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Asylpolitik
Kinder kicken für die Integration

Der Leiter der Aufnahmeeinrichtung Trier, Thomas Pütz, erläutert Integrationsministerin Anne Spiegel die geplanten Umbauten.
Der Leiter der Aufnahmeeinrichtung Trier, Thomas Pütz, erläutert Integrationsministerin Anne Spiegel die geplanten Umbauten. FOTO: Bernd Wientjes
Trier. Die Grünen-Politikerin Anne Spiegel wehrt sich gegen Vorwürfe, das Land würde nicht konsequent abschieben. Von Bernd Wientjes

Bayern München spielt gerade gegen Borussia Mönchengladbach. Engagiert kicken zwei Vierer-Mannschaften, Mädchen und Jungs, auf dem kleinen Street-Soccer-Feld, einer Art künstlich angelegtem Bolzplatz, gegeneinander, stellvertretend für die Profimannschaften, in deren Namen sie heute antreten.

Das Besondere an dem Miniturnier: Es findet in der Aufnahmeeinrichtung (Afa) für Flüchtlinge in Trier statt. Neben Schülern aus der Stadt spielen auch Jungs aus der Afa mit. Damit soll die Integration der Flüchtlingskinder gefördert werden, sagt Theo Lamberts. Der ehemalige Sportlehrer hat das Projekt vor drei Jahren gegründet. „Mich haben die Sonntagsreden von Politikern über Willkommenskultur motiviert, das Projekt umzusetzen“, erzählt Lamberts. Er sieht darin gelebte Willkommenskultur.

Dass ausgerechnet heute im Hof der Afa gekickt wird, ist kein Zufall. Die rheinland-pfälzische Integrationsministerin Anne Spiegel besucht die Einrichtung. In erster Linie, um sich von Afa-Leiter Thomas Pütz den laufenden Umbau der in die Jahre gekommenen Kasernengebäude zeigen zu lassen: moderne Toiletten, neue, kleinere Zimmer, in denen auch Familien oder alleinreisende Flüchtlinge untergebracht werden können. Bislang müssen diese in Gemeinschafträumen mit fremden Menschen leben. Draußen wird an einem Gebäude ein barrierfreier Eingang gebaut, damit auch Rollstuhlfahrer ohne Probleme hineinkommen. An einem anderen Haus wird außen ein Fahrstuhl angebaut.

Spiegel zeigt sich beeindruckt. Doch so richtig geht ihr Herz auf, als sie zum Soccer-Feld kommt. Ein paar Kinder, die derzeit in der Einrichtung leben, zeigen der vierfachen Mutter stolz die Medaille, die sie nach dem Turnier bekommen haben. Die Siegerehrung hat die Ministerin knapp verpasst. „Schön, wenn Kinder wieder Kinder sein können“, sagt sie zu Lamberts.

437 Menschen leben derzeit in der Afa in Trier-Nord. Vor drei Jahren waren es mehr als dreimal so viel. Im Schnitt, so sagt Pütz, bleiben die hier ankommenden Flüchtlinge zwei Wochen, bevor sie dann auf andere Einrichtungen im Land verteilt werden. Etwa nach Hermeskeil (Trier-Saarburg). Dort sind derzeit 554 Menschen in einer ehemaligen Bundeswehrkaserne am Rande der Stadt untergebracht. Zusätzlich gibt es noch Aufnahmeeinrichtungen in Speyer, Kusel und Ingelheim. 2254 Menschen leben nach Angaben der zuständigen Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier in allen rheinland-pfälzischen Afa.

Integrationsministerin Anne Spiegel und Afa-Leiter Thomas Pütz vor den renovierungsbedürftigen Gebäuden auf dem Gelände der Aufnahmeeinrichtung.
Integrationsministerin Anne Spiegel und Afa-Leiter Thomas Pütz vor den renovierungsbedürftigen Gebäuden auf dem Gelände der Aufnahmeeinrichtung. FOTO: Bernd Wientjes

Das Land lege Wert auf einen hohen Standard bei der Unterbringung der Flüchtlinge, sagt Spiegel. Anders als etwa in Bayern, wo ankommende Flüchtlinge zunächst in sogenannten Ankunftszentren untergebracht werden, in denen geklärt wird, ob sie überhaupt in Deutschland bleiben können oder das Land wieder verlassen müssen, sollen die nach Rheinland-Pfalz kommenden Asylbewerber über die Aufnahmeeinrichtungen verteilt werden und dort auch erste Angebote zur Integration erhalten – wie eben Sport für die Kinder oder auch Sprachkurse für Erwachsene. Für Rheinland-Pfalz sei es nicht der richtige Weg, einfach nur einen auf Bundesebene erfundenen Begriff wie eben die Ankerzentren, wie die Zentren für Ankunft, Entscheidung, Rückführung abgekürzt heißen, auf ein Türschild zu kleben. „Was wir wollen, sind neben guten Unterbringungsstandards auch gute Schutzkonzepte für die Menschen, die zu uns kommen.“

Das bedeute aber nicht, dass ausreisepflichtige Asylbewerber nicht konsequent abgeschoben würden, wehrt sich Spiegel. Entsprechende Vorwürfe kommen immer wieder, vor allem von den Oppositionsparteien CDU und AfD. „Wir halten uns an Recht und Gesetz“, versichert sie und erinnert daran, dass sie kurz nach ihrem Amtsantritt vor zwei Jahren dafür gesorgt habe, dass etwa aus Georgien eingereiste Mitglieder von Diebesbanden schnellstmöglich abgeschoben werden konnten.

Doch man nimmt der zierlichen, oft leise redenden Grünen-Politikerin nicht ab, dass sie eine knallharte Linie verfolgt in Sachen Abschiebung. Immer wieder steht sie in der Kritik, weil ihr Ministerium Ausländerbehörden, wie etwa im vergangenen Jahr im Eifelkreis Bitburg-Prüm, Anweisungen gibt, durch das Verwaltungsgericht legitimierte Abschiebungen zu stoppen.

Dass manchmal Monate vergehen, bis ein ausreisepflichtiger Asylbewerber tatsächlich abgeschoben werde, das sei die Schuld des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, sagt Spiegel. Noch immer dauere es in Einzelfällen lange, bis über Asylanträge entschieden sei. Das führt nicht selten dazu, dass die betroffenen Flüchtlinge beginnen, sich zu integrieren.

Sie haben eine Arbeitsstelle, die Kinder gehen zur Schule. Derzeit wird darüber diskutiert, in diesen Fällen die Abschiebung zu stoppen und über einen sogenannten Spurwechsel, durch den die Asylbewerber zu Einwanderern werden, diesen einen legalen Aufenthalt zu ermöglichen.

Die Ministerin hält das für „unglaublich wichtig“. Dadurch würden diesen Flüchtlingen Perspektiven eröffnet, der Spurwechsel sei ein Beitrag gegen den Fachkräftemangel. Doch letztlich, so Spiegel, brauche Deutschland endlich ein Einwanderungsgesetz, das Flüchtlingen ermögliche, hierhin zu kommen, wenn sie einen Job nachweisen könnten.