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Weltkrieg
In Trier verlor Deutschland seine Handelsflotte

Armbinden des Arbeiter- und Soldatenrates Trier. Foto: Stadtarchiv Trier
Armbinden des Arbeiter- und Soldatenrates Trier. Foto: Stadtarchiv Trier FOTO: Stadtarchiv / privat
Der Professor für Neuere Geschichte über die vom Krieg zermürbte Bevölkerung der Garnisonsstadt und über den Stress der Unterhändler am Bahnhof. Von Bernd Wientjes

Am 11. November jährt sich zum 100. Mal das Ende des 1. Weltkriegs. Wie wurde der Waffenstillstand in und um Trier aufgefasst? Herrschte Jubel?

CHRISTIAN JANSEN Obwohl in Trier wegen der vielen Bauern in der Umgebung die Versorgungslage nicht so katastrophal war wie in Industrie- und Großstädten, war die Bevölkerung von den mehr als vier Jahren Krieg und Hunger zermürbt. Nach einer unblutigen Revolution fand am 9. November in der Brauerei Schieffer eine von Hunderten Bürgern und Soldaten besuchte Volksversammlung statt. Trotz der neuen Institutionen und mancher radikaler Äußerung wurde schnell klar, dass der Trierer Arbeiter- und Soldatenrat mit den alten Autoritäten – der Stadtverwaltung, den Garnisonskommandeuren und dem Bischof – zusammenarbeitete und keinen radikalen Bruch wollte.

Wie machte sich das Ende des Krieges in Trier bemerkbar?

JANSEN Vom 13. bis 24. November 1918 marschierte das besiegte deutsche Heer in mehr oder minder geordneten Formationen durch die Stadt, der damit die unerwartete Niederlage zwei Wochen lang täglich vor Augen stand. Anschließend wurde die Garnisonsstadt Trier geräumt, da sie zum besetzten Westen des Reichs gehörte. Am 1. Dezember 1918 übernahm die 3. US-Armee die Macht.

Prof. Dr. Christian Jansen.
Prof. Dr. Christian Jansen. FOTO: Herbert Thormeyer

Die jeweiligen Verlängerungen des Waffenstillstands wurden in Trier ausgehandelt. Wie kam es dazu?

JANSEN Da die Amerikaner bei den Waffenstillstandsverhandlungen eine wichtige Vermittlerrolle zwischen den verfeindeten europäischen Mächten übernahmen und da sie in Trier das Kommando übernommen hatten, fanden die Verhandlungen zur Verlängerung des Waffenstillstands von Compiègne von Dezember bis Februar 1919 auf einem abgelegenen Gleis des Hauptbahnhofs und in der Bahnhofsgaststätte statt.

Was ist über die Verhandlungen dort bekannt?

JANSEN Einer der Teilnehmer, der später berühmte britische Nationalökonom John Maynard Keynes, hat einen drastisch-sarkastischen Bericht darüber geschrieben, der 2014 als Buch erschienen ist. Darin heißt es etwa über die Verhandlungen mit nach Trier bestellten Hamburger Reedern über die Übergabe der deutschen Handelsflotte: „Wir, die Alliierten, sammelten uns in der Gaststube. Sie, die Besiegten, hatten keinen Raum zugewiesen bekommen, scharten sich aber unruhig an der Theke zusammen, wo jedoch trotzdem der übliche Gasthausbetrieb mit den kommenden und gehenden Trierer Arbeitern stattfand. Die Deutschen wurden in die Gaststube gebeten. Als ihr wichtigster Mann gesprochen hatte, fing der französische Dolmetscher, ein halbes Kind, an: Dieser Mann sagt...’ – und der Deutsche bellte auf Englisch dazwischen: ‚Sagen Sie gefälligst: dieser Herrrrrr!’ So verlor Deutschland im Gastzimmer einer Schankwirtschaft seine Handelsflotte.“

Trier war ja Aufmarschgebiet. Welche Rolle spielten die Stadt und die Umgebung während des Krieges? Gab es einschneidende Ereignisse?

JANSEN Der Erste Weltkrieg war in Trier wegen der Grenznähe sehr viel stärker präsent als in vergleichbaren Provinzstädtchen im Landesinnern. Zunächst marschierten von hier die Truppen los, die Luxemburg und Belgien überfielen und den Kriegseintritt der Briten auslösten. Nach wenigen Tagen kamen die ersten Toten und Verletzten zurück sowie bald auch französische Kriegsgefangene. Dann war Trier als erste deutsche Stadt das Ziel alliierter Luftangriffe, die zwar bei weitem nicht so verheerend waren wie im Zweiten Weltkrieg, aber die zunächst kriegsbegeisterte Stadtbevölkerung ängstigten. Es gab 22 Angriffe und 29 Todesopfer sowie erhebliche Schäden, unter anderem an der Liebfrauenkirche und am Landesmuseum. Das Entscheidende waren die psychologischen Folgen. Trier war nicht in Feindeshand, die Bürger waren trotzdem nicht sicher.

Welche vielleicht noch heute bemerkbaren Folgen hat der Erste  Weltkrieg in der Region Trier, in Luxemburg und in Belgien?

JANSEN Ich habe den Eindruck, dass in unseren Nachbarländern die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg lebendiger ist und auch systematisch von politischen und kulturellen Institutionen wachgehalten wird, während wir den Zweiten Weltkrieg als die größere Katastrophe ansehen, so dass die zahllosen Opfer des Ersten Krieges wie auch seiner Begleitumstände – der Hungersnöte und der verheerenden Grippeepidemie – in Vergessenheit geraten sind. Leider erlebt ja in letzter Zeit der Nationalismus, der die wichtigste Ursache für den Ersten Weltkrieg, für die Opferbereitschaft der Soldaten und das lange Durchhalten der Zivilbevölkerung war, in den letzten Jahren in Europa ein erschreckendes Revival.

Das Interview führte
Bernd Wientjes