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Kardinal Marx bleibt im Amt - vom Missbrauch Betroffene sind enttäuscht

Katholische Kirche : Nach Missbrauchsgutachten: Kardinal Marx wackelt, aber weicht nicht

Geht er oder geht er nicht? Das war die spannende Frage vor der Stellungnahme des Münchner Erzbischofs auf das Missbrauchsgutachten. Nun ist sie beantwortet. Zumindest vorläufig.

Welche Konsequenzen zieht die katholische Kirche aus dem vor einer Woche vorgestellten Münchner Missbrauchsgutachten? Zumindest vorerst keine personellen. Das ist das Ergebnis der Pressekonferenz des Münchner Kardinals Reinhard Marx. Der 68-jährige ehemalige Trierer Bischof (2002 bis 2008) entschuldigte sich zwar erneut wortreich bei allen Betroffenen sexuellen Missbrauchs durch Geistliche und erklärte sich bereit, Verantwortung zu übernehmen. Von einem neuerlichen Rücktrittsangebot an den Papst war allerdings am Donnerstag keine Rede.

„Das Angebot des Amtsverzichts im letzten Jahr war sehr ernst gemeint“, sagte Reinhard Marx. Doch Papst Franziskus habe anders entschieden und ihn aufgefordert, seinen Dienst verantwortlich weiterzuführen“, begründete der Kardinal sein Handeln, fügte aber hinzu, dass er nicht an seinem Stuhl klebe.

Falls er oder andere allerdings den Eindruck gewinnen sollten, er wäre „eher Hindernis als Hilfe“, werde er das Gespräch mit den entsprechenden Beratungsgremien suchen und sich kritisch hinterfragen lassen, kündigte der Erzbischof an. Diese Entscheidung werde er aber „nicht mehr mit mir allein ausmachen“, fügte er hinzu mit Blick auf sein erfolgloses Rücktrittsangebot im letzten Jahr hinzu.

Das Münchner Missbrauchsgutachten hatte Kardinal Marx Fehlverhalten vorgeworfen

Das in der vergangenen Woche von einer Münchner Kanzlei vorgestellte Gutachten hatte Marx Fehlverhalten im Umgang mit Fällen von sexuellem Kindesmissbrauch vorgeworfen. Neben Marx wird auch  den ehemaligen Erzbischöfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, dem heute emeritierten Papst Benedikt XVI., konkret und persönlich Fehlverhalten in mehreren Fällen vorgeworfen. Insgesamt sprechen die Gutachter von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern, sie gehen aber von einem größeren Dunkelfeld aus.

Welche personellen Konsequenzen gibt es nach dem Missbrauchsgutachten?

Zur Frage nach möglichen personellen Konsequenzen sagte Reinhard Marx am Donnerstag, jeder Verantwortungsträger solle selbst auf die bisherigen Erkenntnisse schauen und sich überlegen: „Was habe ich persönlich zu verantworten? Worin besteht mein Versagen? Wo habe ich mich schuldig gemacht? Welche Konsequenzen muss ich ziehen?“

Immerhin ein im Gutachten genannter Geistlicher nahm den Erzbischof beim Wort: Der oberste Münchner Kirchenrichter Lorenz Wolf (66) lässt vorläufig alle Ämter und Aufgaben ruhen.  Lorenz ist als Offizial seit 1997 für die kirchliche Gerichtsbarkeit im Erzbistum verantwortlich. Oft war er als zweite Instanz im Auftrag der römischen Kurie mit Missbrauchsfällen befasst.

Von weiteren personellen Konsequenzen wurde nichts bekannt. Entsprechend enttäuscht äußerten sich daher auch die Betroffenenvertreter. „Ich bezweifle, dass Bischöfe, die wie Kardinal Marx mitverantwortlich sind für das System des Missbrauchs in der Kirche, den Aufbruch und die notwendige Veränderung wirklich organisieren können“, sagte der Sprecher des Eckigen Tisches, Matthias Katsch.

Missbit: Mehr Druck auf Kardinal Marx, wenn mehr Verfehlungen aus Trier ans Licht kommen

Ähnlich argumentiert auch die Trierer Opfervereinigung Missbit. Kardinal Marx‘s Verantwortungsübernahme sei bestenfalls halbherzig gewesen, sagt Missbit-Sprecher Hermann Schell. In der kirchlichen Amtssprache bedeute Verantwortungsübernahme, „dass niemand zurücktritt und alles beim Alten bleibt“, meint Schell. Die Opfervereinigung ist der Ansicht, dass der Druck auf Marx zunehmen könnte, wenn die Verfehlungen im Bistum Trier ans Licht kämen.

Auch der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller ist über die Reaktion des Münchner Kardinals enttäuscht. „Niemand übernimmt persönliche Verantwortung“, sagte Schüller. „Das Erzbistum München-Freising geht in den normalen Verarbeitungsmodus über und macht auf business as usual.“ Verantwortung werde vergemeinschaftet, und die Betroffenen und Gläubigen würden in Mithaftung genommen. Das Ganze werde „garniert mit Lyrik des Synodalen Weges“, des derzeitigen Reformprozesses in der katholischen Kirche.

Auch der Trierer Bischof Stephan Ackermann verweist in diesem Zusammenhang auf den Synodalen Weg. „Der Synodale Weg, den wir zusammen mit dem Zentralkomitee der Katholiken gehen, deutlich, dass wir Bischöfe die Aufarbeitung und Verhinderung von Amtsmissbrauch in der Kirche alleine nicht schaffen“, sagte der Missbrauchsbeauftragte im Gespräch mit unserer Redaktion.

Ackermann sagte, er stimme Kardinal Marx zu, dass es neben einer institutionellen Verantwortung auch eine persönliche Verantwortung gebe. „In meinem Amt als Bischof von Trier übernehme ich auch Verantwortung für Fehler der Vergangenheit und von Vorgängern in Amt“, so Ackermann wörtlich. Darüber hinaus habe er sich die Frage nach der persönlichen Verantwortung zu stellen.

Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch steht im Bistum Trier noch am Anfang

Im Bistum Trier steht anders als etwa in München die Aufarbeitung noch am Anfang. Die sogenannte Unabhängige Kommission zur Missbrauchsaufarbeitung hat mit ihrer Arbeit gerade erst begonnen. „Die Auswertung der Akten läuft, und wir haben auch schon mit Betroffenen gesprochen“, sagte unlängst Kommissionssprecher Gerhard Robbers. Die Arbeit der Kommission ist auf sechs Jahre angelegt. Allerdings soll jedes Jahr ein Zwischenbericht vorgelegt werden, der auch im Internet veröffentlicht wird.