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Wenn Science-Fiction plötzlich Polizeialltag ist
Im Kampf gegen Verbrecher setzt das Land auf Hightech

 Nachbau eines Tatorts. Die Perspektive lässt sich beliebig verändern, und die computeranimierten Figuren bewegen sich so, wie Zeugen dies beschrieben.
Nachbau eines Tatorts. Die Perspektive lässt sich beliebig verändern, und die computeranimierten Figuren bewegen sich so, wie Zeugen dies beschrieben. FOTO: TV / Polizei
Trier. Da staunt selbst das FBI: Das Landeskriminalamt kommt Verbrechern mit Hilfe von 3-D-Animationen und Tatort-Scans auf die Spur. Und neue Geräte entlarven Menschen, die mit gefälschten Pässen unterwegs sind. Von Katharina De Mos

Das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz hat am Montag zwei innovative Techniken vorgestellt, die den Fahndern dabei helfen, Verdächtige zu identifizieren und zu überführen. Vieles davon klingt nach Science-Fiction, ist in Rheinland-Pfalz bei der Suche nach Verbrechern aber inzwischen Realität.

Zum einen ist da das weltweit einzigartige Verfahren, das der aus Osann-Monzel (Kreis Bernkastel-Wittlich) stammende Phantombildzeichner Uwe Kinn entwickelt hat. Ein Verfahren, das noch weit über das hinausgeht, was vermeintliche Hightech-Ermittler in US-Krimiserien so bieten. Denn es werden nicht „einfach nur“ Tatorte mit Hilfe von Laserstrahlen dreidimensional digitalisiert, so dass man den Ort des Verbrechens am Computer noch Jahre später aus verschiedensten Perspektiven betrachten kann.

Wenn Science-Fiction plötzlich Polizeialltag ist

 Roger Lewentz (SPD), Innenminister von Rheinland-Pfalz, schaut während eines Pressetermins im Landeskriminalamt auf einen Bildschirm, auf dem eine grafische Darstellung eines virtuellen Tatorts zu sehen ist. Mithilfe einer Software kann ein vermessener Tatort dreidimensional Rekonstruiert werden, um die Tatsituation zu verknüpfen. Personen können auf der Grundlage von Zeugenaussagen in einem virtuellen Raum platziert werden.
Roger Lewentz (SPD), Innenminister von Rheinland-Pfalz, schaut während eines Pressetermins im Landeskriminalamt auf einen Bildschirm, auf dem eine grafische Darstellung eines virtuellen Tatorts zu sehen ist. Mithilfe einer Software kann ein vermessener Tatort dreidimensional Rekonstruiert werden, um die Tatsituation zu verknüpfen. Personen können auf der Grundlage von Zeugenaussagen in einem virtuellen Raum platziert werden. FOTO: dpa / Silas Stein

Für manche dürfte es ein Schock gewesen sein, als das, was sie nur als Fantasie, als Science-Fiction, kannten, plötzlich Teil ihres Alltags wurde. Videotelefonie gab es doch nur auf Raumschiff Enterprise – und dann chattet die Tochter via Skype plötzlich mit Amerika! Und wenn ein Auto sich selbst fährt, dann heißt es sicher Kitt, ist freundlich und hat einen Turbo Boost – doch dann rollen plötzlich selbstfahrende Busse durch deutsche Städte und sammeln Passagiere ein. Als wäre das normal. Auch die Liebhaber von Krimiserien dürften staunen, wie viel von dem, was ihre Lieblingsermittler auf der Mattscheibe treiben, schon von der Realität überholt wurde.

Wer animierte Täter-Avatare oder 3-D-Tatort-Laserscans für eine Erfindung der US-Filmindustrie hielt, wird nun in Mainz eines Besseren belehrt. „Ich war beim FBI und habe mir angeschaut, wie die arbeiten. Da sind wir in Rheinland-Pfalz schon weit vorne“, erzählt Uwe Kinn, Phantombildzeichner beim Landeskriminalamt, im Gespräch mit dem TV.

Eine Berufsbezeichnung, bei der man an Block und Bleistift denkt – und nicht an Hightech-Animationen, mit denen der gebürtige Moselaner nun weit über die Landesgrenzen hinaus für Schlagzeilen sorgt. Am Anfang seiner Entwicklung standen dreidimensionale Phantombilder, die sich immer dann anfertigen lassen, wenn Zeugen einen möglichen Täter aus verschiedenen Perspektiven gesehen haben. Die erste 3-D-Täterfahndung überhaupt gab es 2017 nach einem Raubüberfall auf eine Oberkailer Bankfiliale. Seitdem hat Kinn zahlreiche Anfragen aus dem Ausland bekommen, „weil wir als Einzige um 360 Grad drehbare Modelle umsetzen konnten“, sagt der 45-Jährige, der 2017 auch mit einem dreidimensionalen Phantombild von Jack the Ripper Aufsehen erregte.

In einem nächsten Schritt hat der Entwickler den gesuchten Tatverdächtigen digitale Körper geschenkt. Diese Avatare kann er in einem 3-D-Tatort platzieren, der mit Laserstrahlen zuvor von Spezialisten vermessen wurde. Das Letzte, was dann noch fehlte, war, auch die Handlung sichtbar zu machen – den Figuren Leben einzuhauchen. Ähnlich wie Hollywood dies tut. So wie beim Herrn der Ringe die Bewegungen eines Schauspielers auf die computeranimierte Figur von Gollum übertragen wurden, so überträgt Kinn seine eigenen Bewegungen auf die Avatare der mutmaßlichen Täter.  „Wir haben ein kleines forensisches Filmstudio“, sagt der Wahl-Mainzer und lacht.

Das einzelne Ergebnis bietet weit mehr als ein Phantombild, denn es zeigt nicht nur, wie der Gesuchte aussieht, sondern auch, was wann  wo und wie passiert ist – oder welche Zeugenaussagen sich widersprechen. „Man erhält so auch erstmals eine Zeitlinie: Wir können analysieren, wie lange sich eine Person wo aufgehalten haben kann, um zum Zeitpunkt X beobachtet zu werden“, erklärt der Zeichner, der von einer Kollegin unterstützt wird.

Die Perspektive ist dabei frei wählbar. Man kann sich mitten hineinbegeben ins Geschehen oder von oben draufblicken, man kann Tatwege sichtbar machen oder Wände transparent. „Oft sind die Leute sich unsicher: Hab’ ich den wirklich gesehen? Doch wenn dann die Handlung dazukommt, wissen sie plötzlich: ,Ganz genau, ich habe nämlich noch gesehen, wie der sich nach was gebückt hat.’“„Oft ist das Wiedererkennen erst möglich, wenn der Handlungsablauf sichtbar wird“, sagt Kinn.

„Hierdurch entstehen neue Möglichkeiten, das Tatgeschehen und die -abläufe zu rekonstruieren und alle relevanten Aspekte zu einem Fall auch bildlich darzustellen“, sagt LKA-Präsident Johannes Kunz. Im Einzelfall könnten dadurch neue Ermittlungsansätze gewonnen werden, die für die Aufklärung einer Tat oder die Beweisführung entscheidend sind.

„Besonders in Zeiten der Digitalisierung muss die Polizei auf ausgefeilte technische Mittel zurückgreifen, um auch bei zunehmenden Herausforderungen effektiv arbeiten zu können“, sagte Innenminister Roger Lewentz bei der Präsentation der neuen Ermittlungsmethoden im Landeskriminalamt (LKA).

Rund zehn Jahre hat Kinn gebraucht, um das in Deutschland und den USA patentierte Verfahren zu entwickeln. Inzwischen habe es sich auch in mehreren Gerichtsverfahren bewährt. Noch werden Kinns Animationen über Computer abgespielt. Der nächste Schritt wird sein, Tatorte so nachzubauen, dass sie für Ermittler oder Richter mit speziellen Virtual-Reality-Brillen begehbar sind. In diesen begehbaren Tatorten will Kinn interaktive Informationen einbetten: neueste Erkenntnisse, Notizen der Ermittler, Hinweise für den Staatsanwalt, Audiokommentare etc. „Der Tatort wird auch immer wieder an den neuesten Stand der Ermittlungen angepasst. Er wächst quasi mit“, sagt Kinn, der mit seinem Science-Fiction-gleichen Beitrag zur Polizeiarbeit gut und gerne selbst Star einer Serie sein könnte – die dann allerdings in Mainz und nicht in Manhattan spielen würde. Und vielleicht ab und an in Osann-Monzel an der Mosel ...

Das zweite neue Verfahren, das die Fahnder vorgestellt haben, klingt zwar zunächst weniger spektakulär, hat sich in einem Pilotprojekt aber als erfolgreich erwiesen: „Gefälschte Ausweispapiere können durch den Einsatz von Dokumentenprüfgeräten leichter erkannt werden“, sagt Innenminister Roger Lewentz. Zwischen August 2017 und September 2018 hat die Polizei bei Großereignissen oder Verkehrskontrollen landesweit mit Hilfe der Geräte 13 502 Dokumente überprüft. 173 davon waren gefälscht. Da diejenigen, die sich mit gefälschten Papieren anmelden, der Gesellschaft großen finanziellen Schaden verursachen – laut LKA 40 000 bis 60 000 Euro pro Fall – investiert das Land in weitere Geräte. 45 sind es bald insgesamt, verteilt auf alle Polizeipräsidien. Bisher blieben Fälschungen, die meist sehr professionell gemacht sind, oft unerkannt.