieten für das Jakobskreuzkraut anfällig. Im Wald selbst hingegen wächst es nicht, wie Thomas Vanck vom Forstamt Dhron­ecken bestätigt.

Da das Jakobskreuzkraut eine heimische Pflanze ist, dürfe diese nicht ausgerottet werden. Augustin: „Deshalb betreiben wir Objektschutz: Ist eine Fläche durch Zuflug aus dem öffentlichen Bereich, zum Beispiel an den Straßenrändern, bedroht, wird das in Kreuznach beim DLR gemeldet. Von hier aus geht die Info über Koblenz an die Straßenmeisterei, die dann zeitnah mäht.“ Hans-Michael Bartnick, stellvertretender Dienststellenleiter des Landesbetriebs Mobilität Trier, sagt dazu: „Wie in der Vergangenheit auch, mähen wir die Bankette in aller Regel zwei Mal pro Jahr. Zeitpunkt und Intensität der Mäharbeiten richten sich dabei im Wesentlichen nach der Vegetation.“

Trete das Jakobskreuzkraut auf, werde von diesen Rhythmen auch abgewichen. Bartnick sagt: „Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, wenn die Landwirte uns entsprechende Vorkommen mitteilen. Allerdings zeigt die Erfahrung auch, dass die Bekämpfung des Krauts nur dann funktioniert, wenn sie von Anliegerseite her unterstützt wird.“