24 Namen, 24 Schicksale: Erinnerung an Nazi-Opfer

Die Geschichte der Freudenburger Juden lässt sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Die Gemeinde hat 24 jüdischen Mitbewohnern, die Opfer der Nazis wurden, ein Denkmal gesetzt: Gunter Demnig hat Stolpersteine auf dem Marktplatz verlegt.

Freudenburg. Ruth Conolly steht, den Kopf gesenkt, vor den in der Sonne glänzenden Steinen mit Messingplatte. Sie sind kurz zuvor in den Boden gelassen worden, mitten in Freudenburg, auf dem Marktplatz vor der Apotheke.

Erinnerung an zwei Familien



Ruth Conolly ist 1935 im Haus am Marktplatz geboren, als Tochter jüdischer Eltern. Die Steine, die in der Sonne glänzen, erinnern an ihre Familie. Es sind insgesamt 24, die der Kölner Künstler Gunter Demnig in Freudenburg verlegt. Und es sind die ersten in der Verbandsgemeinde Saarburg. 24 Steine für 24 Menschen. 24 Schicksale, 24 Beispiele für den grenzenlosen Nazi-Terror. "Stolpersteine" nennt Demnig sie. Stolpern sollen die Menschen darüber aber nur gedanklich - es geht ums Erinnern, ums Innehalten.

Zwölf der 24 Menschen, an die erinnert wird, haben den Terror nicht überlebt. Das verrät ein Blick auf die Steine: "Deportiert", steht da. "Ermordet." Theresienstadt, Treblinka, Auschwitz.

Wer hinter den 24 Namen steckt, erzählen Schülerinnen des Gymnasiums Saarburg, die sich mit den Biografien der ehemaligen Mitbürger - die Familien Kahn-Samuel und Samuel-Weil - auseinandergesetzt haben. Es waren Viehhändler, Religionslehrer, Kaufleute. Fest integriert ins Dorfleben, in der Feuerwehr. Wer nicht deportiert wurde, floh vor den Nazis in die USA, nach Schweden und Palästina. Einige Töchter und Söhne der Überlebenden sind bei der Stolpersteinverlegung anwesend - wie Ruth Conolly, die in New Jersey (USA) lebt.

Das Jugendorchester Freudenburg begleitet die rund zweistündige Zeremonie musikalisch, Rabbi Amos Samuel singt ein Gebet. "Es ist eine sehr bewegende Zeremonie", sagt Amos Samuel aus Israel, der Cousin des Rabbis. Sie schließe für ihn eine historische Lücke, denn seine Eltern haben bei ihrer Flucht vor den Nazis kaum Bücher, Dokumente oder Bilder mitnehmen können.

"Wir stehen heute aus einem ganz besonderen Anlass hier", erklärt Ortsbürgermeister Bernd Gödert. Die Gemeinde hat 1995 bereits einen Gedenkstein an der ehemaligen Synagoge errichtet. "Freudenburg war ökonomisches und religiöses jüdisches Zentrum auf dem Saargau", sagt Günter Heidt. Die Geschichte lasse sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Heidt, früher Lehrer am Saarburger Gymnasium, hat den Kontakt zu Demnig hergestellt. Er hat mit seinem ehemaligen Schüler Dirk Lennartz 2000 ein Buch über die Geschichte der Juden in Freudenburg veröffentlicht. "Das hat uns damals wirklich die Augen geöffnet", sagt Gödert. "Uns wurde klar, was es bedeutet, dass es den Angehörigen vergönnt ist, einen Platz zu haben, an dem sie trauern können." Die Stolpersteine seien auch als Zeichen der Verbundenheit zu verstehen. Gödert: "Wir haben die Verantwortung, dafür Sorge zu tragen, dass sich diese abartige Geschichte nicht wiederholt."

Rückkehr zu den Wurzeln



Ruth Conolly verfolgt die Zeremonie und die Worte sitzend, neben ihr ihre Tochter Donna. Später, als sie bei den Steinen steht, zeigt sie auf die ihrer Eltern und Geschwister. "Es ist traurig und schön zugleich, hier zu sein", sagt Conolly. Sie hat die ersten drei Lebensjahre in Freudenburg verbracht. Für die Stolperstein-Verlegung ist sie zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder zurück in dem Ort, in dem ihre Wurzeln liegen. "Es bedeutet mir sehr viel", sagt sie. "Es ist aber auch ein wenig überwältigend."

EXTRA

STOLPERSTEINE



Die Stolpersteine sind ein Kunstprojekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig. 1997 wurden die ersten der zehn mal zehn Zentimeter großen Steine, auf denen eine Messingplatte aufgesetzt ist, verlegt - in Berlin. Seitdem gibt es sie in zehn Ländern Europas, insgesamt sind es rund 28 000. Freudenburg ist nach Aussagen Demnigs der 627. Ort in Deutschland. In der VG Saarburg gibt es sonst noch keine. Die nächsten Stolpersteine liegen in Konz-Könen, Konz-Oberemmel, Greimerath und Trier. Finanziert wird das Projekt über Patenschaften. Ein Stein kostet 95 Euro. jka