Interview: Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne) sieht den Wald vom Klimawandel bedroht

Interview Ulrike Höfken : TV-Serie Klimaschutz konkret – „Unsere Wälder sind akut bedroht“

Die rheinland-pfälzische Umweltministerin rechnet im Wald für 2019 mit weit mehr als 45 Millionen Euro Klimawandelkosten. Und zudem sieht die Grünen-Politikerin in den steigenden Temperaturen eine große Gefahr für das Ökosystem.

Schon jetzt sind mehr als drei Viertel der rheinland-pfälzischen Bäume geschädigt – und Förster fürchten, dass der Klimawandel für den heimischen Wald zu einer ernsten Bedrohung wird. Ein Thema, das auch im Zentrum des vierten Trierer Waldforums steht, zu dem das Trierer Forstamt am 8. März ab 8.30 Uhr in die Trierer Europahalle einlädt (siehe Info). Unsere Redakteurin Katharina de Mos hat mit Umweltministerin Ulrike Höfken im Vorfeld darüber gesprochen, wie ernst die Lage ist, mit welchen Kosten dies einhergeht und was sich verändern wird.

Frau Höfken, wie geht es dem rheinland-pfälzischen Wald?

ULRIKE HÖFKEN Unser Wald leidet massiv unter dem Klimawandel. Schon jetzt weisen 84 Prozent aller Bäume in Rheinland-Pfalz Schäden auf. Wegen des extrem trockenen Sommers im vergangenen Jahr gehen wir aber davon aus, dass es noch schlimmer wird. Denn Schädlinge breiten sich durch Trockenheit und steigende Temperaturen eher aus. Sie befallen vor allem Bäume, die durch Dürrestress und Klimaveränderung geschwächt sind. Ein aktuelles Beispiel sind die durch den Borkenkäfer geschädigten Fichten und das Absterben der Eschentriebe durch den Pilz Falsches Weißes Stängelbecherchen.

Wie groß ist die Bedrohung durch den Klimawandel?

HÖFKEN Unsere Wälder sind akut bedroht, ich bin wirklich besorgt. Schon bis heute ist die Jahresdurchschnittstemperatur in Rheinland-Pfalz im Vergleich zu 1881 um rund 20 Prozent auf 9,6 Grad gestiegen. Wenn das eintritt, was das Kompetenzzentrum für Klimawandelfolgen vorhersagt und die Durchschnittstemperatur um weitere bis zu 4,4 Grad steigt, wird sich unser Wald massiv verändern. Da, wo Forstleute bereits einen Wald aus unterschiedlichsten Baumarten aufbauen konnten, ist er vermutlich besser gewappnet. Bei Wäldern mit nur einer oder zwei Baumarten ist das Risiko eines kompletten Ausfalls sehr groß.

Ulrike Höfken (Bündnis 90/Die Grünen), Ministerin für Umwelt, Energie, Ernährung und Forsten in Rheinland-Pfalz. Foto: Fredrik Von Erichsen

Wie hoch sind die Kosten, die der Klimawandel verursacht?

HÖFKEN Die Schäden können heute noch nicht vollständig abgesehen werden. Mögliche Folgen sind Hangrutschungen, Überschwemmungen, der Rückgang der Biodiversität und des Tourismus. Wir nehmen an, dass allein durch den Borkenkäfer in diesem Jahr etwa eine Million Festmeter Holz als Käferholz anfallen. Dieses Holz ist deutlich weniger wert als gesundes. Durch das Überangebot sinken die Holzpreise.

Allein dieser Wertverlust beläuft sich auf etwa 45 Millionen Euro. Hinzu kommen erhöhte Kosten für die Ernte des Käferholzes, für Neupflanzungen und die Pflege des jungen Waldes. Das heißt: Wir müssen den Wald noch schneller und konsequenter an den Klimawandel anpassen. Darum haben wir im Doppelhaushalt die Mittel um sieben Millionen Euro aufgestockt und uns im Bundesrat für mehr finanzielle Hilfe für die kommunalen und privaten Waldbesitzer starkgemacht.

Aber gibt es nicht auch positive Effekte oder Chancen, die der Wandel für den Wald mit sich bringt?

HÖFKEN Bäume und Wälder müssen sich an die neuen Bedingungen anpassen. Dafür benötigt ein komplexes Ökosystem wie der Wald viele Generationen. Eine Wald-Generation dauert allein 100 bis 200 Jahre. Für unsere Wälder in Rheinland-Pfalz stellt der Klimawandel somit eine große Gefahr dar.

Der Bundesrat ist kürzlich Ihrem Antrag gefolgt und fordert von Julia Klöckners Ministerium nun mehr als die jährlich geplanten fünf Millionen Euro Dürrehilfe für Waldbesitzer. Wie viel wäre denn genug?

HÖFKEN Die fünf Millionen Euro für ganz Deutschland pro Jahr sind lächerlich. 2018 hätten wir schon eine erste Soforthilfe von mindestens einer Million Euro benötigt. Für uns in Rheinland-Pfalz bedeutet das pro Jahr 263 000 Euro vom Bund. Inklusive der Kofinanzierung vom Land sind das nur 72 Cent pro Hektar für den Privat- und Kommunalwald. Eine Jungpflanze kostet aber bereits einen Euro. Zudem sind die Gelder vom Bund nur für den Kommunal- und Privatwald bestimmt. Für die Wiederaufforstung der zerstörten Waldflächen und die Anpassung des geschwächten Waldes an den Klimawandel benötigen wir in Rheinland-Pfalz viele Millionen Euro jährlich.

Wie wird der heimische Wald in 50 Jahren aussehen?

HÖFKEN Unsere Zukunftsstrategie ist es, einen Wald aufzubauen, der sich aus möglichst vielen verschiedenen, unterschiedlich alten, standortangepassten Laub- und Nadelbaumarten zusammensetzt. Das erreichen wir durch Pflanzung, natürliche Verjüngung und Saat. Ein ökologisch wertvoller, multifunktionaler Mischwald ist in der Lage, klimatische Veränderungen besser abzufangen und Stürme zu überstehen. Wir müssen aber auch untersuchen, welche noch nicht heimischen Baumarten künftig ohne Risiko den Wald ergänzen könnten, um eine noch größere Auswahl zu haben. Die Douglasie wurde zum Beispiel als eine Baumart dargestellt, die dem Klimawandel trotzt. Wir stellen aber fest, dass auch sie leidet.

 Was bedeutet das für private Waldbesitzer, von denen es im Land ja sehr viele gibt?

HÖFKEN Den Wald flächig umzubauen und zu entwickeln, stellt eine Mammutaufgabe dar, die noch viele Generationen beschäftigen wird. Das schaffen die Privatwaldbesitzer nicht allein, und sie müssen es auch nicht. Landesforsten unterstützt die mehr als 330 000 Waldbesitzenden durch Beratung und Betreuungsangebote vor Ort.

Wird Rheinland-Pfalz seine Klimaziele erreichen?

HÖFKEN Unser Ziel, bis 2020 die Treibhausgasemissionen um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu reduzieren, haben wir mit 37 Prozent fast erreicht – die noch fehlenden drei Prozent sind aber sicher die schwersten. Umso wichtiger sind jetzt  Anstrengungen in allen klimarelevanten Sektoren und in allen gesellschaftlichen Bereichen, also eine konsequente Energie- und Wärmewende, der Ausstieg aus der Kohle und die Reduzierung der Treibhausgasemissionen im Verkehr, in der Industrie und in der Landwirtschaft. Nötig ist die Beteiligung vom Bund, Land, von Kommunen, Wirtschaft und Privatleuten. Auch Windenergieanlagen im Wald tragen zur Energiewende bei und schützen dadurch den Wald. Ein gesunder und stabiler Wald wiederum bedeutet Klimaschutz: Die Klimaschutzleistung des Sektors Forst und Holz in Rheinland-Pfalz  liegt bei knapp zehn Millionen Tonnen CO2 pro Jahr und entspricht damit dem CO2-Ausstoß von fast einer Million Menschen.  Der Schutz des Klimas wird aber nur erfolgreich sein, wenn vonseiten der Bundesregierung die Energiewende nicht weiter blockiert wird, so wie mit der Deckelung im Bereich der Windkraft, bei der Eigenstrom-Nutzung oder der Sektor-Kopplung.

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