| 20:35 Uhr

Der letzte Wolf starb am Erbeskopf

Zum Heulen: Der Ende Februar im Westerwald erstmals gesichtete Wolf war der erste Wolf in Rheinland-Pfalz seit 1879. Foto: Archiv/istock
Zum Heulen: Der Ende Februar im Westerwald erstmals gesichtete Wolf war der erste Wolf in Rheinland-Pfalz seit 1879. Foto: Archiv/istock
Birkenfeld. Einst waren Wölfe im Hunsrück und auf dem Hochwald heimisch. Heute nicht mehr: Der letzte Wolf wurde 1879 durch den Förster Teusch von Deuselbach erschossen. Nur noch in der Lausitz leben seit Ende der 90er Jahren wieder Wolfsrudel. Erik Zimmermann

Birkenfeld. Nach dem tödlichen Schuss eines Jägers im Westerwald ist der Wolf in Rheinland-Pfalz wieder ausgerottet. Das Ende Februar entdeckte Tier war der erste Wolf im Gebiet des heutigen Bundeslandes seit 1879. Im Birkenfelder Land war Meister Isegrim bereits 1845 ausgerottet. Der letzte Wolf im Hunsrück starb 1879 am Erbeskopf. Statistische Angaben über die Verbreitung von Wölfen im heutigen Kreisgebiet fehlen. Die Raubtierart aus der Familie der Hunde war einst in ganz Europa verbreitet. Den frühen Kelten galt der Wolf als ebenbürtiger oder überlegener Jäger, dessen Kraft und Geschick sie ebenso bewunderten wie fürchteten. Druiden kleideten sich in Wolfspelze, ebenso Krieger, die in den Kampf zogen. Als die Stämme sesshafter wurden, verlor der Wolf an Respekt. Jetzt galt er als Feind der Viehbestände. So nahm seine Ausrottung schon in der Keltenzeit ihren Lauf.
Der Wolf als Inbegriff des Bösen



Im Mittelalter erinnerten Namen wie Wolf, Wolfgang oder Wolfhard noch an die Wertschätzung des Tieres. Doch die Beziehung zum grauen Räuber war zunehmend von Angst und Dämonisierung geprägt. In Fabeln wurden negative menschliche Eigenschaften wie Habgier, Streitlust, Verschlagenheit auf das Tier übertragen. Als blutrünstige Figur erscheint er auch in vielen Märchen, etwa in Grimms Rotkäppchen. Ursache für diese Entwicklung war die Zunahme menschlicher Siedlungs- und Agrarflächen sowie die offene Viehhaltung. Bis ins 19. Jahrhundert trieb man Rinder, Schafe und Schweine zur Weide in den Wald. Dort hatten die Raubtiere leichtes Spiel. Für die Bauern waren die Viehverluste nicht hinnehmbar. Und der Adel sah im Wolf eine Jagdkonkurrenz.
Für jeden Wolf drei Gulden


1790 beklagte man in einer Beschreibung des Oberamtes Birkenfeld: "Hirsche und Rehe sind außer in den Hochwaldungen und auch wegen der beständigen Gegenwart da heckender und sie verfolgender Wölfe selten." 1770 erhielt der Wildenburger Förster Röder aus Asbach für jeden Wolf eine Abschussprämie von drei Gulden.
Vor allem in den Notzeiten langer Kriegsjahre und harter Winter wurden Wolfsrudel zur Landplage. Bereits 1197 gab es eine Wolfsplage an der Mosel, die zahlreiche Todesopfer gefordert haben soll. Dabei sind Angriffe auf Menschen sehr selten. In den letzten 50 Jahren wurden in Europa neun Menschen durch Wölfe getötet, wobei in fünf Fällen Tollwut nachgewiesen wurde. Das gilt auch für einen Wolfsangriff, der sich im Februar 1622 auf dem Einschieder Hof ereignete: Als die 15-jährige Eva Kraus aus Buhlenberg dort die Schweine hütete, wurde sie von einem Raubtier "angefallen und erwürgt, ist am Halß und Gesicht gar zerrissen gewesen". Der Wolf, der noch weitere Menschen angriff, wurde schließlich vom Kohlenbrenner Leyen Adam aus Abentheuer erschlagen. Der 70-jährige Köhler wurde dabei im Gesicht verletzt und starb laut Kirchenbuch im Mai 1622 an Tollwut, "aber mit gutem Verstand".
In den langen Kriegsjahren der napoleonischen Zeit nahm die Zahl der Wölfe zu. 1801 berichtete man aus dem Kanton Herrstein: "Unter den Raubtieren muß nun auch der Wolf wieder aufgezählt werden, der sich seit dem Krieg eingefunden hat." Als das linke Rheinufer 1814 wieder unter deutsche Verwaltung kam, gehörte die strikte Wolfsbekämpfung zu den ersten Maßnahmen. Im Regierungsbezirk Trier wurden von Mai 1816 bis Ende 1866 fast 1850 Wölfe erlegt, 506 Tiere allein in den ersten drei Jahren. Im Fürstentum Birkenfeld ging man mit dem gleichen Eifer vor. 1817 wurden in der Gegend um Bundenbach mehrere Wölfe, auch am Tage, gesichtet, die großen Schaden in den Schafherden angerichtet hatten. Dem Hahnenbacher Müller hatten sie sogar einen Esel gerissen. Die Staatskasse zahlte hohe Prämien für jeden erlegten Wolf. An den zahlreichen Treibjagden mussten sich alle Männer der nächstliegenden Gemeinden beteiligen.
Zuflucht im jungen Wald


Die Wölfe lebten damals nicht in den weiten Wäldern des Hochwaldes, sondern in dorfnahen Gebieten, in der Umgebung einsamer und verlassener Bergwerksstollen und Schutthalden. In dem unzugänglichen Jungwald fanden sie reichlich Niederwild als Nahrung. Die wichtigsten Wolfsschlupfwinkel im Birkenfelder Land waren der Buchwald bei Nohfelden, der Distrikt Dolberg bei Brücken und der Eberswald bei Sötern. Die Treibjagden zeigten rasch Wirkung. Die wenigen überlebenden Wölfe zogen sich in den wieder aufgeforsteten Hochwald zurück, wo das Rehwild dank sorgsamer Hege zugenommen hatte und ihnen eine menschenferne Nahrungsquelle bot.
Der letzte Wolf wurde auf einer Treibjagd am 27. Januar 1845 durch eine Kugel des Gutsbesitzers Albert Lapointe vom Hofgut Imsbach bei Selbach unterhalb der Nahequelle im Distrikt Kreuzwald erschossen. Der letzte Wolf des Hochwalds starb dagegen erst am 12. Januar 1879 am Erbeskopf, jenseits der Kreisgrenze, durch den Förster Teusch von Deuselbach. Seitdem hatte man keinen Wolf mehr in Rheinland-Pfalz gesehen. Das könnte sich aber, wie bei den Wildkatzen, bald ändern. Seit Ende der 1990er Jahre leben in der Lausitz wieder mehrere Wolfsrudel.