Ägypten liegt noch immer an der alten Stelle

Ungewöhnliche oder geheimnisvolle Straßen- und Ortsnamen nimmt der Trierische Volksfreund unter die Lupe und versucht, ihre Herkunft zu erklären.

 In Ägypten: In Wiltingen sollen les Egyptiens, wie Landfahrer genannt wurden, zeitweise gelagert haben. TV-Foto: Klaus D. Jaspers

In Ägypten: In Wiltingen sollen les Egyptiens, wie Landfahrer genannt wurden, zeitweise gelagert haben. TV-Foto: Klaus D. Jaspers



Wiltingen. (kdj) Nein, Sie haben sich nicht verfahren, und Ihr Navigationsgerät spinnt nicht. Sie befinden sich tatsächlich in Ägypten - oder wenigstens kurz davor. Das Straßenschild gibt Ihre Position absolut korrekt an: "In Ägypten". Und das liegt in Deutschland, genauer gesagt in Wiltingen, im Landkreis Trier-Saarburg.

Der ungewöhnliche Straßenname hat Geschichte - auch wenn seine Herkunft eher im Dunklen liegt. Dorfhistoriker Thomas Müller ist den Spuren der Straßenbezeichnung nachgegangen. Woher der Begriff "In Ägypten" letztlich kommt, blieb aber auch ihm zunächst verschlossen. Bis er bei neueren Nachforschungen auf eine schlüssige Erklärung für die 1835 erstmals im Wiltinger Urflurbuch niedergeschriebene Flurbezeichnung "Aeggypten" stieß. Ein um 1800 erschienenes deutsch-französisches Wörterbuch lieferte den ersten Schlüssel zur Enträtselung. Müller: "Zigeuner, wie man damals sagte, werden darin als les Egyptiens - die Ägypter - bezeichnet."

Fünf Möglichkeiten der Interpretation



"In Niedersachsen taucht die Bezeichnung ,Ägypten' für ehemalige Lagerplätze des fahrenden Volks mehrfach auf." Der Bereich des heutigen Viertels "In Ägypten", direkt an der Saar gelegen, könnte durchaus ein Lagerplatz für die fremdartig aussehenden "Ägypter" gewesen sein. Die von den Wiltingern noch heute verwendete Bezeichnung "im Ägypten Ecken" lässt diese Deutung durchaus zu. An Erklärungsversuchen hat es laut der unvollständigen Aufzählung bisher nicht gemangelt. Fünf Möglichkeiten der Interpretation hat Müller aufgetan.

Erste Version: Als einmal ein Schiff seine Ladung in Wiltingen löschen wollte, seien Milch und Honig im Unterdorf verschüttet worden. Daraus folgte, das sei das Land, in dem Milch und Honig fließen, ein Synonym für Ägypten.

Zweite Version: Das regelmäßige Saarhochwasser gleiche den Überschwemmungen des Nils.

Dritte Version: Einen nicht näher bezeichneten und deshalb unbekannten "englischen Ausdruck" für "fliehen" hielt der Wiltinger Lehrer Hilarius Stoll (circa 1930) für namensstiftend.

Vierte Version: Die Kanzemer hätten ihren Weg zur Messe in Wiltingen inklusive Übersetzen über die Saar mit dem Zug durch das Rote Meer verglichen.

Fünfte Version: Ein Offizier in englischen Diensten habe Mitte des 19. Jahrhunderts aus Ägypten seine Frau mitgebracht, die ihr Haus "orientalisch" ausgestattet habe.

Thomas Müller und seine Helfer haben sich mit den teils eher erheiternden als erhellenden Erklärungen nicht zufriedengegeben, sondern weiter nach der "ägyptischen" Quelle geforscht und - so scheint es - eine zufriedenstellende Antwort gefunden.

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