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Kinder- und Jugendbuchautor Stefan Gemmel im Interview inklusive Buchtipps vom Autor.

Interview mit Stefan Gemmel : Zeit zu lesen, Zeit zu schreiben

Der Kinder- und Jugendbuchautor nennt seine Lieblingsautoren und empfiehlt fünf Bücher — natürlich nicht nur für Erwachsene.

Lehmen/Trier Stefan Gemmel ist ein positiver Mensch. Die Energie und die  Freundlichkeit des Kinder- und Jugendbuchautors sind vom ersten bis zum letzten Wort unseres Telefongesprächs spürbar. Kein Wunder, dass er für seine Lesungen bekannt und auch ausgezeichnet ist. Die Corona-Pandemie macht ihm aber in diesem Punkt wie vielen Kreativen das Leben schwer. Die große Zahl der Veranstaltungen sei auf 50 digitale „Begegnungen“ im ersten Quartal geschrumpft. Aber Jammern liegt ihm fern. Stefan Gemmel macht das Beste aus der Situation und erzählt, wie gut seine digitale Kindergarten-Schreibwerkstatt funktioniert: Es werden vor dem Termin kleine Figürchen, Handpuppen, verschickt und ein Duo sorge für musikalische Begleitung und das „Mutmach-Lied“. Die Kinder seien so bei der Sache, dass es eine reine Freude sei, sagt er.

Stefan Gemmel nutzt die Zeit. Er sitze gerade an seinem achten Buch seit Corona-Beginn, darunter seien zwei neue Reihen, unter anderem „Die Yetis sind los“, die im September mit dem Band „Verflixt und zugeschneit“ starten. Die Yetis wollen herausfinden, ob es wirklich Menschen gibt, fasst er zusammen. Die übrigen Bücher erscheinen im nächsten und übernächsten Jahr.

Als er erwähnt, dass er gerade am achten Buch sitzt, muss er selbst lachen. Wie ist so ein Pensum zu schaffen? Liegt es daran, dass Kinder- und Jugendbücher nicht so komplex aufgebaut sind wie Literatur für Erwachsene? „Ich bin ein sehr, sehr schneller Schreiber. Das habe ich mir von Stephen King abgeschaut“, sagt er, lacht wieder und wird dann ernster. Einige der Bücher seien Fortsetzungen einer Reihe, deren Setting und Aussagen schon feststehen, damit habe er einen großen Vorteil. Romanautoren müssen nach seiner Ansicht ganz anders an die Sache herangehen und die Geschichte erst aufbauen. Aber halt, sonst bewegt sich das Gespräch schon in Richtung  Schreibwerkstatt … Wir möchten mit Stefan Gemmel, der 1970 in Morbach geboren ist und mit seiner Familie im Moselort Lehmen (Kreis Mayen-Koblenz) lebt, aber über seine Lesegewohnheiten sprechen. Bei den Buchtipps, um die wir ihn gebeten haben, hat er natürlich seine Zielgruppe nicht vergessen. Er  ist eben mit Leib und Seele Kinder- und Jugendbuchautor.

Was lesen Sie selbst gerne: Gedichte, Krimis, Science-Fiction, Gesellschaftsromane?

Stefan Gemmel: Normalerweise absolviere ich über 250 Lesungen pro Jahr, treibe mehrere Bücherprojekte voran und begleite auch noch junge Talente beim Schreiben, dadurch ist meine private Zeit so knapp geworden, dass ich ohnehin kaum noch zum Lesen komme. Wenn es gelingt, dann greife ich nach einem Roman von Georges Simenon oder nehme mir wieder einmal die Bände der Reihe „Per Anhalter durch die Galaxis“ hervor.

Haben sich während der Pandemie Ihre Lesegewohnheiten verändert? Es gibt zum Beispiel Menschen, die gerade jetzt nach Fantasie-Romanen greifen.

Stefan Gemmel: Ja, sehr. Diese bedrückende Zeit nutze ich vor allem zum Schreiben. Ich flüchte mich vor den täglichen Horrornachrichten in meine eigenen Welten, tauche ab in meine Fantasie und merke, dass mir das gut tut. Zum Lesen komme ich daher noch weit weniger als sonst.

Papier oder E-Book?

Stefan Gemmel: Oh weh, jetzt muss ich gestehen: Ich bin da ganz alte Schule und greife zum Papier. Obwohl ich grundsätzlich technikbegeistert bin, kann ich elektronischen Büchern nichts abgewinnen – mir fehlen das Gefühl des Papiers und der Geruch nach Tinte. Echtes Lesevergnügen finde ich tatsächlich nur in gedruckten Büchern.

Welche Lieblingsautoren begleiten Sie schon lange?

Stefan Gemmel: Meine ersten großen Idole waren Erich Kästner, Stephen King und Georges Simenon. Nicht nur, weil diese drei Ausnahmetalente hervorragende, überzeugende Erzähler waren. Nein, ich hab mir auch die Art zu schreiben und die Vorgehensweise beim Entwerfen von Geschichten von ihnen angeeignet. In letzter Zeit ist noch Paul Auster hinzugekommen.

Greifen Sie regelmäßig zu Büchern befreundeter Autoren? Vermutlich sind darunter ja auch Kinder- und Jugendbuchautoren.

Stefan Gemmel: Ich versuche möglichst zu verhindern, Kinder- und Jugendbücher zu lesen. Die Ideen, die ich zu Papier bringe, stammen allesamt von mir selbst. Meine Befürchtung ist, dass ich eventuell aus Versehen einmal etwas in meine Geschichten einbaue, das gar nicht von mir kommt, das ich also vielleicht vor Jahren gelesen und tief in mir abgespeichert habe. Aber natürlich schickt man sich gegenseitig Manuskripte, um zu erfahren, wie Kollegen und Kolleginnen ein neues Werk einschätzen. Das passiert mir auch immer wieder und es ehrt mich natürlich, wenn meine Meinung gefragt ist. Die Texte werden aber meist lange vor der Veröffentlichung der jeweiligen Werke geschickt und es sind meistens auch bloß Auszüge, die ich zu lesen bekomme, um mein Urteil dazu abzugeben.

Müssen Autoren zwangsläufig selbst gerne lesen?

Stefan Gemmel: In der Kunst gibt es ja generell kaum das Wort „Muss“ und so muss ein Autor auch nicht zwangsläufig lesen. Doch er ist gut beraten, wenn er es tut. Die Welt der Literatur erschließt sich über die Bücher. Und das wertvollste Training für die Fantasie ist das Lesen. Autoren lesen mit anderen Augen. Man hat Dinge wie Dramaturgie und Handlungsbogen im Blick, vergleicht oder lässt sich inspirieren. Natürlich können die Grundideen für neue Bücher aus allen Lebensbereichen stammen. Aber wie man daraus spannende, lehrreiche, unterhaltende Geschichten erstellt, das lernt man nach wie vor am besten, wenn man selbst liest.