Aus für Ochsen und Höllengeister

Aus für Ochsen und Höllengeister

DETZEM/THÖRNICH. Nur ein knapper Kilometer Kreisstraße trennt Detzem (rund 590 Einwohner) und Thörnich (rund 180 Einwohner). Die Nähe ist heute der Grund für enge Zusammenarbeit und gute Beziehungen. Vor 40 Jahren war das noch ganz anders.

Traf vor 40 Jahren ein junger Thörnicher auf einen Detzemer, so hatte er ein Schimpfwort parat: "Dätzemer Hälegätzert” (Detzemer Höllengeist). "Theeriger Uchsen” (Thörnicher Ochsen) nannten die Detzemer ihrerseits die Einwohner des Nachbarortes. Die Jugendlichen beider Dörfer waren nur selten untereinander Freund, da dies missbilligt wurde. Bei Feiern, wie der Kirmes, kam es manchmal zu Ärger und Schlägereien im anderen Dorf. "Das darf man nicht überbewerten”, relativiert der Realschulrektor im Ruhestand Josef Hilgers, Detzemer Dorfchronist und in den 60er-Jahren Lehrer an der Volksschule. Neid spielte oft eine große Rolle, erklärt er, galten doch die Thörnicher Gehöfte als größer und wohlhabender, weshalb viele junge Detzemer bei den "reichen" Thörnichern ihr Brot als Tagelöhner verdienten. Autos waren noch selten, deshalb waren die Distanzen größer. Jedes Dorf bildete eine mehr oder weniger abgeschottete Gemeinschaft. Als wichtigsten Grund führt Hilgers an, dass beide Dörfer vor 1966 ihre eigene Volksschule hatten. Deshalb pflegte der Nachwuchs keinen regelmäßigen Kontakt. Der entscheidende Einschnitt kam 1966, als die einklassige Thörnicher Volksschule mit ihren 20 Schülern aus acht Jahrgängen aufgelöst werden sollte. Die erregten Thörnicher Eltern, die erst im Vorjahr das Gebäude teuer restauriert hatten, boykottierten acht Tage die Fahrt der Kinder nach Detzem. Josef Hilgers, damaliger Leiter der zweiklassigen Detzemer Schule mit rund 70 Kindern, konnte ihren Ärger nachvollziehen. Doch alles Widerstreben half nichts. Mit dem gemeinsamen Schulbesuch der Kinder in Detzem und ab 1973 in der Leiwener Grundschule entstanden erstmals Freundschaften. "Beide Dörfer begannen, über den eigenen Kirchturm hinauszuschauen”, sagt Detzems Ortsbürgermeister Hans-Peter Hoffmann (42), der 1967 eingeschult wurde. Für die sieben Vereine des größeren Detzem ist es heute selbstverständlich, dass viele Mitglieder aus dem kleineren Thörnich mitwirken. In den 70er-Jahren war dies unvorstellbar. "Die Einwohner beider Orte waren noch ziemlich unter sich", erläutert Hans-Peter Brixius, Stellvertreter des Thörnicher Ortsbürgermeisters. Eine Vorreiterrolle übernahm die Winzertanzgruppe Detzem, die 1976 von Vertretern der jungen Generation um Hans-Peter Hoffmann gegründet wurde. "Es war ein ziemlicher Kampf für den jungen Verein, auch Thörnicher als Mitglieder aufzunehmen", sagt Hoffmann Erst Mitte der 80er-Jahre fand die Idee mehr Zuspruch. Heute besteht die Winzertanzgruppe fast zur Hälfte aus Thörnichern. Auch die Winzerkapelle "Moselstern" erfreut sich vieler Thörnicher Mitglieder und eines gebürtigen Detzemer Vorsitzenden, der in Thörnich lebt. Die Detzemer Vereine gewinnen durch die Thörnicher wichtige personelle Unterstützung. Thörnich seinerseits hat Auftritte der Kultur tragenden Vereine bei kirchlichen und weltlichen Feiern. "Durch die gemeinsame Schulzeit und Vereinsarbeit sind viele Freundschaften entstanden", zieht Brixius Bilanz. Auch die Bürgermeister arbeiten harmonisch zusammen, wenn, wie vor drei Jahren, Wirtschaftswege im Weinberg, die beide Gemarkungen umfassen, erneuert werden. "In Zeiten der europäischen Einigung kann man nicht auf kommunaler Ebene zerstritten sein”, betonen Hoffmann und Brixius. Für die Dorfjugend sind Streitigkeiten längst Geschichte. Jedes Wochenende sind die Jugendlichen zusammen auf Tour, Freundschaften sind entstanden. "Uchsen un' Hälegätzerten" haben ausgedient. Nur in einer Angelegenheit werden die Jungen beider Dörfer zu Rivalen: Beim Messdienerfußballturnier, bei dem jedes Jahr der Wanderpokal des Pastors ausgespielt wird. Er steigt 2003 in Thörnich. Am Dienstag in der Serie Kreis ganz: Michael Schlag aus Mehring wird am 16. Dezember 21 Jahre alt. Doch er hat bereits den Meisterbrief als Estrichleger in der Tasche.