881 Stimmen gegen Norma-Markt

"Discounter, nein danke!" Das ist die Meinung von 881 Bürgern aus Zerf und Umgebung. Sie haben bei der Unterschriftenaktion gegen die Ansiedlung eines Norma-Markts im Gewerbegebiet am Kreisel mitgemacht. Der Zerfer Rat sagt zu diesen Plänen hingegen "Ja - aber!" Die Gemeinde wird mit Norma einen Optionsvertrag abschließen. Sie fordert aber ein Gutachten, wie sich der neue Markt auf das Gewerbe im Ort auswirkt.

Zerf. Es war eine bewegte Ratssitzung mit einem Vorspiel, zwei Unterbrechungen und einem Nachspiel hinter verschlossenen Türen. Die Zerfer Gemeindepolitiker haben sich am Dienstagabend mit dem umstrittenen Ansiedlungswunsch des Lebensmittel-Dicounters Norma auf der noch grünen Wiese im geplanten Gewerbegebiet am Kreisel beschäftigt. Zugleich stellte Ralf Koch, der Besitzer des bestehenden Nah- und Gut-Geschäfts an der Ecke Trierer Straße/Deeswiese vor über 50 Zuhörern in der Ruwertalhalle seine Zukunftspläne vor.
Das Vorspiel: Eine Interessengemeinschaft von Gewerbetreibenden aus dem 1600 Einwohner zählenden Ort hat unter dem Motto "Discounter - Nein danke!" eine Unterschriftenaktion initiiert. 881 Menschen, davon 456 aus Zerf, haben sich auf der Liste eingetragen. Elke Kresse überreichte sie Ortsbürgermeister Dieter Engelhardt (SPD). Die Vorsitzende des Gewerbevereins betonte im TV-Gespräch: "Wenn sich ein Discounter am Rand ansiedelt, dann stirbt der Ortskern aus. Dafür gibt es viele Beispiele - etwa Hermeskeil. Die Ansiedlung von Norma würde also nicht nur das Geschäft der Familie Koch betreffen, sondern sie gefährdet auch viele andere Gewerbetreibende in Zerf."
Die Pläne der Familie Koch: Die Besitzer des seit 18 Jahren ortsansässigen Lebensmittelgeschäfts hatten zwischenzeitlich zwar in Erwägung gezogen, sich ebenfalls um das Grundstück im Gewerbegebiet zu bewerben und dort einen neuen Markt zu bauen. Diese Pläne sind laut Koch nun aber ad acta gelegt. Er sagt dem TV: "Unser eigentliches Ziel war von Anfang an die Erweiterung des bestehenden Markts." Durch einen Anbau soll die Verkaufsfläche von 450 auf 760 Quadratmeter und das Sortiment von 10 000 auf 15 000 Artikel vergrößert werden. Das zurzeit 25-köpfige Personal will Koch aufstocken. Dieses Konzept stellte er dem Publikum gleich zwei Mal vor, weil es in der Halle akustische Probleme gab und in einer Pause erst einmal ein Mikrofon organisiert wurde.
Die Ratsdebatte: Bei aller Einigkeit der Gemeindepolitiker darüber, dass man sich den Fortbestand des Nah- und Gut-Geschäfts wünscht, war im Gremium ein geteiltes Meinungsbild erkennbar. Koch hatte nämlich auf Nachfrage betont: "Wenn Norma oben hinkommt, dann wären die Chancen schlecht, dass wir bleiben würden. Norma hat mehr finanzielle Reserven. Bei einem längeren Preiskampf würden wir kaputt gehen." Koch rechnet mit Umsatzeinbußen von 20 bis 30 Prozent. Diese Aussage führte zu unterschiedlichen Reaktionen - und zwar quer durch die Fraktionen (siehe Extra Stimmen). Schließlich einigte sich der Rat nach einer weiteren Unterbrechung auf Antrag der Fraktion BOK (Bürgerunion offene Kommunalpolitik) einstimmig darauf, dass unabhängig von der Größe eines möglichen Norma-Markts ein Gutachten gemacht werden muss. Diese sogenannte Verträglichkeitsstudie - die in einem Genehmigungsverfahren eigentlich erst ab einer Verkaufsfläche von 800 Quadratmetern bindend ist - soll Auskunft darüber geben, welche Auswirkungen die Ansiedlung eines Discounters auf die Geschäfte im Ortskern hat. Der Rat betonte dabei, dass sich die Investoren, also Norma, mit der Gemeinde absprechen muss, welches Fachbüro dafür den Auftrag bekommt. Das soll ein "Gefälligkeitsgutachten" verhindern.
Das Nachspiel: Nach Auskunft von Engelhardt hat der Zerfer Rat im nichtöffentlichen Teil mehrheitlich beschlossen, dass mit Norma ein Optionsvertrag abgeschlossen wird. Die Firma könnte das Grundstück im Gewerbegebiet also kaufen. Norma muss aber im nun folgenden Verfahren innerhalb der nächsten drei Monate prüfen lassen, ob die Ansiedlung mit einem neuen Markt tatsächlich negative Folgen für den Ortskern hätte.
Die Reaktionen: Koch bewertet den Ausgang der Gemeinderatssitzung als "Kompromisslösung. Man muss jetzt sehen, wie es ausgeht." Kresse spricht von einem "winzigen Fortschritt". Sie betont aber: "Die beste Lösung wäre aus unserer Sicht immer noch, dass kein Discounter nach Zerf kommt".

Extra

Karsten Jung, Freie Bürgerliste: "Ich sitze nicht hier, um Besitzstandswahrung zu machen. Mit der Ansiedlung von Norma hätten wir die große Chance, unser Gewerbegebiet zu erschließen. Als die Pläne bekannt wurden, gab es ja schon gleich Anfragen von anderen Firmen." Marliese Mertes (CDU): "Wir waren 18 Jahre mit dem Geschäft der Familie Koch zufrieden und stellen jetzt alles infrage. Wir müssen den Laden im Dorf lassen." Markus Becker, CDU: "Kein Mensch will den Vollversorger im Ort abschaffen. Wir wollen aber das Angebot für unsere Bürger erweitern." Waldemar Rommelfanger, BOK: "Die Gemeinde hat auch eine Verantwortung für die bestehenden Betriebe. Durch Norma würden wir Unsicherheit reinbringen und den Ortskern nicht stabilisieren."