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Mit guten Worten gegen Wildunfälle

Achtung, anhalten bitte! Auf der Hunsrückhöhenstraße bei Hilscheid stoppen Polizeibeamte ein Fahrzeug, ein weiteres wird gerade kontrolliert. Es geht ihnen darum, über die Gefahren von Wildunfällen bei Geschwindigkeiten um die 100 Stundenkilometer aufzuklären. TV-Foto: Christoph Strouvelle
Achtung, anhalten bitte! Auf der Hunsrückhöhenstraße bei Hilscheid stoppen Polizeibeamte ein Fahrzeug, ein weiteres wird gerade kontrolliert. Es geht ihnen darum, über die Gefahren von Wildunfällen bei Geschwindigkeiten um die 100 Stundenkilometer aufzuklären. TV-Foto: Christoph Strouvelle
Morbach/Bäsch. 265 Wildunfälle hat die Morbacher Polizei im vergangenen Jahr aufgenommen. Das bedeutet, in 40 Prozent der Unfälle ihres Bereichs war Wild beteiligt. Die Polizei sucht seit Jahren nach Wegen, diese Zahl zu senken. Den Stein der Weisen hat bisher niemand gefunden. Nun sollen verstärkte Geschwindigkeitskontrollen und Gespräche mit den Autofahrern an besonders gefährlichen Stellen für mehr Sicherheit sorgen. Christoph Strouvelle

Morbach/Bäsch. "Guten Abend, Verkehrskontrolle. Haben Sie vorne das Warnzeichen für Wildwechsel gesehen?" Auf die Frage des Polizeibeamten Gregor Steffes schaut Christian Feld aus Gutweiler etwas irritiert, dann nickt er. Die Beamten haben den Autofahrer auf der Hunsrückhöhenstraße zwischen Bäsch und Dhronecken gestoppt.
Feld war mit 106 Stundenkilometern unterwegs, erlaubt sind 100. Eine Verwarnung erhält er nicht. Das ist auch nicht Ziel der Aktion. "Wir wollen die Autofahrer für richtiges Verhalten an den Stellen mit starkem Wildwechsel sensibilisieren", sagt Steffes.
40 Prozent aller aufgenommenen Unfälle im Bereich der Polizeiinspektion (PI) Morbach sind Wildunfälle. Laut Rechtsprechung kann eine Geschwindigkeit von 70 Stundenkilometern bei Dämmerung in einem Waldstück schon zu schnell sein. "Einem Reh, das vor Ihnen aus dem Dickicht herausspringt, können Sie bei 100 Stundenkilometern nicht mehr ausweichen", sagt Steffes. Der Abschnitt der Bundesstraße 327, den die Beamten sich für ihre Kontrolle ausgesucht haben, ist die Strecke, auf der im Bereich der PI Morbach die meisten Wildunfälle passieren. Auf den zwei Kilometern zwischen Bäsch und Dhronecken hat die Polizei in den vergangenen drei Jahren 35 Wildunfälle aufgenommen.
In diesem Jahr sind es bis Ende Mai bereits zehn. Steffes glaubt, dass die Kombination von dichtem Wald auf der einen und Äsungsflächen auf der anderen Seite dort für einen starken Wildwechsel sorgen. Kurios: Die Unfälle passieren, obwohl entlang der Strecke ein etwa zwei Meter hoher Zaun steht. Steffes vermutet, dass das Wild durch die Zaunlücken schlüpft, die für die Forstwege gelassen wurden.
Besonders viele Unfälle ereignen sich in den Monaten Januar, Mai und November. Steffes glaubt, dass sich die Zahl im Winter erhöht, weil dann der Berufsverkehr in der Dämmerung einsetzt. Im Frühjahr sei das Wild generell sehr aktiv.
Deshalb kontrollieren die Beamten in diesen Monaten während der Dämmerung, der Tageszeit, in der das Wild am aktivsten ist. "Wir setzen auf Sensibilisierung. Sonst haben wir kaum Möglichkeiten, die Zahl der Wildunfälle zu verringern", sagt Steffes.
Vor zehn Jahren hatte sich die Polizei das Ziel gesetzt, die Wildunfälle deutlich zu reduzieren. Doch mit diesem Ziel sind die Ordnungshüter gescheitert. Zum einen hat die Polizei laut Steffes keine Fachleute aus Forst und Jägerschaft für das Projekt gewinnen können. Zum anderen hätten sich Schutzmaßnahmen, wie das Aufhängen von CDs in Bäumen, die das Licht der Autofahrer reflektieren und das Wild fernhalten sollten, nicht als dauerhafte Lösung erwiesen. Steffes: "Deshalb wenden wir uns künftig an die Autofahrer."
In Bäsch halten die Polizisten alle Autofahrer an, die schneller als 100 Stundenkilometer fahren und erläutern ihnen das Risiko eines plötzlichen Wildwechsels. Von einer Verwarnung sehen sie bei fast allen Schnellfahrern ab, sie wollen keine Knöllchen verteilen. Ein Autofahrer kommt allerdings nicht ungeschoren davon: 136 Stundenkilometer bei erlaubten 100 sind dann doch zu viel. Der Mann wird angezeigt, muss 120 Euro zahlen und erhält drei Punkte. Steffes klärt ihn über die Gefahren auf: "Wenn vor Ihnen bei 136 Sachen ein Reh über die Straße läuft, haben Sie keine Chance mehr." Der Fahrer mit Trierer Kennzeichen zeigt sich einsichtig. Die Aktion findet er "prinzipiell in Ordnung." So wie Christian Feld. Feld ist mit seinem Wagen bereits mit einem Wildschwein kollidiert. Er sagt: "Lieber Kontrolle und Aufklärung als ein Wildschaden."Wildunfälle: Die Polizeiinspektion Morbach hat in den vergangenen zehn Jahren 2738 Wildunfälle aufgenommen. Rehe waren an 2002 Unfällen beteiligt, Wildscheine an 383. Andere Wildarten wie Fuchs (128 Unfälle), Rotwild (97) Hase (67) und Dachs (43) spielen nur eine geringe Rolle. Die Strecken, auf denen sich die meisten Unfälle mit Wild ereignet haben, sind die B 327 von Hermeskeil in Richtung Koblenz zwischen Bäsch und Dhronecken und zwischen der Hinzerather und Hochscheider Kreuzung, die B 269 zwischen Gonzerath und Morbach im Bereich Entenpfuhl und von Morbach nach Birkenfeld zwischen Morbach und Abfahrt Allenbach, die L 164 von Bäsch zum Erbeskopf und die K 80 zwischen Morbach und Horath. cst