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Erfinder mit Hunsrücker Wurzeln

Seit vielen Jahren beschäftigt sich der Technikhistoriker Professor Hans-Erhard Lessing aus Koblenz mit dem berühmten Zweirad-Erfinder Karl von Drais, der in Kirchberg aufgewachsen ist. Anhand von Zollpapieren aus dem Jahr 1822 kann Lessing nun beweisen, dass Drais nicht nur zwei seiner Laufmaschinen, sondern auch eine weitere Erfindung, eine spezielle Schreibmaschine, nach Brasilien eingeschifft hat. Foto: Maximilian Eckhardt
Seit vielen Jahren beschäftigt sich der Technikhistoriker Professor Hans-Erhard Lessing aus Koblenz mit dem berühmten Zweirad-Erfinder Karl von Drais, der in Kirchberg aufgewachsen ist. Anhand von Zollpapieren aus dem Jahr 1822 kann Lessing nun beweisen, dass Drais nicht nur zwei seiner Laufmaschinen, sondern auch eine weitere Erfindung, eine spezielle Schreibmaschine, nach Brasilien eingeschifft hat. Foto: Maximilian Eckhardt
Kirchberg. Karl von Drais, der in Kirchberg aufgewachsen ist, gehört zu den bedeutendsten Erfindern des 19. Jahrhunderts. Seine bekannteste Erfindung ist die nach ihm benannte Draisine. Bei dieser Laufmaschine handelt es sich um die Mutter aller Zweiräder. Weniger bekannt, aber genau so innovativ, ist eine weitere Erfindung, die dem Forstlehrer zugeschrieben wird. Maximilian Eckhardt

Kirchberg. "Drais hat im Jahr 1821 eine Schreibmaschine erfunden, die erstmals jedem Buchstaben eine eigene Taste zuordnete und eine tastbare Lochschrift auf Papierstreifen erzeugte", erklärt Professor Hans-Erhard Lessing. Der Technikhistoriker aus Koblenz weiß: "Mit seiner Schreibmaschine hatte er eine Audienz beim brasilianischen Kaiser Pedro I."
Im Jahr 1822 wanderte Karl Drais von Mannheim nach Brasilien aus. Mit dem Kolonisten Georg Heinrich von Langsdorff und 90 weiteren Auswanderern ging er in der Wesermündung an Bord eines Segelschiffs namens Doris. Nach drei beschwerlichen Monaten auf hoher See erreichten sie schließlich Rio de Janeiro. Auf dem Landgut Mandioca von Georg Heinrich von Langsdorff, 80 Kilometer nördlich von Rio de Janeiro, fand Drais für die kommenden Jahre eine Bleibe - allerdings nicht freiwillig.
Dorf geschichte(n)


"Wie die anderen Auswanderer auch musste Drais, damals noch Freiherr, die Kosten der Überfahrt bei dem Gutsherrn abarbeiten. Danach war sein Vertrag erfüllt", erläutert Lessing und verdeutlicht: "Drais verdiente sich sein Geld unter anderem als Landmesser auf dem Landgut."
Lessing, der sich seit vielen Jahren mit der Causa Drais beschäftigt, hat auch dessen Brasilien-Aufenthalt (1822 bis 1827) unter die Lupe genommen. Bei einem Besuch des Agrarhistorikers Christian Heimpel bekam Lessing nun die originale Zollerklärung des Kolonisten Langsdorff über die Schiffsladung der Doris zu sehen, die in Rio noch erhalten ist.
Und was ist da aufgelistet? Tatsächlich auch die Schreibmaschine von Karl Drais. "Als machina de copiar, also als Kopiermaschine wird sie deklariert", erzählt Lessing sichtlich erfreut. Dass Drais auch seine Laufmaschine an Bord des Auswandererschiffs mitgenommen haben könnte, schien äußerst unwahrscheinlich. Selbst Langsdorff, der in seiner Werbeschrift für Auswanderungswillige Brasilien als irdisches Paradies feierte, schrieb anno dazumal in sein Tagebuch: "Es ist unmöglich, in diesem Land komfortabel zu reisen." Die Wege waren extrem schlecht, Kutschen konnten nicht fahren, stattdessen benutzte man Maultiere, Pferde oder von den afrikanischen Sklaven geschulterte Sänften.
Und doch entdeckte Technikhistoriker Lessing "2 draisinas", also zwei Draisinen oder Laufmaschinen, auf den Zollpapieren aus dem Jahr 1822. "Aber wo in Brasilien konnte Drais mit seinem Zweirad eigentlich fahren? Nahe dem Landgut war ein Fernweg ausnahmsweise eine Meile lang gepflastert. Die Reste sind noch heute zu sehen, und dort konnte er tatsächlich fahren" - davon ist Lessing fest überzeugt.
Nach zwei Jahren in Brasilien erlebte Karl Drais, wie die übrigen Auswanderer gegen den autoritären Gutsherrn Langsdorff revoltierten. Mit der Folge, dass das Mustergut sich auflöste. Langsdorff selbst bekam davon nichts mit. Er war bereits mit seiner vom russischen Zaren finanzierten Expedition ins Landesinnere aufgebrochen.
Weiter weiß Lessing: "Von Drais schloss sich zwei deutschen Bergkundigen an, die im kaiserlichen Auftrag die erzreiche Provinz Minas Geraes bereisten. Wie er seinem Vater Wilhelm von Drais schrieb, befasste er sich mit der maschinellen Hebung einer Goldader, die unter einem reißenden Fluss geortet worden war."
Das Dienstjubiläum seines Vaters als badischer Oberhofrichter im Jahr 1827 war für Karl Drais der Anlass, nach Mannheim zurückzukehren. Inzwischen hatte sich die Situation in den deutschen Fürstentümern entspannt. Denn nachdem der politische Mord eines Studenten namens Ludwig Sand im Jahr 1819 mit einer Hinrichtung gesühnt worden war, stand die Ablehnung eines Gnadengesuchs beim Großherzog durch das Oberhofgericht in der Kritik.
Große Teile der deutschen Bevölkerung hielten diesen Mord an dem Mannheimer Bühnendichter August von Kotzebue, der zudem als russischer Spion verdächtigt wurde, für eine patriotische Tat und somit für entschuldbar.
Da sie dem Oberhofrichter Wilhelm von Drais nichts anhaben konnten, begannen die Sand-Anhänger, seinen Sohn Karl öffentlich zu schikanieren - Karl wanderte nach Brasilien aus.Extra

Karl Drais wurde 1785 in Karlsruhe geboren und gilt als Urvater der Mobilität. 1813 entwickelte er zwei Wagen mit vier Rädern, die zunächst über eine Tretmühle, dann über eine Kurbelwelle zwischen den Hinterrädern verfügten und die er Fahrmaschine nannte. Die Konstruktion solcher pferdeloser Fahrzeuge schien wegen der seit 1812 steigenden Haferpreise geboten. Die erste Fahrt mit seiner Laufmaschine, später auch Draisine oder Veloziped genannt, von Mannheim zum etwa sieben Kilometer entfernten Schwetzinger Relaishaus im heutigen Mannheimer Stadtteil Rheinau unternahm er am 12. Juni 1817. Drais benötigte für den Hin- und Rückweg nur eine knappe Stunde und erreichte damit auf seiner circa 22 Kilogramm wiegenden Laufmaschine eine Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 15 Kilometern in der Stunde. Seit wenigen Jahren ist in Kirchberg bekannt, dass Drais seine Kindheitsjahre dort verbrachte, nachdem sein Vater als badischer Obervogt krankheitshalber hierher versetzt wurde. Ein Freiherr-von-Drais-Radweg rund um Kirchberg wurde benannt, eine Tafel am Marktplatz angebracht und ein Nachbau des ersten Zweirads für das Heimatmuseum beschafft. red