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"Der Herrgott hat mich vergessen"

Fürs Foto bemüht sich Maria Petry, ihren schelmischen Gesichtsausdruck zu kontrollieren.Foto: Ursula Schmieder
Fürs Foto bemüht sich Maria Petry, ihren schelmischen Gesichtsausdruck zu kontrollieren.Foto: Ursula Schmieder
HAAG. (urs) Heute wird Maria Petry 104 Jahre alt. Ein Jubiläum, das nur wenige Menschen erleben. Sie hat noch die Zeiten von Talern und Goldstücken erlebt, und der Euro macht ihr zu schaffen.

Wenn es nach dem Kopf von Maria Petry ginge, dann würde um ihren Geburtstag gar nicht viel Federlesens gemacht. "Da muss man nicht viel schreiben", betont die Seniorin, die am heutigen Freitag 104 Jahre alt wird. Dass die Maria Lorscheter aus Horath 1928 den Peter Petry aus Haag heiratete, mit dem sie vier Söhne und auch Enkelchen hatte, genügt ihrer Ansicht nach vollkommen. "Den anderen Kappes lasst weg", sagt die resolute Frau, die in jungen Jahren mit ihrem Mann die Landwirtschaft der Schwiegereltern weitergeführt hatte. Als sie im Alter von fast 30 heiratete, hatte sie wohl kaum damit gerechnet, nach ihrer Silberhochzeit fast 50 Jahre verwitwet zu sein.An ihrem Leben findet die neunfache Großmutter und 13-fache Urgroßmutter nichts Außergewöhnliches. Obwohl sie nach Aussage der Kreisverwaltung derzeit den ersten Platz auf der Liste der ältesten Bürger im Landkreis inne hat. Doch nur wenige Menschen können von sich behaupten, einen Zeitraum von drei Jahrhunderten erlebt zu haben. In Maria Petrys Erinnerung hat die Kaiserzeit ebenso ihren Platz wie die beiden Weltkriege und der Fall der Mauer. Sogar Taler hat sie noch kennen gelernt und auch mal Goldstücke von 20 Mark gehabt, wie sie sich erinnert. Nur mit dem Euro, der für sie meist noch den Wert einer Mark hat, kommt sie nicht so gut zurecht. Nichtsdestotrotz ist die Seniorin am aktuellen Zeitgeschehen nach wie vor sehr rege interessiert. "Die Zeitung holt sie jeden Mittag in die Hände", erzählt Alfons Petry, der die Mutter zusammen mit Ehefrau Hildegard umsorgt. Zwar würde sie sich oft nur die Bilder anschauen. Doch wenn sie mit der Lupe in die Lektüre vertieft sei, käme meist irgendwann die Frage: "Wer ist denn das?" Beim Studium des Tagesgeschehens rücken sogar ihre "Bildchen" ein wenig in den Hintergrund. Die kleine lose Foto-Sammlung bewahrt sie in einem Büchlein auf, das immer in ihrer Nähe liegt. Ganz spurlos sind die Jahre natürlich nicht an der betagten Dame vorüber gegangen. Neben Beeinträchtigungen von Sehkraft und Gehör ist sie beim Gehen auf eine stabile Hilfe angewiesen. Allerdings muss das ja nicht jeder wissen: "Das braucht doch nicht geschrieben zu werden", wehrt die Jubilarin vorsorglich ab. Doch abgesehen von diesen Einschränkungen ist Maria Petry vor allem geistig nach wie vor "gut dabei".So ist sie über das Wohl und Wehe der Menschen im Dorf sowie das ihrer Verwandten stets bestens informiert. Einem ihrer Besucher gegenüber hatte sie bereits vor vier Jahren gesagt: "Der Herrgott hat mich vergessen." Dass die Seniorin persönlich an ihrer Geburtstagsfeier teilnehmen wird, versteht sich bei so viel Agilität von selbst. Nur in der Frage, wie lange sie dort ausharren wird, gibt es abweichende Ansichten. Denn auf die Aussage des Geburtstagskindes: "Ich sitze da und wenn ich müde bin, geh ich heim", kontert Sohn Alfons lachend: "Du bist die letzte, die heim geht."