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Inzidenz Delta-Variante Lockerungen Reisen Dreyer Rheinland-Pfalz

Pandemie : Wie lange noch ist Inzidenz die entscheidende Maßzahl?

Die Impfquote steigt, eine Überlastung des Gesundheitssystems droht wohl nicht mehr. Daher hat die Inzidenz an Bedeutung verloren.

Die Corona-Lage ist derzeit widersprüchlich. Einerseits warnen Virologen und Gesundheitspolitiker wie SPD-Mann Karl Lauterbach vor der sich angeblich rasant ausbreitenden Delta-Variante des Corona-Virus. Andererseits verkünden immer mehr Bundesländer, wie gestern auch Rheinland-Pfalz, weitreichende Lockerungen. Dort sind ab Freitag sogar wieder Großveranstaltungen mit bis zu 5000 Teilnehmern möglich. Gleichzeitig blickt Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) mit Sorge nach England. Nicht nur, weil sich dort, genau wie in England, die zunächst überwiegend in Indien aufgetretene Virus-Mutation für steigende Corona-Zahlen sorgt. Sondern, weil dort bei der Fußball-EM bis zu 60 000 Zuschauer im Wembley-Stadion erlaubt sind. Das, so sagte die Triererin gestern in Mainz, sei „ein schlechtes Signal“. Und sie warnt vor Sorglosigkeit beim Reisen. „Wir können in Echtzeit in vielen Urlaubsregionen beobachten, wie die Corona-Infektionszahlen schon jetzt wieder signifikant steigen.“ Als Beispiel nennt sie Portugal. Sie rät, dass sich Urlauber fünf Tage, nachdem sie aus einem Risikogebiet zurückgekommen sind, testen sollen. Eine Quarantänepflicht hält sie für diese Reisenden nicht für angebracht.

Hinter all dem steckt die Erfahrung aus dem vergangenen Jahr. Nach den Ferien sind die Corona-Zahlen zunächst langsam und dann ab Herbst sprunghaft wieder angestiegen. Die zweite Welle ging nahtlos in die dritte über. Von Ende November bis Mitte März verharrte Deutschland mehr oder weniger im Lockdown.

Trotz einer im Herbst drohenden vierten Welle, halten viele Virologen und Politiker einen erneuten, flächendeckenden Lockdown nicht mehr für notwendig. Zum einen, weil damit gerechnet wird, dass die Zahl der Infizierten aufgrund der voranschreitenden Impfung nicht mehr so hochschnellen wird, wie zu Beginn des Jahres. Und zum anderen, weil, das sagte gestern auch der Mainzer Virologe Bodo Plachter, vermutlich nicht mehr so viele Infizierte auf den Intensivstationen landen werden. Das sehe man derzeit auch in England.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wies vergangene Woche daraufhin, dass es Ziel aller Corona-Maßnahmen gewesen sei, eine Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern. Wenn diese Gefahr durch die fortschreitenden Impfungen nicht mehr bestehe, müsse man auch die Einschränkungen, wie etwa die Maskenpflicht, nach und nach zurücknehmen. Dreyer sprach gestern davon, dass man wegkommen müsse von einem „kollektiven Schutzgedanken“ hin zu einem individuellen Schutz. Ab Herbst müsse mehr die Eigenverantwortung jedes Einzelnen im Mittelpunkt stehen als die Einschränkungen aller Bürger.

Damit einher geht die Diskussion über die Bedeutung der Inzidenz. Diese sei allenfalls noch ein Frühwarnsystem, sagte der Hygieniker der Unimedizin Mainz, Wolfgang Kohnen gestern. Wenn das Gesundheitssystem durch zunehmende Impfungen nicht mehr überlastet werde, könnten steigende Inzidenzen nicht mehr als Indikator für Corona-Maßnahmen dienen.

Auch der rheinland-pfälzische Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) brachte vergangene Woche eine Abkehr von der Inzidenz als mehr oder weniger einiger Messgröße für Einschränkungen und Lockerungen ins Spiel. Es könne nicht sein, dass wenn etwa in einer Stadt wie Zweibrücken mit knapp 34 000 Einwohnern im Herbst mehrere ungeimpfte Personen erkranken und damit die Inzidenz womöglich auf über 50 schnelle, dann wieder das Leben aller (auch der Geimpften) eingeschränkt und vielleicht auch Schulen geschlossen werden müssten, obwohl es keine schweren Verläufe und keine Covid-Patienten in Kliniken gebe. „Unser Ziel ist es, nicht mehr in den Lockdown gehen zu müssen“, sagte Dreyer gestern.

Die Frage ist allerdings, wie besonnen die Politiker im Herbst noch sein werden, wenn die Corona-Zahlen wieder steigen.