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"Auch andere haben ihre Schicksale"

"Auch andere haben ihre Schicksale"

SAARBURG. Sein eigenes Kind zu Grabe tragen zu müssen, ist für Eltern wohl die schlimmste Vorstellung ihres Lebens. Die Mütter und Väter, die sich in der Saarburger Selbsthilfegruppe "Leben ohne Dich" zusammengeschlossen haben, haben diese Erfahrung gemacht und müssen mit ihr leben.

Ein nüchterner Raum in der Lebensberatungsstelle Saarburg, wenige Meter oberhalb des Wasserfalls. Hier trifft sich die Saarburger Selbsthilfegruppe "Leben ohne Dich" an jedem ersten Montag im Monat. Mütter und Väter, die ein Kind verloren haben, kommen an diesem Ort zu einem offenen Gesprächskreis zusammen - und richten sich den zu anderen Zeiten schmucklosen Raum nach ihren Bedürfnissen ein.Ritual: Eine Kerze wird entzündet

Ein Bilderrahmen mit Farbfotos und den Namen ihrer verstorbenen Kinder ist auf einem Ecktisch aufgestellt. Davor brennt eine dicke, bunt verzierte Kerze. Literatur zum Thema "Tod und Trauer" liegt ausgebreitet auf zwei langen Tischen. Und auf dem kleinen Tisch, um den herum die Eltern sitzen, ist eine große Schale mit brennenden Schwimm-Kerzen aufgestellt - ein Teelicht leuchtet für jedes tote Kind. Wer zur Gruppe hinzustößt, entzündet als Erstes - gleich einem Ritual - zunächst ein Licht. An diesem Montag, beim Besuch des Trierischen Volksfreunds, brennt eine Kerze mehr: Ingrid Meese aus Serrig ist zum ersten Mal in der Runde dabei. "Bei mir werden es zwar jetzt schon fünf Jahre, dass mein Junge tot ist. Aber irgendwie komme ich immer noch nicht gut damit zurecht. Als mir meine Bekannte aus Serrig von diesem Kreis erzählte, dachte ich, ich schaue mir das mal an", sagt sie und deutet auf ihre Nachbarin in der Runde."Nichts ist mehr wie vorher"

Franziska Brausch und Ingrid Meese haben sich auf dem Friedhof kennen gelernt, als sie die Gräber ihrer tödlich verunglückten Söhne besuchten. Dort sind sie ins Gespräch gekommen und haben sich darüber ausgetauscht, wie schwer es ist, mit dem Verlust eines Kindes zu leben. "In der Öffentlichkeit herrscht die Meinung, ein paar Wochen nach dem Tod laufe alles wieder normal. Das ist aber nicht so. Nichts ist mehr, wie es vorher war", weiß Ellen Rothhaar. Ihre damals 15-jährige Tochter Anne verunglückte tödlich im Herbst 2003. "In der ersten Zeit sind ganz praktische Dinge wichtig, beschäftigen einen Fragen wie ,Wo finde ich einen Grabstein?', ,Wie bereite ich mich auf den ersten Geburtstag nach dem Tod meines Kindes vor?' und andere Dinge. Ich habe festgestellt, dass es bei den zurückgebliebenen Eltern einen Bedarf gibt, sich auszutauschen." Aus ihrer eigenen Betroffenheit heraus habe sie nach einer entsprechenden Anlaufstelle gesucht und sei auf den Verein "Leben ohne Dich" aufmerksam geworden, der seinen Sitz in Mühlheim an der Ruhr hat. Im Oktober 2004 initiierte Rothhaar die Selbsthilfegruppe in Saarburg. Die Gruppe versteht sich als offener Gesprächskreis, die Teilnahme ist nicht nur kostenlos, sondern kann auch flexibel gestaltet werden. "Jeder kommt, so oft er möchte", erläutert Rothhaar. Ein Kern habe sich etabliert - immer wieder stießen jedoch neue Mütter oder Väter hinzu. Jeder darf über alles reden

Das Motiv ist bei allen gleich: "Hier kann ich Dinge loswerden, die sonst niemand mehr hören will, weil es für die meisten so schwer ist, mit dem Thema umzugehen", bringt es Gudrun Hock aus Konz auf den Punkt. Auch sie hat ihre damals 21 Jahre alte Tochter Anna 2003 bei einem Autounfall verloren. Seitdem weiß sie: "Der eigene Gemütszustand ändert sich ständig. Mal geht es einem gut, und am nächsten Tag möchte man sich erschießen, weil der Schmerz einen zu zerreißen droht." "Jeder darf erzählen, wonach ihm gerade ist. Und wer nicht sprechen möchte, lässt es", beschreibt Ellen Rothhaar und betont, die Gruppe habe keinen therapeutischen Anspruch. "Wir sind eine reine Selbsthilfegruppe, unterstützen uns gegenseitig." Den Schmerz kann freilich niemand dem anderen abnehmen. Dass ihre Zusammenkünfte dennoch fruchtbar sind, bestätigen alle. Gudrun Hock sagt: "Häufig fühlt man sich in seiner Trauer mutterseelenallein. Bei unseren Treffen wird einem bewusst, dass andere auch ihre Schicksale haben." "Leben ohne Dich" trifft sich jeden ersten Montag im Monat um 20 Uhr in der Lebensberatungsstelle Saarburg. Kontakt: Ellen Rothhaar, Telefon: 06581/95270: E-mail: shg-saarburg@lebenohnedich.de oder Gudrun Hock, Telefon: 06501/3955; guhock@web.de.