75 Jahre Hunsrückhöhenstraße

Die Leistung der Arbeiter verdient Respekt, Bewunderung ist bei diesem Werk aber nicht angebracht: Im Sommer 1938, also vor 75 Jahren, wurde in nur 100 Tagen die Hunsrückhöhenstraße von Koblenz nach Saarburg gebaut. Die Nazi-Machthaber propagierten damals, dass die Straße dem Fremdenverkehr dienen sollte. Dabei waren in Wirklichkeit militärische Gründe entscheidend.

Sie heißt auch "Straße der weiten Aussicht", wurde schon häufig als "Schlagader der Region" bezeichnet und trägt heute die Nummern B 327/B 407: Die Hunsrückhöhenstraße, die auf etwa 140 Kilometern Länge von Koblenz nach Saarburg führt. Ihr Bau jährt sich zum 75. Mal.

Die Ost-West-Verbindung wurde im Sommer 1938 in der Rekordzeit von 100 Tagen fertiggestellt. Damals waren die Nazis an der Macht und einer ihrer führenden Politiker war Hermann Göring. Er verkündete am 16. Juni 1938 den Bau der Straße. Zur Begründung wollten die Nazis weismachen, sie diene der "Hebung des Fremdenverkehrs" im Hunsrück - eine glatte Lüge. "Sie war ganz klar als Aufmarschstraße gedacht", sagt der Hermeskeiler Heimatforscher Kurt Bach im Einklang mit anderen Historikern. Aus militärischen Gründen sollte eine schnelle Verbindung zwischen der Garnisonsstadt Koblenz und den Westwall-Anlagen bei Saarburg geschaffen werden. Damit sollten die damals bestehenden windungsreichen Provinzialstraßen durch die Dörfer umgangen werden. Diese strategischen Zwecke bedeuteten, dass die Straße möglichst wenige Steigungen und Kurven aufweisen sollte und auf Ortsdurchfahrten sowie künstliche Bauwerke - etwa Brücken - möglichst verzichtet wird. Das ist bis heute Kennzeichen der Hunsrückhöhenstraße.Als Aufmarschstraße gedacht

Görings Befehl lautete: Die Straße muss in 100 Tagen fertig sein. Um diese extrem straffe Zeitvorgabe zu schaffen, wurde mit allen Mitteln vorgegangen, die einer Diktatur zur Verfügung stehen. Ein Beispiel: Verhandlungen mit Grundstückseigentümern wurden erst gar nicht geführt. Sie wurden enteignet. "Zum Wohl des Reiches" hatte jedes Eigeninteresse zurückzutreten. Die Arbeiten wurden auch nicht ausgeschrieben. Stattdessen wurde die Strecke in Lose von jeweils zwei bis drei Kilometern aufgeteilt. Die Abschnitte wurden meist örtlichen Unternehmen zugewiesen.

Auf bautechnisch schwierigen Passagen kamen auswärtige Firmen zum Zug - so etwa zwischen Morbach und Thalfang, wo Felssprengungen nötig waren. Aus ganz Deutschland wurden über die Organisation Todt Arbeiter rekrutiert. Sie legten schon am 19. Juni los.

In dem dünn besiedelten Gebiet war die Unterbringung der Arbeiter ein großes logistisches Problem. Für die Arbeiter wurden in der Nähe der Baustelle Lager errichtet oder sie schliefen in Sälen von Gastwirtschaften. Einig sind sich die Historiker in der Bewertung, dass der Bau der Straße dem Hunsrück ein "kleines Wirtschaftswunder" brachte, wie es Bach formuliert. Metzger oder Gastwirte profitierten. Die Kehrseite der Medaille findet sich aber in einem Bericht des Dorflehrers von Hilscheid. Zwar "schwamm" nach seiner Aussage der Ort im Geld. Aber: "Die Leute wurden leichtsinnig, liefen lieber auf die Straße zur Arbeit und ließen ihr Korn auf dem Halm stehen."
Von Anfang an war klar, dass es zunächst nur um die Fertigstellung der Fahrbahn gehen würde und beispielsweise keine Bankette angelegt werden.

Weitgehend wurde der Zeitplan tatsächlich eingehalten. Da aber das Problem der Beschaffung von Baustoffen immer größer wurde, stellte man die Fertigstellung der Neubaustrecke zwischen Hermeskeil und Zerf 1938 zurück. Stattdessen wurde die bestehende Straße von Hermeskeil über Gusenburg, Wadern und Weiskirchen nach Zerf provisorisch ausgebessert und neu geteert. Auf den Ausbau der Strecke Zerf-Saarburg wurde damals verzichtet.

Extra
12,4 Millionen: So viele Reichsmark kostete der Bau der Hunsrückhöhenstraße allein auf dem 45 Kilometer langen Teilstück, für den das Landesbauamt Trier zuständig war. Anfänglich hatte man die Kosten übrigens auf lediglich sieben Millionen Reichsmark geschätzt. 65 000: So viel Tonnen Teermischgut wurde im Bereich des Bauamts Trier benötigt. Hinzu kamen immense Massen an Schotter und Packlagesteine. "Die Bereitstellung dieser Materialien forderte eine Ausschöpfung aller nur möglichen Bezugsquellen ohne Rücksicht auf die Gestehungskosten", heißt es im Bericht des Amts 1939. 4500: So viele Arbeiter waren im Sommer 1938 allein im Straßen-Abschnitts des Bauamts Trier beschäftigt. Laut Abschlussbericht gab es auf der Baustelle "bezüglich der Arbeitsleistungen die größten Überraschungen, da die Männer aus fremden Berufen kamen". Bei einer Gruppe von 97 Arbeitern habe es nur 26 Bauarbeiter gegeben. Die übrigen waren Tapezierer, Friseure, Hausdiener oder Bäcker." 27: Aus so vielen Steinbrüchen wurde das Material für den Straßenbau herbeigeschafft. ax

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