Anonymer Abschied aus dem Leben
"Wir sind hier zusammengekommen, um 16 Menschen zu Grabe zu tragen", sagt Pfarrer Peter Sorg. Keine Angehörigen, nur Wolfgang Nellinger, Friedhofsverwalter in Hermeskeil, zwei Bestatter und Axel Baumann vom Hermeskeiler Krematorium begleiten die Verstorbenen auf ihrem letzten Weg.
Hermeskeil. In der Friedhofskapelle stehen 16 Urnen. Vor jeder Aschekapsel flackert ein Teelicht. Keine Blumen, keine Kränze und auch keine Angehörigen sind da. "Außer den nackten Daten wissen wir nichts von den Verstorbenen", durchbricht der Geistliche mit bewegenden Worten die Stille. Auf den Urnen steht der Name, das Geburts- und Sterbedatum, die Einäscherungsnummer und -datum sowie der Name des Bestatters. Niemand wisse, ob um die Toten getrauert werde, stellt Sorg in den Raum. Ein letztes Mal nennt er ihre Namen.Einmal im Monat kommt der evangelische Pfarrer, in der Regel gemeinsam mit dem katholischen Diakon Franz-Josef Schäfer, in die Friedhofskapelle in der Hochwaldstadt, "um einen letzten Akt der Barmherzigkeit auszuführen". Verstorbene werden in einem anonymen Sammelbegräbnis beigesetzt. Anonym bedeute, dass die Grabstelle ohne individuelle Kennzeichnung bleibe, erklärt Nellinger. "Kein Täfelchen erinnert mehr an die Toten." Der Beisetzungsort und -tag bleibt den Angehörigen ewig verborgen. Anonyme Bestattungen nehmen zu
"Auf vielen Friedhöfen werden die Urnen in eine Schubkarre geladen und in einem Loch vergraben", sagt Bestatter Christoph Trösch. Dass "Verstorbene entsorgt und ohne eine Verabschiedung aus der Welt verschwinden", wollte der Friedhofsverwalter Nellinger nicht hinnehmen. "Das ist würdelos", findet er. Der Beamte war geschockt über den Wandel in der Bestattungskultur und setzte ein Zeichen. Er fragte bei den Geistlichen beider Konfessionen in Hermeskeil nach, ob sie dem anonymen Sammelbegräbnis einen würdevolleren Rahmen geben könnten. Die beiden Pfarrer sagten zu. Die Aschekapseln werden nach wie vor gesammelt. "Bis es 16 sind", sagt Nellinger. Dann wird ein Termin für die Mehrfachbeisetzung in einem Ein-Kubikmeter-Grab festgelegt. "Seit August letzten Jahres haben wir 104 Tote in einer anonymen Sammelbestattung beerdigt", sagt Nellinger. Die Gründe für anonyme Bestattungen sind vielfältig
Die Tendenz, diese Bestattungsform zu wählen, sei steigend, die Gründe vielfältig: Im Vordergrund stehe in erster Linie der ökonomische Reiz. "Eine anonyme Sammelbestattung ist die billigste Variante, sie kostet 180 Euro", sagt Bestatter Trösch. Zum Vergleich: Für eine "normale" Grabstätte plus Leichenhallennutzung müssen in Hermeskeil 650 Euro gezahlt werden. Kosten sparen wollen, aber auch Schicksale von Armen stecken hinter der Zunahme der anonymen Bestattungen. Ebenso sei auch häufig der Wunsch der Verstorbenen, den Angehörigen die Grabpflege zu ersparen, ausschlaggebend. Oder andersherum: Die Hinterbliebenen entschieden sich für das "pflegeleichte Grab", das stark im Kommen sei. Peter Sorg wertet den Wandel in der Bestattungskultur auch als Rückzug des Todes und der Sterblichkeit aus dem Leben. Mit Besorgnis betrachtet er das Entschwinden der heilsamen Kraft, die die soziale Begleitung von Begräbnissen und das Trauern am Grab habe. Dass Toten immer öfter kein Ort zugewiesen werde, sei Spiegel der sich wandelnden Gesellschaft. Häufig werde vergessen, dass eine Grabstätte vor allem den trauernden Angehörigen diene, sagt Christoph Trösch. "Grabpflege ist Seelenpflege", betont der Bestatter.